Verlorene Zeit

Von Nicole Parpart

 

Der Morgen war kalt, als Toni aus einem schauderhaften Traum erwachte. Um ihn herum schwieg alles. Nicht das kleinste Geräusch drang an sein Ohr. Sonst donnerten um diese Zeit die LKWs an seinem kleinen Haus vorbei.
Er sah auf seinen Radiowecker und stellte fest, dass der Strom weg war. Trotzdem kam ihm diese Ruhe unheimlich vor, denn es war Mittwoch und nichts regte sich. Langsam kroch er aus seinem Bett und schwankte schlaftrunken zum Fenster. Die Straße war menschenleer, nur Autos standen auf dem Asphalt. Es schien, wie ein Standbild. Noch machte er sich keine Gedanken darüber, denn Zufälle sind nicht selten.
Toni sagte sich: Mach dir keinen Kopf. Dann ging er in die Küche und wollte sich einen Kaffee brühen, doch zu seiner Überraschung kam kein Tropfen Wasser aus dem Hahn. Was hatte das zu bedeuten? Toni musste den Hauswirt benachrichtigen, denn ohne einen Kaffee, war er kein Mensch. Also nahm er den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer. Doch als er den Hörer ans Ohr hielt, hörte er kein Klingelton.
Ratlos sah er das Telefon an und prüfte das Kabel. Alles normal. Toni war sich sicher immer die Rechnungen bezahlt zu haben. Warum konnte er nicht mehr telefonieren oder etwas Wasser kochen?
Nun musste er ohne Kaffee auskommen. Wie gewohnt ging er ins Bad und als er sich im Spiegel betrachtete fiel ihm auf, dass er viel zu blass war. Entsetzt über sein Aussehen, wollte er sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzen, doch auch im Bad kam kein Tropfen.
Langsam verärgerte ihn der versagende Luxus der modernen Welt. Ohne sich zu waschen, machte er sich fürs Büro fertig und wollte gehen. Er drehte sich noch mal um und fragte sich, was es zu bedeuten hätte. Kopfschüttelnd trat er durch den Türrahmen und schlug die Tür zu. Das Echo hallte durch den Flur, der eigentlich viel zu klein für einen solchen Schall war.
Kurz darauf stand er draußen auf der Straße und sah sich um. Doch da war nichts, nicht ein einziges Geräusch. Nicht einmal der ewig kläffende Nachbarsköter regte sich. Als Toni dann sein Auto bestieg und den Zündschlüssel drehte, tat sich gar nichts.
Toni packte die Wut und er schlug mit der Faust auf das Lenkrad, so dass die Hupe unaufhörlich losdröhnte. Verzweifelt versuchte er den Lärm abzustellen, doch es gelang nicht.
Plötzlich verstummte sie von selbst. Toni lehnte sich erleichtert zurück. Auf einmal war es, als schrie sein Chef durch die ganze Stadt nach ihm.
Er besann sich, dass er ja arbeiten gehen musste und versuchte erneut, sein Auto zu starten. Zwecklos. Nun musste er wohl die fünf Kilometer zu Fuß zurücklegen. Er versuchte einen Bus zu erreichen, denn er lief nicht gern. Zwei Blocks weiter gab es eine Bushaltestelle.
Als Toni ankam stand dort auch ein Bus, doch keiner saß drin. Die Türen waren offen. Langsam bestieg Toni den Bus und wunderte sich. Überall standen Handtaschen von Frauen, Aktenkoffer und Schultaschen verteilten sich auf den Sitzen. Ohne etwas zu berühren verließ er den Bus und beschloss doch ins Büro zu laufen.
Er ging die Straße entlang und sah in leere Autos, die mitten auf der Straße standen und nicht verschlossen waren. Toni ging näher heran und sah die Schlüssel noch in Zündstellung steckten.
Ihm wurde plötzlich ganz komisch und er schüttelte ratlos den Kopf. Dann ging er weiter. Je näher er den Hochhäusern kam, desto einsamer wurde es. Supermärkte standen offen und in den Gängen verteilten sich halbgefüllte Einkaufswagen. Das rege Treiben in den Geschäftsstraßen blieb aus. Überall standen verlassene Autos. Anscheinend gab es keinen einzigen Menschen mehr. Nicht einmal der Wind strich durch die leeren Straßen. Toni schoss ein Gedanke durch den Kopf: Ich bin allein, mutterseelenallein in dieser Stadt.
Es war kein Mensch und kein Tier mehr da. Nur er und das wenige Grünzeug am Straßenrand waren geblieben. Er fühlte sich so verlassen und beschloss auf die Suche zu gehen. Es musste doch noch irgendeiner außer ihm da sein.
Vor ein paar Tagen noch hätte er etwas Ruhe gebrauchen können. Da hatte er die Menschheit so satt, dass sie verschwinden sollten. Doch so hatte er sich das nicht vorgestellt.
Toni glaubte ein wichtiges Ereignis verschlafen zu haben, denn gestern war noch alles anders. Da drängelten sich die Autos durch die Straßen, da spielten Kinder im Hinterhof, da kläffte der Hund von nebenan und die Nachbarn stritten sich, wie so oft.
Ihm war es, als würde er noch immer träumen, denn von heut auf Morgen kann die Menschheit nicht aussterben und schon gar nicht ohne ihn.
Inzwischen stand die Sonne hoch oben am blauen Himmel. Toni plagte der Hunger und er betrat einen Supermarkt auf der Suche nach einer Mahlzeit. Als er durch die Gänge lief schaute er neugierig in jeden Wagen und fragte sich, wo die Kundschaft war.
Er nahm sich ein Stück Wurst und ein abgepacktes Brot und ging unwillkürlich zur Kasse. Man sollte ihm nicht nachsagen, dass er stehlen würde. Doch wer sollte ihn verraten? Es war ja keiner da. Trotzdem legte er ein paar Münzen neben die Kasse und ging.
Toni fand sich langsam damit ab, allein zu sein und genoss es irgendwie. Doch andererseits würde er seine Kollegin Anette sehr vermissen.
Mit seinem Frühstück ging er langsam in den Park und setzte sich dort auf eine Bank. Er betrachtete vereinsamte Kinderwagen, ein Dreirad und viele Fahrräder, die auf den Wegen lagen. Nun wurde es ihm doch unheimlich. Sollte er der letzte Mensch in dieser Stadt sein? Gab es wirklich keinen anderen mehr?
Plötzlich erschien eine Frau, ganz in schwarz gekleidet und kreideweiß im Gesicht. Toni sprang auf und rannte ihr entgegen: „Hallo Sie!“
Die Frau sah ihn an und fragte: „Ist es so richtig?“
„Richtig? Was?“
„Das ist es doch, was du wolltest. Totale Einsamkeit. Kein Lärm, kein Gedränge.“
Einsamkeit? So hatte er sich das doch niemals gewünscht. Sicher gab es noch mehr Tage, an denen er mal ganz alleine sein wollte. Dem Stress den Rücken kehren und einfach mal ausspannen, doch er wollte sicher nicht auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichten.
„Wer sind Sie und was haben Sie mit den Menschen dieser Stadt gemacht?“
„Wenn du willst, dann nenn mich deine gute Fee. Und, sei dir sicher, es gibt keine einzige Lärmquelle mehr auf dieser Welt.“
„Du kannst keine gute Fee sein, die machen nur gute Sachen und lassen keinen ohne Essen, Trinken und so weiter sitzen. Schon gar nicht mutterseelenallein.“
„Was glaubst du, wer dir das Leben angenehm macht? Woher kommen wohl die Sachen aus dem Supermarkt, der Strom, fließendes Wasser und Wärme? Das alles machen Menschen. Doch du wolltest, dass sie verschwinden.“
„Das wollte ich niemals, so nicht.“
„Mir ist egal, wie du jetzt damit klarkommst. Du hast es gewollt, finde dich damit ab.“
„Und wo sind all die Leute hin? Du kannst mich doch hier nicht ganz alleine lassen.“
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen.“
„Was hast du mit den Leuten gemacht?“
„Warum interessiert dich das? Du wolltest sie loswerden und ich habe sie fortgeschafft. Nicht mehr, nicht weniger.“
„Warum nicht mich, wäre das nicht einfacher gewesen?“
„Vielleicht, aber es hätte nicht annähernd soviel Spaß gemacht.“
„Bring sie zurück, alle, wirklich alle!“
„Zu spät! Du hast es gewollt und nun musst du allein damit fertig werden.“
„Das ist nicht fair. Ich will nicht den Rest meines Lebens allein verbringen. Selbst Adam hatte seine Eva!“
„Du wolltest doch keinen Ärger mehr und Partnerschaften sind voll davon. Mit modernem Schnickschnack hat man auch nur Ärger, also lebst du so, wie die Menschen vor Millionen Jahren. Vergiss nicht: Selbst ist der Mann.“
„Das kannst du mir nicht antun! Ich brauche den Luxus, ich brauche Menschen um mich herum! Ich will nicht alleine sein!“
„Ich habe dir nur das gegeben, was du dir schon oft gewünscht hast. Sieh zu! Ich muss gehen. Auf mich warten Milliarden Schicksale.“
„Das kannst du nicht machen. Bleib hier, bring es wieder in Ordnung. Sonst, sonst...“
„Was?“
Toni verstummte. Wie sollte er einer solch übermächtigen Frau drohen? Vor was sollte sie Angst haben? Er schwieg, senkte den Kopf und sank auf die Wiese. Unbemerkt verschwand die schwarze Frau und überließ ihm seinem Schicksal.
Nach einer Weile hob er den Kopf und suchte nach ihr. Doch sie war endgültig weg. Er bereute zu tiefst, dass er sich wünschte, einmal allein zu sein. Bettelnd schrie er nach ihr, doch nichts geschah. Immer wieder hallten seine Rufe durch leere Straßen und Gassen: „Komm zurück! Ich will nicht alleine sein. Komm zurück!“
Stundenlang irrte er umher und hoffte irgendwo doch noch einen Menschen zu finden. Doch das einzige was er sah, war sein Spiegelbild in den Schaufenstern der verlassenen Läden.
Plötzlich packte ihn die Verzweiflung und er rannte, wie von Sinnen die Straße entlang. Er schrie um Hilfe, in der Hoffnung, dass ihn jemand hörte. Doch die unerträgliche Stille kehrte zurück, sobald er verstummte.
Toni erkannte, dass alles Gebrüll umsonst war. Je weiter er sich von zu Hause entfernte, desto einsamer wurde er. Also kehrte er geschwächt von seiner Suche um und ging nach Hause zurück.
Als er in seinen vier Wänden ankam, roch es schon stark nach verdorbenem Essen. Der Kühlschrank war längst abgetaut und unter ihm sammelte sich das Wasser. Toni interessierte sich nicht mehr dafür.
Kraftlos schleppte er sich in sein Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Eine Weile starrte er noch an die Decke, dann schloss er die Augen und schlief ein.
Ihm schien es, als seien nur Sekunden vergangen, bis ihn ein durchdringender Ton aus dem Schlaf riss. Der Wecker dröhnte so laut, als wäre er eine Sirene. Vom Schrecken gepackt, saß Toni im Bett. Hastig versuchte er den Lärm abzustellen. Als es ihm gelang, war es aber nicht mehr ruhig. Draußen, vor seinem Fenster rumpelten die klapprigen Kipper vorbei, nervöse Autofahrer hupten, weil es nicht schnell genug voran ging und gleich darauf meldete sich der Nachbarsköter.
Toni stand auf und lief gleich ins Bad. Er drehte den Wasserhahn auf und das Wasser lief wieder. Toni kniff sich in den Arm, um herauszufinden, ob er wach war oder träumte. Es tat weh, als er sich kniff, also meinte er wach zu sein.
In der Gewissheit nur schlecht geträumt zu haben, brühte er sich einen Kaffee. Noch während das Wasser kochte lief er zurück ins Bad, um sich zu waschen. Da fiel ihm plötzlich auf, dass er seinen Anzug trug. Ratlos sah er sich im Spiegel an und fragte sich: „Was soll das? Bin ich noch normal? Es war doch nur ein Traum, oder nicht?“
Danach setzte er sich in die Küche und stellte das Radio an. Als er gierig seinen Kaffee schlürfte, sagte der Sprecher im Radio: „Ich wünsche ihnen einen schönen Guten Morgen. An diesem Donnerstag...“ Toni ließ die Tasse ganz langsam auf den Tisch sinken und sprang hastig auf: „Donnerstag? Aber ich..., es war doch... Mittwoch!“
Jetzt musste er sich beeilen, denn wie sollte er seinem Chef erklären, dass er einen ganzen Tag versäumt hatte. Als Toni im Büro ankam, lief alles wie gewohnt. Er ging zum Chef und entschuldigte sich für sein Ausbleiben und bekam als Antwort: „Wovon reden Sie? Sie waren gestern den ganzen Tag da. Herr Traumann, brauchen Sie Urlaub?“
Toni sah ihn ratlos an und murmelte ein vielleicht hervor. Verwirrt schloss er die Tür. Den ganzen Tag konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Toni fragte sich pausenlos was passiert war und als er nach Hause ging, sah er eine junge Frau, die ganz in schwarz gekleidet an ihm vorbei lief. Sie glich der „guten“ Fee aufs Haar. Toni wollte sie ansprechen, da sah sie ihm in die Augen und sagte: „Lass es dir eine Lehre sein. Allein bist du nichts!“

 

Written by Nicole Parpart

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