Die Sagen Airans - Die Legende von Vismar


Blut.
Das war alles woran ich mich entsinnen konnte, als ich die Augen wieder öffnete.
Blut.
Wessen Blut ?
Ich übergebe mich, als die Erinnerung zurückkehrt.
Ich sehe das Gesicht meiner Mutter. Es ist Blutverschmiert.
Ich sehe meinen Vater mit zertrümmertem Schädel.
Ich sehe meine Freunde, meine Familie, meine Nachbarn. Sie alle sind tot. Nur die jungen Mädchen haben sie verschleppt. Unter ihnen ist auch Mira. Meine süße Mira. Ich sehe wie sie schreit. Doch ich höre sie nicht. Alles was ich hören kann, sind die Flammen, die das Haus verzehren, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Ich sehe wie meine Liebste ihre Hand nach mir ausstreckt. Ihr Gesicht ist so verzweifelt. Dann sehe ich den Mann mit dem Streitkolben. Und dann sehe ich nichts mehr. Dann gibt es nur noch Schmerzen. In meinem Kopf schmerzt der Schlag. In meinem Herzen schmerzt der Verlust.
Als ich endlich aufstehe ist es vorbei. Kein Feuer brennt mehr. Niemand röchelt oder hustet seinen letzten Atem heraus. Alle sind tot. Alle außer mir.
Warum ?
Warum ich ?
Ich weiß es nicht.
Ich blicke auf die Leichen der Menschen, die ich einst meine Freunde nannte, herab.
Warum kann ich nicht trauern ?
Habe ich keine Gefühle mehr ?
Nein. Das ist es nicht. Ich kann fühlen. Ich fühle noch immer diesen Schmerz in meinem Herzen.
Ist das Trauer ?
Und ich fühle etwas anderes. Etwas dunkles.
Ist das Hass ?
Ja. Es muss so sein. Ich hasse diese Bastarde. Diese Verbrecher, die dieses Blutbad angerichtet haben. Ich muss sie strafen.
Eigentlich sollte ich die Toten begraben. Doch dann sehe ich es. Es lacht mich an wie ein grausamer Racheengel. Es funkelt wie ein Stern. Ein Stern, der Hoffnung mit sich bringt. Hoffnung, meine Liebste vielleicht doch wiederzusehen. Ich ergreife das Schwert und hebe es über meinen Kopf. Ich spüre sein Gewicht. Ein Gefühl der Macht. Die Macht Rache zu üben. Vergeltung für die Toten, deren Ruhe noch warten muss um meiner süßen Mira Willen.
* * *

Die Nacht ist hereingebrochen. Sie ist wunderschön. Die Sterne leuchten hell am Himmel. Die Monde küssen sich wie zwei Liebende. Ein warmer Wind streichelt meine Haut und liebkost meine Wunden. Doch ich habe keine Zeit, auf all dies zu achten. Mein Kopf schmerzt wieder. Benommen hebe ich die Hand und stütze ihn. Ich bin müde und das flaue Gefühl im Magen sagt mir, dass ich wohl länger als einen Tag bewusstlos gewesen sein muss und dringend etwas zu Essen benötige. Doch für Essen und Schlaf bleibt keine Zeit. Ich muss Mira finden.
Ihnen zu folgen ist nicht schwer. Wo auch immer sie gehen, hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung.
Dann endlich habe ich sie gefunden. Das Lager ist größer als ich vermutet habe. Es sind wohl hundert Mann. Wahrscheinlich sogar mehr.
Ich betrachte den Stahl in meiner Hand und fühle mich wieder zu allem fähig. Leise schleiche ich mich an das Lager heran. Sie sind unvorsichtig. Sie feiern ihre Untaten und laben sich an den geraubten Speisen und an dem Wein der Toten. Von ihrem selbstsicheren Hochmut überzeugt laufe ich fast in die Arme einer Wache. Im letzten Moment kann ich mich hinter einem Busch verbergen. Der Mann hat mich nicht gesehen. Da erkenne ich ihn. Nein, nicht ihn. Seinen Streitkolben. Ich greife an die Stelle, an der er meinen Kopf getroffen und fast zerschmettert hat. Dann kommt die Wut.
Mein Herz schreit nach Rache. Und es soll sie bekommen. Mein erster Hieb durchtrennt das Bein der Bestie. Schreiend gleitet der Mann zu Boden. Von der Überraschung und dem Schmerz betäubt denkt er nicht einmal daran, sich zu wehren. Trotzdem schlage ich ihm auch die rechte Hand ab. Sein Schrei wird zu einem irren Kreischen. Ich schmecke Blut auf meinen Lippen. Und es ist nicht das meine.
Wieder und wieder schlage ich auf ihn ein. Selbst als er sich nicht mehr rührt. Ich höre das Splittern von Knochen. Das Kreischen, wenn meine Waffe durch die Ringe des Kettenhemdes schneidet und das feuchte Geräusch, wenn ich sie wieder heraus ziehe. Wie im Wahn schlage ich immer wieder zu, bis mir plötzlich ein Schlag auf den Hinterkopf das Bewusstsein raubt.

Als ich wieder erwache, bin ich gebunden und blicke in das Gesicht des Teufels persönlich. Lord Hapgar. Einige sagen, er stünde mit den bösen Mächten im Bunde. Andere sagen, er sei nur ein machtgieriger Tyrann. Egal was wahr sein mag. Für mich bedeutet er das Ende. Haarklein beschreibt er mir, wie ich sterben werde. Mir wird übel. Ich will nicht sterben.
Doch ich flehe nicht um mein Leben. Ich bettele nicht und ich weine nicht. Einzig ihren Namen schreie ich als sie mich fortschleppen.
* * *

"Erhebe dich !", höre ich eine liebliche Stimme erklingen.
Wie kann das sein ? Ich sollte tot sein.
Ich erinnere mich daran, wie ihre Klingen meinen Körper verstümmelt haben. Wie sie Salz und Honig in meine Wunden gerieben haben. Und die Schmerzen, als sie mich den Ameisen zum Fraß vorwarfen.
Ich muss einfach tot sein.
Und doch kann ich diese Stimme hören.
"Komm zu mir !", ruft sie verführerisch.
"Sei mein Sklave ! Gib dich mir hin ! Es wird dir gefallen."
Ich fühle wie ihr Wille nach mir greift, doch ich schmettere ihn ab und richte mich auf.
"Was ?!?"
Sie scheint verwirrt.
"Wie kannst du mir widerstehen ?!?"
Ihr Gesicht ist wutverzerrt. Ihre Augen funkeln bedrohlich. Dennoch kann sie ihre Nervosität nicht verbergen. Unruhig zucken ihre ledrigen Flügel. Ihre feuerrote Haut ist schweißnass. Irgend etwas scheint ihr Angst zu machen.
"Ist dein Herz nicht von Wut erfüllt ? Gilt dein ganzes Sehnen nicht der Rache ? Spüre ich da tatsächlich Liebe in dir ? Wahre Liebe über den Tot hinaus ?"
Ihr Blick ist misstrauisch.
Kann sie wirklich meine Liebe zu Mira sehen ? Ist wahre Liebe wirklich so selten ?
Aufmerksam beobachtet sie mich. Dann streicht sie sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und wirft mir einen verführerischen Blick zu.
"Ich kann dir alles geben, was du willst.", flüstert sie mit sanfter Stimme.
"Lieber würde ich auf ewig allein sein, als meine Gefühle zu Mira durch auch nur einen Gedanken an eine andere Frau zu besudeln.", stoße ich angewidert hervor. Die unreine Schönheit dieses Wesens stößt mich ab, mehr als es die Hässlichkeit je könnte. Ich fühle mich unwohl in seiner Nähe.
Das Wesen lacht.
Lacht sie mich aus, oder ist sie amüsiert von meinem trotzigen Widerstand ?
"Also gut!", ruft sie schließlich aus: "Du sollst deine Chance bekommen."
* * *

Noch immer schreie ich.
Die Schmerzen sind vorüber, doch ich schreie.
Ich schreie vor Wut.
Vor Entsetzen.
Vor Ekel.
Wieder ins Leben zurückzukehren war schlimmer als zu sterben. Ich war plötzlich wieder in meinem Körper. Doch er war noch immer zerstört. Bis auf die Knochen abgenagt. Erst als ich ihn wieder völlig spüren konnte, begann er sich zu regenerieren. Die Schmerzen waren grauenvoll. Unvorstellbar, wenn man sie nie selbst durchlebt hat. Gefoltert zu werden war nichts dagegen.
Noch immer spüre ich, wie Maden sich durch meinen Körper fressen. Alles in mir scheint sich wie von selbst zu bewegen.
Ich sehe mich um. Wo bin ich ?
Ich kenne diese Gegend nicht. Und doch fühle ich, dass ich hier schon einmal war.
Stundenlang irre ich in der Gegend herum. Verloren. Verwirrt. Und dann endlich erkenne ich etwas. Eine unendlich tiefe Leere breitet sich in mir aus als ich erkenne was es ist und die Erinnerungen wiederkehren.
Dies ist meine Heimat.
Die Grundmauern der niedergebrannten Häuser sind von Gras und Moos überwuchert. Und doch erkenne ich das Haus meiner Eltern sofort.
Was war geschehen ? Wie lange war ich fort ?
Die Überreste Meines Dorfes liegen zu meinen Füßen. Sie als Ruinen zu bezeichnen wäre falsch gewesen. Sie waren nichts weiter als ein letzter Schatten der Leben, die hier ausgelöscht wurden.
Die Toten.
Was war mit ihnen geschehen ?
Ich habe sie damals... DAMALS ! Das hört sich an, als wäre es schon unendlich lange her und doch habe ich noch vor drei Tagen mit ihnen gearbeitet und gescherzt.
Ja, damals hab ich sie einfach liegen gelassen und bin in meinen Tod gelaufen. War es möglich, dass...
Ich gehe zu der Stelle, an der ich den leblosen Körper meiner Mutter zurückgelassen habe und beuge mich nieder. Meine Finger durchbrechen das dünne Geflecht aus Wurzeln und Erde und stoßen auf etwas hartes.
Es ist ein Schädel.
Nein. Nicht EIN Schädel.
Es ist IHR Schädel.
Fast erwarte ich, mein Herz zerreißen zu hören. Doch ich fühle nichts als Leere in meinem Inneren.

Endlich haben die Toten ihre Ruhe gefunden. Ich habe jeden einzelnen von ihnen mit meinen eigenen Händen bestattet.
Als ich meiner einstigen Heimat ein letztes Mal den Rücken zukehre, ist da noch immer keine Trauer. Die Endgültigkeit dieses Abschiedes berührt mich nicht. Und meine Füße tragen mich erneut Richtung Westen um zu meiner Liebsten zurückzukehren.
* * *

Waldau existiert tatsächlich noch. Das Dorf, in dem mein Vater immer das Korn verkauft und alles nötige besorgt hat. Doch Waldau ist größer als ich es in Erinnerung habe. Es gibt mehr Häuser und mehr Menschen. Doch sie beachten mich nicht.
Sie scheinen nicht zu bemerken, dass ich nackt bin. Viele von ihnen haben selbst nichts, um ihre Körper zu verhüllen. Auch bemerken sie die Verunstaltungen meines Leibes nicht. Denn auch sie sind verheert und verschmutzt.
Das Dorf, welches in meiner Kindheit immer zu glänzen schien ist nun ein Dreckloch, in dem sich Schwache und Kranke suhlen.
Ich erschrecke, als ich mir meiner Gedanken bewusst werde. Ich blicke auf diese Menschen herab, weil sie schwach sind. Doch bin ich es selbst nicht genau so wie sie ?
Einzig ein Mann scheint bei Kräften zu sein. Er steht an einem Amboss und schlägt mit seinem Hammer auf ein glühendes Stück Eisen ein.
Ich traue meinen Augen nicht als ich ihn erkenne. Dieses schwarze Mal, welches sich über das halbe Gesicht erstreckt.
Das ist Gemian. Der Sohn des Schmiedes. Als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, war er ein Knabe von nicht einmal sieben Jahren und nun ist er ein Mann von dreißig oder vielleicht noch mehr Jahren.
Ich war also über zwanzig Jahre fort.
Als ich ihn anspreche, erkennt er mich nicht. Natürlich nicht. Wie sollte er ?
Doch der alte, blinde Mann in hinteren Teil der Schmiede erkennt meine Stimme. Zuerst ist er nur verwirrt. Doch dann beginnt er in Panik zu schreien. Kalter Schweiß bricht auf seiner Stirn aus. Seine Knie zittern. Dann beginnt sein Mund Gebete und Hilfegesuche an alle ihm gekannten Götter zu stammeln.
Er ruft Unbehagen in mir hervor.
"Schweig still, alter Narr!", fahre ich ihn an.
Vor Schreck zuckt er zusammen. Dann erschlaffen seine Glieder.
Der junge Gemian beugt sich über ihn. Versucht mit ihm zu reden. Doch der Alte ist tot. Sein Herz hat versagt.
Mit Tränen in den Augen blickt der Schmied zu mir auf und beginnt mich zu verfluchen. Er nennt mich Mörder, Ausgeburt der Hölle und noch schlimmeres. Dann greift seine Hand hinter einen Holzstapel und zieht ein Schwert hervor.
"Das wirst du mir büßen !", schreit er mich an, als er sich auf mich stürzt. Doch als er die Waffe hebt verlangsamen sich plötzlich seine Bewegungen. Ohne Probleme kann ich seinem Schlag ausweichen und mich hinter seinen Rücken bringen. Mein Auge erblickt einen Schürhaken und instinktiv greife ich danach und ramme ihn dem Mann in den Rücken. Er stirbt, ohne je eine wirkliche Chance gehabt zu haben.
Die Augen der Dorfbewohner sind ausnahmslos auf mich gerichtet. Furcht und Entsetzen spricht aus ihnen. Ängstlich weichen sie vor mir zurück als ich das Schwert des Toten ergreife und wieder meinen Weg Richtung Westen einschlage.
Einer von ihnen ist nicht schnell genug, um vor mir zurückzuweichen und fällt um Gnade flehend vor mir auf die Knie. Ich sehe, wie meine Hand das Schwert erhebt und ihn tötet. Und es macht mir nichts aus. Ich empfinde nichts für ihn und das macht ihn unwichtig.
Er stand mir lediglich im Weg.
* * *

Seit Wochen bin ich nun unterwegs ohne auch nur eine Menschenseele gesehen zu haben. Doch das soll sich anscheinend jetzt ändern. Deutlich sehe ich die Silhouette des Dorfes, wie sie sich vom abendlichen Himmel abzeichnet. Endlich werde ich wieder etwas anderes als Schnecken und Würmer zwischen die Kiefer bekommen. Brot und vielleicht einen Braten. Ich beschleunige meine Schritte bei der Aussicht auf etwas zu Essen und einem trockenen Lager für die Nacht. Doch als ich die Umzäunung erreiche zwingt mir der Anblick dessen, was sich innerhalb des Dorfes abspielt zum Innehalten.
Sie sind es. Ich erkenne die Uniformen. Die Form ihrer Schwerter. Das Wappen auf ihren Röcken. Es sind die Männer Lord Hapgars. Die Mörder meiner Familie.
Ich sehe die Oberhäupter des Dorfes, wie sie den Häschern des Bösen Tribut zollen. Es ist nicht viel, was sie ihnen geben können. Es ist kein reiches Dorf. Trotzdem sind die Körbe mit den Lebensmitteln und Stoffen gut gefüllt.
'Wahrscheinlich werden sie dazu gezwungen.', denke ich. Doch das macht ihren Frevel nicht geringer. Sie beugen sich dem Tyrannen. Jeder anständige Mensch würde sich bis zum Ende gegen Lord Hapgar auflehnen und lieber mit seiner Familie in den Tod gehen, als sich ihm zu unterwerfen. Doch sie haben es getan.
Mein Fuß stößt die Umzäunung um. Verwirrung macht sich auf den Gesichtern der Männer breit. Und noch bevor sie ihre Waffen ziehen können, habe ich zwei der schwarz gerüsteten enthauptet. Dann geschieht es wieder. Einer meiner Widersacher zieht seine Waffe und erhebt sie zum Schlag, als sich seine Bewegungen verlangsamen. Ich ducke mich unter der sich bizarr langsam senkenden Klinge hinweg und bin innerhalb von Sekundenbruchteilen hinter ihm. Ohne zu zögern ramme ich ihm die Klinge durch den Leib. Der entsetzte Gesichtsausdruck des Mannes wird zu einer Fratze aus Schmerz als er im Todeskampf zusammenbricht. Er hustet hellrotes Blut uns schnappt verzweifelt nach Luft. Doch alles, was seine Lungen füllt, ist sein eigener Lebenssaft.
Fassungslos starren die anderen Männer mich an. Die Dorfältesten fliehen und flüchten sich in ihre Häuser. Doch die Häscher Hapgars wollen ihren Kameraden rächen. Obwohl die Bewegung, die ihn das Leben gekostet hat, für sie wohl kaum mehr als ein schemenhaftes Wischen gewesen sein kann, scheinen sie sich ihres Sieges sicher zu sein. Auch sie ziehen ihre Waffen und verwandeln sich in dem Moment, in dem sie mich angreifen in hilflose Opfer. Ohne Mühe weiche ich ihren Hieben aus und töte sie alle vier. Mein noch immer nackter Körper ist von Blut und Gedärm bedeckt. Meine Schwerthand zittert vor Mordlust.
Ja. Ihr Tod ist mir nicht gleichgültig. Für sie empfinde ich etwas. Etwas, das im Moment stärker als jedes andere Gefühl scheint. Hass.
Ich drehe die Leichen auf den Rücken und betrachte ihre Gesichter. Insgeheim hoffe ich, die Mörder meiner Familie unter ihnen zu finden. Doch sie sind natürlich nicht darunter. Diese Männer waren viel zu jung. Damals mussten sie noch Kleinkinder gewesen sein.
Ich blicke mich um. Die Straßen sind leer. Und doch bin ich hier noch nicht fertig. Ich habe noch etwas zu erledigen.

Als ich das Dorf verlasse, trage ich Feste Lederkleidung. Meine Füße stecken in Eisernen Stiefeln und an den Händen trage ich Panzerhandschuhe. Das Schwert steckt in einer Scheide an meinem Gürtel.
Hinter mir gibt es kein Leben mehr. Ich habe die Verräter einen nach dem anderen ausgelöscht. Wer sich meinem Feind unterordnet ist ebenfalls mein Feind.
Es war fast so, als konnte ich sie spüren. Ihre Lebenskraft. Ihre Angst. Oder ihren Verrat. Ich habe sie gefunden. Egal wo sie sich verstecken wollten. Jeden Einzelnen habe ich hingerichtet. Frauen, Kinder, Alte. Das machte für mich keinen Unterschied. Sie waren alle Verräter und mussten sterben.
* * *

Als ich die Straße entlang reite flüchten die Menschen aus meinem Weg. Sie wissen, dass es nicht gesund ist, sich in meinem Weg zu befinden. Viele sind verängstigt, wenn sie mich sehen. Der Geruch von Tod und Verwesung geht von mir aus. Doch einige jubeln mir zu.
Als ich die Tore der Stadt erreiche, werden sie hastig geöffnet. Der Hauptmann der Wache salutiert vor mir. Ich beachte ihn nicht. Er darf weiterleben, denn vor den Toren stecken Pfähle, auf denen einige Häscher des Hapgar gespießt sind, im Boden.
Ich sitze ab und überlasse mein Pferd der Wache.
Schon vom Weiten sehe ich ihn. Er verfolgt mich. Nein. Er ist immer schon da, wenn ich ankomme. Er ist kein Mensch. Doch das ist mir gleich.
Er kommt auf mich zu gelaufen, passt sich schließlich meinem Tempo an und geht neben mir.
"Die Truppen des Dunklen sind zurückgeschlagen.", flüstert er mir zu, als würde er Spione fürchten. Die Truppen des Dunklen. Damit sind Hapgars Schergen gemeint. Er nennt ihn immer den Dunklen. Es scheint fast, als würde er den Namen meines Feindes fast genauso fürchten, wie er mich fürchtet.
"Sie verkriechen sich in den Sümpfen Jarus. Doch wir werden sie auch von dort vertreiben und bekämpfen, bis der Letzte von ihnen sein schändliches Leben aushaucht. Doch für euch dürfte eine andere Nachricht von wesentlich größerem Interesse sein. Einer meiner Späher hat SEINEN Sitz entdeckt."
Ich bleibe stehen und sehen ihn an. Es ist das erste Mal seit über einem halben Jahr, dass ich rede. Und wie beim letzten Mal richte ich meine Worte an diesen seltsamen Mann, der mich wohl als seinen Verbündeten betrachtet. Jeder andere wäre in dieser Situation vor mir zurückgewichen. Nur nicht dieser Mann. Wissend lächelt er mich an und erwartet geduldig meine Frage.
"Wo ?"
Das ist alles, was ich sage. Mehr ist auch nicht nötig. Und auch ohne dieses Wort hätte er meine Frage deutlich verstanden.
"In den Wäldern von Galandur steht sein Turm."
Der Mann grinst breit. Scheinbar freut er sich, dass er mir nicht völlig gleichgültig ist.
"Wie stilvoll, dass er sich ausgerechnet einen Turm als Wohnsitz ausgesucht hat."
Sein inhaltsloses Gefasel interessiert mich nicht. Also setze ich meinen Weg durch die Stadt fort.
"Darf ich mit euch reisen und euch den Weg zeigen ?", ruft er mir nach.
"Ich reite morgen. Mit oder ohne dich. Steh mir nur nicht im Weg.", sage ich, ohne mich ihm zuzuwenden. Dann betrete ich das Gasthaus. Man hat mir bereits ein Zimmer bereitet. Das beste natürlich, obwohl ich mich auch mit einem Strohsack begnügt hätte. Ich weiß, dass sie erleichtert aufatmen, wenn ich in meiner Unterkunft verschwunden bin und auch, dass sie am nächsten Tag, wenn ich fort bin, das Bett und alles, was ich berührt habe verbrennen. Das ist mir gleich.

Am nächsten Morgen verlasse ich wortlos das Gasthaus. Niemand wagt es, mich aufzuhalten und Geld für die Übernachtung zu verlangen. Man hält bereits mein Pferd bereit und deutlich ist die Erleichterung in ihren Gesichtern zu lesen, als ich aufsteige und davon reite.
Er ist natürlich da und lenkt sein Pferd neben meines.
* * *

Mein Reisegefährte hat sich als wertvoll erwiesen. Er kennt den Weg und als eine Gruppe Wegelagerer versuchte uns aufzuhalten, kümmert er sich allein um die Störenfriede. Schon kurze Zeit später hat er mich eingeholt. Sowieso scheint sein Pferd schneller und ausdauernder als meines zu sein.
Doch als wir den Turm erreichen, ist mein Begleiter plötzlich verschwunden. Doch dass ist nicht wichtig. Er hat seinen Zweck erfüllt.
Man erwartet mich bereits. Pfeile hageln auf mich nieder als ich näher komme. Mein Pferd sinkt tödlich getroffen zu Boden. Doch mich können sie nicht treffen. Die Pfeile erscheinen so langsam, dass es keine Mühe macht ihnen auszuweichen, oder sie in der Luft zu fangen.
Als ich den Turm erreiche, stürmen etwa dreißig bewaffnete und gerüstete Männer auf mich ein. Zwei sterben, noch bevor ich meine Klinge gezogen habe, durch die Pfeile ihrer eigenen Kameraden. Der Rest haucht sein Leben in einem berauschenden Blutbad aus. Jeder einzelne stirbt durch meine durstige Klinge einen schnellen Tod.
* * *

Endlich.
Ich stehe kurz vor meinem Ziel.
Hinter dieser Tür werde ich Hapgar finden. Hier wird es enden. Durch seinen Tod werde ich meine Rache vollenden.
Ich breche die Tür aus dem Rahmen und betrete den Raum. Da sitzt er.
Mit dem Rücken zur Tür sitzt er an einem Tisch und kratzt mit einer Feder Buchstaben auf eine ausgebreitete Schriftrolle.
"So bist du als endlich gekommen, Schwertmeister.", spricht er mit rauer Stimme. Die Stimme klingt alt und das Haar des Mannes ist schlohweiß. Doch sein Rücken ist ungebeugt und seine Schultern scheinen immer noch kräftig.
"Sag, was willst du von mir ? Warum hetzt du das Volk gegen mich auf ? Was treibt dich dazu ?"
"Die Liebe.", will ich antworten und halte es für die Wahrheit. Doch aus meiner Kehle dringt nur ein Wort. Das, welches mich die ganze Zeit über angetrieben hat.
"Rache."
Der Alte springt auf, Zieht sein Schwert und wirbelt herum. Seine Augen scheinen mich durchbohren zu wollen. Sie suchen nach einem Hinweis. Etwas, woran er mich erkennen mag.
Ich sehe, wie das Gehirn hinter seiner Stirn arbeitet.
Dann plötzlich scheint er mich zu erkennen. Nach all der Zeit scheint er noch immer zu wissen, wer ich bin.
"Nein... nicht du...", stößt er heiser aus.
Sein Gesicht ist fassungslos. Kalter Schweiß bricht auf seiner Stirn aus. Nervös suchen seine Augen nach einem Ausweg. Doch es gibt keinen. Nicht einmal ein Fenster, aus dem er sich hätte stürzen können.
Dann beginnt er zu beten. Er fleht jene Götter an, denen er vor ewigen Zeiten den Rücken zugewendet hat. Schließlich fällt er vor mir auf die Knie und winselt um Gnade. Der große Lord Hapgar. Nun ist er nichts weiter als ein Wurm, der vor mir kriecht. Und ich zertrete ihn.
Sein Ende ist grausam und blutig. Genau so, wie er es verdient hat.
Meine Rache endet hier.
Und in mir verbleibt nichts als Leere.
Ich starre auf die Leiche zu meinen Füßen herab und empfinde nicht mehr.
Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur da stehe. Es mögen Tage sein. Vielleicht auch nur Sekunden.
Plötzlich höre ich rechts von mir ein Geräusch.
Ich ziehe den Vorhang zur Seite und erstarre. Sie ist es. Sie ist älter geworden. Doch sie ist es.
Mira. Meine Liebste.
Ihr langes Haar, noch immer wie Seide, fällt auf ihre samtenen Schultern herab und rahmt ihr liebliches Gesicht. Sie ist in freizügige Kleider gehüllt. Mit einem Silbernem Reif hat man eine Kette an ihrem Knöchel befestigt.
All diese Jahre war meine Liebste sein Gefangene. Ihre Augen sind leer. Ihr Wille schon lang gebrochen. Wie eine Puppe sitzt sie da und starrt vor sich hin. Erkennt sie mich denn nicht ? Nicht ein Gefühl regt sich in ihrem Gesicht.
Keine Freude.
Keine Furcht.
Nichts.
"Mira ?", flüstere ich.
Immer noch regt sich nichts in ihr. Doch plötzlich öffnet sie ihren Mund.
"Vismar...", stammeln ihre Lippen meinen Namen.
"Ja. Ich bin es.", antworte ich.
Plötzlich stehen Tränen in ihren Augen. In dünnen Rinnsalen laufen sie ihre Wangen und schließlich ihren Hals herunter. Leise beginnt sie zu schluchzen. Zum ersten Mal blickt sie nun in mein Gesicht. Sie hebt die Hand und berührt vorsichtig mein Gesicht, als hätte sie Angst, ich könne wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn sie mich anfasst.
"Vismar." flüstert sie wieder.
Dann wirft sie ihre schlanken Arme um meinen Hals und vergräbt ihr Gesicht in meiner Schulter. Immer lauter wird ihr Schluchzen und schließlich weint sie sich die Pein all dieser Jahre von der Seele.

Entsetzt starre ich auf meine blutbesudelten Hände herab.
Was habe ich getan ?
Warum nur ?
"Mira.", flüstere ich mit versagender Stimme. Doch sie antwortet mir nicht.
"Mira !", dieses Mal rufe ich ihren Namen laut. Nichts.
Vorsichtig stoße ich ihren Körper an. Doch er bewegt sich nicht. Kein Liedschlag. Kein Finger rührt sich. Nicht einmal ihre Brust hebt und senkt sich, so wie es sein sollte.
Was habe ich getan ?
So lange Zeit haben meine Hände nicht anderes getan als zu töten. Und nun ?
Warum ?
Leblos liegt ihr Körper in meinem Schoß. Zart. Wunderschön.
In meinem Kopf höre ich eine Stimme.
Ich kenne diese Stimme. Es ist der Dämon, der mir einst mein Leben zurück gab.
"Sieh sie dir nur an. Du hast sie zerstört. Genauso, wie du alles zerstört hast. Glaubtest du wirklich, du könntest glücklich werden ? Durch mich ? Durch meine Gnade ? Nein. Ein Wesen wie du wird niemals Glück finden."
Das kann nicht sein. Nicht ich habe das alles getan. Das war allein ihr Werk.
Ihr Lachen hallt in meinem Schädel wie Donner.
"Glaubst du wirklich, ich hätte deine Taten zu verantworten ? An meinen Händen klebt kein Blut. Ihr Menschen seid so unglaublich schwach."
Es ist kalt.
Mir ist so unendlich kalt.
Ich sitze am Boden und halte den Körper meiner Liebsten im Arm. Meine Kehle schreit meinen Schmerz, meine Wut und die Trauer heraus.
Und noch während ich in ewigem Leid zu Stein erstarre, höre ich das hämische Gelächter des Dämons.
"Ja, leide, Mensch. Leide auf ewig in deiner Schuld."

 

Written by Takina

 

Rezensionen zu "Vismar"

"Vismar" selbst rezensieren