Der Morgen war
kalt, als Toni aus einem schauderhaften Traum erwachte. Um ihn herum schwieg
alles. Nicht das kleinste Geräusch drang an sein Ohr. Sonst donnerten
um diese Zeit die LKWs an seinem kleinen Haus vorbei.
Er sah auf seinen Radiowecker und stellte fest, dass der Strom weg war. Trotzdem
kam ihm diese Ruhe unheimlich vor, denn es war Mittwoch und nichts regte sich.
Langsam kroch er aus seinem Bett und schwankte schlaftrunken zum Fenster.
Die Straße war menschenleer, nur Autos standen auf dem Asphalt. Es schien,
wie ein Standbild. Noch machte er sich keine Gedanken darüber, denn Zufälle
sind nicht selten.
Toni sagte sich: Mach dir keinen Kopf. Dann ging er in die Küche und
wollte sich einen Kaffee brühen, doch zu seiner Überraschung kam
kein Tropfen Wasser aus dem Hahn. Was hatte das zu bedeuten? Toni musste den
Hauswirt benachrichtigen, denn ohne einen Kaffee, war er kein Mensch. Also
nahm er den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer. Doch
als er den Hörer ans Ohr hielt, hörte er kein Klingelton.
Ratlos sah er das Telefon an und prüfte das Kabel. Alles normal. Toni
war sich sicher immer die Rechnungen bezahlt zu haben. Warum konnte er nicht
mehr telefonieren oder etwas Wasser kochen?
Nun musste er ohne Kaffee auskommen. Wie gewohnt ging er ins Bad und als er
sich im Spiegel betrachtete fiel ihm auf, dass er viel zu blass war. Entsetzt
über sein Aussehen, wollte er sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzen,
doch auch im Bad kam kein Tropfen.
Langsam verärgerte ihn der versagende Luxus der modernen Welt. Ohne sich
zu waschen, machte er sich fürs Büro fertig und wollte gehen. Er
drehte sich noch mal um und fragte sich, was es zu bedeuten hätte. Kopfschüttelnd
trat er durch den Türrahmen und schlug die Tür zu. Das Echo hallte
durch den Flur, der eigentlich viel zu klein für einen solchen Schall
war.
Kurz darauf stand er draußen auf der Straße und sah sich um. Doch
da war nichts, nicht ein einziges Geräusch. Nicht einmal der ewig kläffende
Nachbarsköter regte sich. Als Toni dann sein Auto bestieg und den Zündschlüssel
drehte, tat sich gar nichts.
Toni packte die Wut und er schlug mit der Faust auf das Lenkrad, so dass die
Hupe unaufhörlich losdröhnte. Verzweifelt versuchte er den Lärm
abzustellen, doch es gelang nicht.
Plötzlich verstummte sie von selbst. Toni lehnte sich erleichtert zurück.
Auf einmal war es, als schrie sein Chef durch die ganze Stadt nach ihm.
Er besann sich, dass er ja arbeiten gehen musste und versuchte erneut, sein
Auto zu starten. Zwecklos. Nun musste er wohl die fünf Kilometer zu Fuß
zurücklegen. Er versuchte einen Bus zu erreichen, denn er lief nicht
gern. Zwei Blocks weiter gab es eine Bushaltestelle.
Als Toni ankam stand dort auch ein Bus, doch keiner saß drin. Die Türen
waren offen. Langsam bestieg Toni den Bus und wunderte sich. Überall
standen Handtaschen von Frauen, Aktenkoffer und Schultaschen verteilten sich
auf den Sitzen. Ohne etwas zu berühren verließ er den Bus und beschloss
doch ins Büro zu laufen.
Er ging die Straße entlang und sah in leere Autos, die mitten auf der
Straße standen und nicht verschlossen waren. Toni ging näher heran
und sah die Schlüssel noch in Zündstellung steckten.
Ihm wurde plötzlich ganz komisch und er schüttelte ratlos den Kopf.
Dann ging er weiter. Je näher er den Hochhäusern kam, desto einsamer
wurde es. Supermärkte standen offen und in den Gängen verteilten
sich halbgefüllte Einkaufswagen. Das rege Treiben in den Geschäftsstraßen
blieb aus. Überall standen verlassene Autos. Anscheinend gab es keinen
einzigen Menschen mehr. Nicht einmal der Wind strich durch die leeren Straßen.
Toni schoss ein Gedanke durch den Kopf: Ich bin allein, mutterseelenallein
in dieser Stadt.
Es war kein Mensch und kein Tier mehr da. Nur er und das wenige Grünzeug
am Straßenrand waren geblieben. Er fühlte sich so verlassen und
beschloss auf die Suche zu gehen. Es musste doch noch irgendeiner außer
ihm da sein.
Vor ein paar Tagen noch hätte er etwas Ruhe gebrauchen können. Da
hatte er die Menschheit so satt, dass sie verschwinden sollten. Doch so hatte
er sich das nicht vorgestellt.
Toni glaubte ein wichtiges Ereignis verschlafen zu haben, denn gestern war
noch alles anders. Da drängelten sich die Autos durch die Straßen,
da spielten Kinder im Hinterhof, da kläffte der Hund von nebenan und
die Nachbarn stritten sich, wie so oft.
Ihm war es, als würde er noch immer träumen, denn von heut auf Morgen
kann die Menschheit nicht aussterben und schon gar nicht ohne ihn.
Inzwischen stand die Sonne hoch oben am blauen Himmel. Toni plagte der Hunger
und er betrat einen Supermarkt auf der Suche nach einer Mahlzeit. Als er durch
die Gänge lief schaute er neugierig in jeden Wagen und fragte sich, wo
die Kundschaft war.
Er nahm sich ein Stück Wurst und ein abgepacktes Brot und ging unwillkürlich
zur Kasse. Man sollte ihm nicht nachsagen, dass er stehlen würde. Doch
wer sollte ihn verraten? Es war ja keiner da. Trotzdem legte er ein paar Münzen
neben die Kasse und ging.
Toni fand sich langsam damit ab, allein zu sein und genoss es irgendwie. Doch
andererseits würde er seine Kollegin Anette sehr vermissen.
Mit seinem Frühstück ging er langsam in den Park und setzte sich
dort auf eine Bank. Er betrachtete vereinsamte Kinderwagen, ein Dreirad und
viele Fahrräder, die auf den Wegen lagen. Nun wurde es ihm doch unheimlich.
Sollte er der letzte Mensch in dieser Stadt sein? Gab es wirklich keinen anderen
mehr?
Plötzlich erschien eine Frau, ganz in schwarz gekleidet und kreideweiß
im Gesicht. Toni sprang auf und rannte ihr entgegen: „Hallo Sie!“
Die Frau sah ihn an und fragte: „Ist es so richtig?“
„Richtig? Was?“
„Das ist es doch, was du wolltest. Totale Einsamkeit. Kein Lärm,
kein Gedränge.“
Einsamkeit? So hatte er sich das doch niemals gewünscht. Sicher gab es
noch mehr Tage, an denen er mal ganz alleine sein wollte. Dem Stress den Rücken
kehren und einfach mal ausspannen, doch er wollte sicher nicht auf die Annehmlichkeiten
des Lebens verzichten.
„Wer sind Sie und was haben Sie mit den Menschen dieser Stadt gemacht?“
„Wenn du willst, dann nenn mich deine gute Fee. Und, sei dir sicher,
es gibt keine einzige Lärmquelle mehr auf dieser Welt.“
„Du kannst keine gute Fee sein, die machen nur gute Sachen und lassen
keinen ohne Essen, Trinken und so weiter sitzen. Schon gar nicht mutterseelenallein.“
„Was glaubst du, wer dir das Leben angenehm macht? Woher kommen wohl
die Sachen aus dem Supermarkt, der Strom, fließendes Wasser und Wärme?
Das alles machen Menschen. Doch du wolltest, dass sie verschwinden.“
„Das wollte ich niemals, so nicht.“
„Mir ist egal, wie du jetzt damit klarkommst. Du hast es gewollt, finde
dich damit ab.“
„Und wo sind all die Leute hin? Du kannst mich doch hier nicht ganz
alleine lassen.“
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen.“
„Was hast du mit den Leuten gemacht?“
„Warum interessiert dich das? Du wolltest sie loswerden und ich habe
sie fortgeschafft. Nicht mehr, nicht weniger.“
„Warum nicht mich, wäre das nicht einfacher gewesen?“
„Vielleicht, aber es hätte nicht annähernd soviel Spaß
gemacht.“
„Bring sie zurück, alle, wirklich alle!“
„Zu spät! Du hast es gewollt und nun musst du allein damit fertig
werden.“
„Das ist nicht fair. Ich will nicht den Rest meines Lebens allein verbringen.
Selbst Adam hatte seine Eva!“
„Du wolltest doch keinen Ärger mehr und Partnerschaften sind voll
davon. Mit modernem Schnickschnack hat man auch nur Ärger, also lebst
du so, wie die Menschen vor Millionen Jahren. Vergiss nicht: Selbst ist der
Mann.“
„Das kannst du mir nicht antun! Ich brauche den Luxus, ich brauche Menschen
um mich herum! Ich will nicht alleine sein!“
„Ich habe dir nur das gegeben, was du dir schon oft gewünscht hast.
Sieh zu! Ich muss gehen. Auf mich warten Milliarden Schicksale.“
„Das kannst du nicht machen. Bleib hier, bring es wieder in Ordnung.
Sonst, sonst...“
„Was?“
Toni verstummte. Wie sollte er einer solch übermächtigen Frau drohen?
Vor was sollte sie Angst haben? Er schwieg, senkte den Kopf und sank auf die
Wiese. Unbemerkt verschwand die schwarze Frau und überließ ihm
seinem Schicksal.
Nach einer Weile hob er den Kopf und suchte nach ihr. Doch sie war endgültig
weg. Er bereute zu tiefst, dass er sich wünschte, einmal allein zu sein.
Bettelnd schrie er nach ihr, doch nichts geschah. Immer wieder hallten seine
Rufe durch leere Straßen und Gassen: „Komm zurück! Ich will
nicht alleine sein. Komm zurück!“
Stundenlang irrte er umher und hoffte irgendwo doch noch einen Menschen zu
finden. Doch das einzige was er sah, war sein Spiegelbild in den Schaufenstern
der verlassenen Läden.
Plötzlich packte ihn die Verzweiflung und er rannte, wie von Sinnen die
Straße entlang. Er schrie um Hilfe, in der Hoffnung, dass ihn jemand
hörte. Doch die unerträgliche Stille kehrte zurück, sobald
er verstummte.
Toni erkannte, dass alles Gebrüll umsonst war. Je weiter er sich von
zu Hause entfernte, desto einsamer wurde er. Also kehrte er geschwächt
von seiner Suche um und ging nach Hause zurück.
Als er in seinen vier Wänden ankam, roch es schon stark nach verdorbenem
Essen. Der Kühlschrank war längst abgetaut und unter ihm sammelte
sich das Wasser. Toni interessierte sich nicht mehr dafür.
Kraftlos schleppte er sich in sein Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett
fallen. Eine Weile starrte er noch an die Decke, dann schloss er die Augen
und schlief ein.
Ihm schien es, als seien nur Sekunden vergangen, bis ihn ein durchdringender
Ton aus dem Schlaf riss. Der Wecker dröhnte so laut, als wäre er
eine Sirene. Vom Schrecken gepackt, saß Toni im Bett. Hastig versuchte
er den Lärm abzustellen. Als es ihm gelang, war es aber nicht mehr ruhig.
Draußen, vor seinem Fenster rumpelten die klapprigen Kipper vorbei,
nervöse Autofahrer hupten, weil es nicht schnell genug voran ging und
gleich darauf meldete sich der Nachbarsköter.
Toni stand auf und lief gleich ins Bad. Er drehte den Wasserhahn auf und das
Wasser lief wieder. Toni kniff sich in den Arm, um herauszufinden, ob er wach
war oder träumte. Es tat weh, als er sich kniff, also meinte er wach
zu sein.
In der Gewissheit nur schlecht geträumt zu haben, brühte er sich
einen Kaffee. Noch während das Wasser kochte lief er zurück ins
Bad, um sich zu waschen. Da fiel ihm plötzlich auf, dass er seinen Anzug
trug. Ratlos sah er sich im Spiegel an und fragte sich: „Was soll das?
Bin ich noch normal? Es war doch nur ein Traum, oder nicht?“
Danach setzte er sich in die Küche und stellte das Radio an. Als er gierig
seinen Kaffee schlürfte, sagte der Sprecher im Radio: „Ich wünsche
ihnen einen schönen Guten Morgen. An diesem Donnerstag...“ Toni
ließ die Tasse ganz langsam auf den Tisch sinken und sprang hastig auf:
„Donnerstag? Aber ich..., es war doch... Mittwoch!“
Jetzt musste er sich beeilen, denn wie sollte er seinem Chef erklären,
dass er einen ganzen Tag versäumt hatte. Als Toni im Büro ankam,
lief alles wie gewohnt. Er ging zum Chef und entschuldigte sich für sein
Ausbleiben und bekam als Antwort: „Wovon reden Sie? Sie waren gestern
den ganzen Tag da. Herr Traumann, brauchen Sie Urlaub?“
Toni sah ihn ratlos an und murmelte ein vielleicht hervor. Verwirrt schloss
er die Tür. Den ganzen Tag konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Toni
fragte sich pausenlos was passiert war und als er nach Hause ging, sah er
eine junge Frau, die ganz in schwarz gekleidet an ihm vorbei lief. Sie glich
der „guten“ Fee aufs Haar. Toni wollte sie ansprechen, da sah
sie ihm in die Augen und sagte: „Lass es dir eine Lehre sein. Allein
bist du nichts!“
Written by Nicole Parpart