Rophus

von Renon

 

1 Die Jagd


I Die Quelle

Wasser. Eine kleine idyllische Quelle mitten im Wald. Ja, die Gelegenheit war günstig, etwas zu trinken. Rophus kniete am Wasserlauf nieder um einen Schluck zu nehmen, stockte aber wenige Zentimeter über dem Wasser. Er wurde beobachtet. Er spürte die Blicke regelrecht auf seinem Körper. Er sah langsam auf. Nichts. Nur der Wald, ein paar Sträucher und das Unterholz. Unterholz? Nur auf einer Stelle angehäuft? Er senkte seinen Kopf wieder, blickte aber weiterhin nach vorn. Sein Gefühlt hatte ihn nicht getäuscht. Das Auge im Unterholz öffnete sich wieder und starrte ihn an. Rophus stand auf und blickte genau in das Auge, das ihn aus zwanzig Meter Entfernung anstarrte. "Die Tarnung ist gut, Großer, aber eben nicht perfekt!" Nun wusste der Drache, dass er entdeckt worden war und er war nicht gerade glücklich darüber. Verärgert hob er den Kopf. Ein paar Zweige fielen herunter. Grünlich-braune Schuppen bedeckten seinen Körper. Mehrere kleine Hörner zierten seine Partie vom Unterkiefer zum Hinterkopf. Der restliche Körper war noch von Zweigen und Unterholz bedeckt. Farblich wäre er nicht aufgefallen, nur dieser merkwürdige Hügel mitten im Wald...
"Ihr scheint noch nicht von mir gehört zu haben.", sprach der Drache und blickte Rophus mit aufsteigender Wut an. Okay, er war furchtlos, aber Respektlosigkeit war ihm neu, besonders von einem... Menschen! "Wofür seid ihr denn bekannt?"
Der Drache erhob sich und schüttelte die restlichen Zweige ab, die eben noch seinen Körper bedeckten. Jetzt sah Rophus, dass "der Große" bis eben noch in einer Kuhle gelegen hatte. Er war riesig, verglichen mit seiner eigenen Größe. Sicherlich zu groß um zwischen den Bäumen zu laufen. Er drehte seinen Kopf und sah über seine Schulter. Der Wald war noch weit entfernt. Als er sich umdrehte hatte er den Kopf des Drachen genau auf Augenhöhe... nur jetzt war er nur noch drei Meter von ihm entfernt. "Das werde ich euch zeigen." sprach der Drache und fletschte seine Zähne. Zeit zu verschwinden. Auf der Stelle machte Rophus kehrt und rannte Richtung Norden. Dass "der Große" nicht zwischen die Bäume passte, wusste er selbst. Er hätte sie umrennen können, aber das hätte ihn zu sehr aufgehalten. Um die Quelle herum war der Wald etwas lichter. Der Start würde schwierig werden, aber fliegen war die beste Möglichkeit, diesen Wurm einzuholen. Er ging in die Knie und blickte noch ein letztes Mal dem Flüchtenden hinterher. Für solch unwegsames Gelände hatte er einen beachtlichen Vorsprung. Er blickte wieder gen Himmel und sprang hoch. Die ersten sieben Meter waren geschafft. Er begann sofort, mit den Flügeln zu schlagen. Meter um Meter stieg er langsam auf. Kaum hatte er die Wipfel der Bäume erreicht, wurden seine Schwingen vom Wind erfasst. Nach einem so anstrengenden Aufstieg tat ein wenig Gleitflug richtig gut. Aber er durfte sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Irgendwo da unten rannte der Wurm um sein Leben. Er steuerte ebenfalls in Richtung Norden.

Rophus rannte. Eigentlich mehr ein Springen von einem Hindernis zum anderen. Nicht nur, dass der Boden alles andere als eben war, auch peitschten ihm ständig Äste und Zweige entgegen. Sie verlangsamten ihn ebenfalls. Seine enge Lederrüstung tat hier gute Dienste. Sie schützte vor kleineren Verletzungen, ließ ihm aber auch genug Bewegungsfreiheit. Nur die Maske war hinderlich. Ohne sie wäre sein Gesicht schon längst mit Narben übersät gewesen, aber durch die verdammten Luftschlitze ließ es sich so schwer atmen.
Neben seinem eigenen Keuchen vernahm er auch den gelegentlichen Flügelschlag des Drachens. Er musste gleiten und er kam näher...
Die Lichtung auf die er zurannte war unmöglich zu umgehen. Es hätte zu lange gedauert. Und umdrehen? Nun, wenn der "Große" auch Feuer speien konnte, lief er ihm damit genau in die Schusslinie. Er musste es riskieren.
Er verließ die schützenden Bäume und rannte über die offene Wiese. Wenigstens konnte man hier laufen und so steigerte er sein Tempo noch ein wenig.

II Die Lichtung

Da unten war er. Dieser Narr hatte tatsächlich den Wald verlassen und rannte nun über eine offene Lichtung. Er setzte sofort zum Sturzflug an. Er würde genau auf ihm landen, ihn zu Boden drücken und zerfleischen. Langsam und Stück für Stück, damit er soviel wie möglich mitbekam. Andere Gegner waren schneller gestorben, aber diesmal nicht. Er nahm den Flüchtenden ins Visier und näherte sich ihm schnell.

Eigentlich hätte dieser Fehler tödlich enden müssen, aber genau jetzt rettete er Rophus das Leben. Er war über einen Baumstumpf gestolpert und zu Boden gefallen. Er hörte nur noch ein paar Flügelschläge über ihm und zog den Kopf ein. Aber was immer er jetzt erwartete, Feuer, Krallen oder irgendwelche noch schlimmeren Schmerzen, nichts davon trat ein.
Er hörte ein Rauschen über seinen Kopf hinweg.
Er sah vorsichtig nach vorne und glaubte seinen Augen nicht.
Der "Große" hatte sich verschätzt, kam fünf Meter vor ihm auf dem Boden auf und überschlug sich nach allen Regeln der Kunst. Wäre er jetzt aufrecht gelaufen, hätte ihn der Drache erwischt. So nah war er ihm also schon gekommen.
Rophus richtete sich auf und nutzte die Verschnaufpause. Geradeaus ging es jetzt nicht mehr. Also nach Westen, dem Sonnenuntergang entgegen, der jetzt langsam einsetzte.

Der Drache richtete sich so schnell es eben ging auf. Er sah sich um. Der Wurm war weg.
Ein wütendes Gebrüll durchzog den Wald. Es drückte den Ärger des "Großen" recht passend aus. Aber es brachte ihm auch seine Entschlossenheit zurück.
Weit konnte er noch nicht sein.
Diesmal konnte er zum Start Anlauf nehmen. An ihm vorbei war er nicht gelaufen, das hätte er bemerkt. Zurück bestimmt auch nicht. Osten oder Westen? Einen Moment zögerte er. Genau im richtigen Moment. Nach seinem Schrei war es ruhig geworden und plötzlich hörte er ein Knacken, das Brechen eines Astes. Er riss seinen Kopf herum und starrte nach Westen.
Er nahm Anlauf.

III Der Abgrund

Diesmal fand Rophus´ Lauf ein schnelleres Ende. Nicht nur, weil sein Bein nach dem Sturz schmerzte. Es ging nicht weiter. Wieder endete der Wald. Nach weiteren zweihundert Metern Wiese begann ein fast senkrechter Abhang. Man hatte einen schönen Ausblick über das gesamte Tal, das vor ihm lag. Aber es blieb keine Zeit, den Anblick zu genießen. Vor ihm die untergehende Sonne, hinter ihm das Geräusch von schlagenden Schwingen.

Er stand genau vor der untergehenden Sonne. Er drehte sich um und sah ihn kommen. Hier ging es für ihn nicht weiter. Der Drache ließ sich bis dicht über den Boden sinken. Diesmal würde er ihn nicht verfehlen. Er blickte gerade in Richtung des Wurms, der gerade die Arme ausbreitete. Würde dieser Feigling jetzt etwa springen? Sich fallen lassen um seinem Schicksal zu entgehen? Sollte er doch. Bevor er am Boden ankam hätte er ihn noch in der Luft abgefangen und im Flug zerrissen. Sein Blut würde als leichter Schauer im Tal niedergehen.
Er ließ sich fallen, fiel rückwärts und war verschwunden.
Der "Große" stürzte über die Kante des Abgrunds und schrie vor Schmerzen auf.
Fast verlor er das Gleichgewicht und wäre abgestürzt. Dieser Schmerz war neu und stark.
Ein Brennen unter der linken Achsel. Er griff sich unter die Achsel und als er seine Hand wieder hervor holte war sie blutverschmiert.
Von dem Wurm war keine Spur.

Rophus hatte sich fallen lassen. Aber nicht über den Rand des Abgrunds, sondern zwei Meter davor. Es hatte tatsächlich geklappt. Gegen die Sonne gesehen, war der Unterschied nicht zu bemerken. Als der Drache über ihn hinweg glitt musste er nur noch sein Kurzschwert heben.
Den Rest erledigte der "Große" durch seine Flughöhe und Geschwindigkeit von selbst.
Er richtete sich wieder auf und sah ins Tal hinab. Er beobachtete den Drachen, wie er versuchte in der Luft die Balance zu halten und dabei dem Talboden immer näher kam. Lange würde er sich nicht mehr oben halten können.
Aber auch er selbst konnte nicht mehr.

IV Gnade

Rophus lehnte sich gegen einen Baum, sank in die Knie und keuchte schwer.
Er war erschöpft aber noch immer am Leben.
Er sah hinüber zum Tal.
Da war es wieder, das Geräusch des Schwingenschlags. Der "Große" lebte noch. Und er stieg wieder auf. Sichtlich bemüht erhob er sich direkt vor der Sonne. Seine Silhouette hob sich deutlich ab und warf einen riesigen Schatten. Rophus konnte sehen, wie das Sonnenlicht durch die Flughäute schimmerte.
Mit letzter Kraft flog der Drache noch einige Meter in seine Richtung, dann landete er und knickte den linken Arm sofort ein. Die Wunde bereitete ihm zu große Schmerzen, als dass er sich auf diesen Arm hätte stützen können. Erschöpft aber immer noch in Rage humpelte der "Große" langsam auf ihn zu.

So weit war bis jetzt noch kein Mensch gekommen. Ein Keulenschlag, vielleicht ein Schwerthieb sogar. Aber so sehr hatte ihn noch kein Mensch bis ans Ende seiner Kräfte gebracht.
Aber er sollte keine Gelegenheit bekommen, damit zu prahlen. Er war auch erschöpft. Er konnte sich auch kaum noch aufrecht halten, geschweige denn wieder in den Wald flüchten. Er würde einfach hingehen und ihn... fressen. Ja ihn langsam und genüsslich zwischen seinen Kiefern zermalmen.
Sein Blick schwankte, jedes Mal, wenn er mit dem linken Arm auftrat. Aber er verlor den Wurm nicht eine Sekunde aus den Augen. Jetzt stand er direkt vor ihm. Er sah ihm ein letztes Mal direkt in die Augen. Der Wurm ergab sich also seinem Schicksal. Er hob den Kopf, öffnete sein Maul und fuhr auf sein Opfer herab.

Rophus sah direkt in den Rachen des "Großen". Auf diesen Moment hatte er gewartet.
Ein schneller Griff an die Hüfte und einen Augenblick später flog ein Dolch genau in Richtung Drachenmaul. Er traf den hinteren Teil des Gaumens. Der Drache schloss reflexartig sein Maul und zog den Kopf wieder zurück.

Es war nicht sehr schmerzhaft. Aber absolut unerwartet. Dieser Wurm war immer noch für eine Überraschung gut. Mit geschlossenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht, biss er die Zähne zusammen. Mit der Zunge versuchte er, den Dolch zu lösen. Es gelang ihm. Zusammen mit etwas Blut und Speichel spie er ihn aus. Hasserfüllt blickte er auf diese Person, die ihn an sämtliche Grenzen brachte. Er hatte sich kein Stück bewegt. Wenn Blicke töten könnten...
Das letzte, was sein rechtes Auge sah, war eine Lichtreflexion und dann nur noch Dunkelheit.
Er schrie auf vor Schmerz. Mit der Rechten, noch blutigen Hand bedeckte er das von einem weiteren Dolch getroffene Auge und sein linker Arm trug das Gewicht nicht. Er brach zusammen und lag schwer atmend vor seinem Peiniger.

Jetzt erst stand Rophus auf. Der "Große" war so mit seinen Schmerzen beschäftigt, dass er ihn nicht bemerkte. Er ging erschöpft zur rechten Seite des Halses. Er zog sein Kurzschwert und beobachtete den Hals genauer. Dort war sie. Sie pulsierte stark und rhythmisch. Er legte sein Schwert genau an die Pulsader an und betrachte noch einmal den Körper des Drachen. Ihm fiel die blutverschmiert Hand des "Großen" auf er strich etwas Blut mit dem Finger ab und kostete es. Es schmeckte... leicht süßlich, etwas metallisch. Aber es war nicht das richtige Blut und auch nicht der richtige Drache. Er nahm sein Schwert von der Halsschlagader und schob es zurück in die Scheide. Er würde seinen Schwur nur einmal brechen. Aber nicht jetzt und nicht hier.

Rophus holte eine kleine Säge hervor und trennte eines der kleinen Hörner ab. Ob der Drache tot war oder nicht, er hatte den Beweis für seinen Sieg. Wer wollte ihm etwas anderes nachweisen? Irgendjemand hier in der Gegend würde ihm den Tod des Drachen schon lohnen. Für die Menschen war nur ein toter Drache ein guter Drache. Sie waren alle gleich.

Er ging zum Rand des Abgrunds. Auf dem Weg dorthin entfernte er seine Maske und konnte endlich wieder mal richtig tief durchatmen. Die letzten wärmenden Strahlen der Sonne trafen seinen Körper.
Er blickte in den Sonnenuntergang und seine Pupillen zogen sich schnell zu schmalen Schlitzen zusammen.
Ja, sie waren alle gleich...


2 Die Maske


I Das Stadttor

Trunnar. Nicht unbedingt die größte Stadt des westlichen Kontinents, aber dennoch recht anschaulich. Sollte man meinen. Das einzige, was über die Stadtmauern empor ragte, war das Schloss des Königs. Wie war doch gleich sein Name? Egal. Hinter diesem Berg von Titeln verbargen sich auch nur Menschen. Wichtig war es erst mal, zu ihm zu gelangen. Wer würde besser für den Tod eines Drachen bezahlen?
Man konnte bereits vom anderen Ende der Zugbrücke durch das Eingangstor sehen, was die Mauern verbargen. Das Schloss war nicht das einzige Gebäude, das Reichtum ausstrahlte. Viele andere Gebäude waren nicht weniger kunstvoll gebaut worden. Dieser Stadt ging es wirklich gut. Auf jeder freien Stelle wurden Handelsplätze eröffnet. Die wohlhabenden Händler nahmen sogar die Häuser ein. Das war nicht nur weit stabiler als ein Stand, der von allen Ecken beklaut werden konnte, sondern vermittelte auch ein ganz anderes Gefühl beim Einkauf. Was Rophus nur störte, waren diese ganzen Menschenmassen. Dicht an dicht drängten sie sich durch die Straßen, immer auf der Suche nach einem lohnenden Geschäft.

Doch weiter als bis zur Zugbrücke kam Rophus nicht. Natürlich versperrten die Wachen einer zwielichtigen Gestallt wie ihm den Weg. "Halt!" rief einer der beiden, als sie ihre Speere vor Rophus kreuzten. "Was wollt ihr und wer seid ihr überhaupt?" "Ich bin Rophus und will euren Herrscher sprechen.", sagte dieser mit ruhiger, rauchiger Stimme.
Er schloss einen Moment die Augen. Er könnte jetzt einfach zugreifen und den beiden die Speere entreissen. Dann ein wenig das Kurzschwert geschwungen und dieses lästige Gespräch wäre beendet... und er hätte in kurzer Zeit die gesamte Stadtwache am Hals. Trotzdem amüsierte ihn der Gedanke. Den Wachen durch die Maske verborgen, machte sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit. Aber er verwarf diesen Gedanken schnell wieder, als das Frage-Antwort-Spiel weiter ging. "Seine Majestät, König Hogan ist ein sehr beschäftigter Mann. Er hat keine Zeit für Landstreicher. Warum tragt ihr überhaupt diese Maske? Was habt ihr zu verbergen? Nehmt sie ab!"
Während der Ältere der beiden Rophus ausfragte, starrte ihn der Jüngere nur an. Er versuchte die ganze Zeit irgendetwas hinter der Maske zu erkennen. Er hatte eine ähnliche Maske schon einmal gesehen.

Vor einiger Zeit, als er einmal die Schatzkammer seines ehemaligen Herrschers gezeigt bekam. Sie stand in der Vitrine für Gastgeschenke. "Von Kaiser Cheng, anlässlich des 50 Herrscherjahres seiner Majestät.", stand darunter. Die Samurais des Kaisers trugen solche Masken, sie schützten ihr Gesicht von Kinn bis Nasenbein. 4 Paar horizontaler Luftschlitze machten das Atmen überhaupt möglich. Dazu gehörte noch ein Helm, der weite Partien von Nacken und Schultern abdeckte. Ja, das waren noch Zeiten als Schatzwache. Man hatte einen Ruf, eine Würde und die Bezahlung erst. Bis zu diesem Einbruch in die Schatzkammer... aber daran wollte er jetzt nicht mehr denken. Er riss sich aus seinen Gedanken und blickte Rophus wieder an. Die Maske seines Gegenübers war etwas höher. Ein zweites Segment bedeckte Schläfen und Stirn. Der Helm fehlte, genauso wie die goldenen Verzierungen. Sie diente also hauptsächlich zum Verbergen des Gesichtes. Auch der restliche Kopf wurde von einer Art schwarzen Lederkapuze bedeckt. Der Wächter konzentrierte sich auf die Sehschlitze aber diese warfen einen Schatten auf die Augen, so dass selbst diese nicht zu erkennen waren. Es war eigentlich überhaupt nichts von dieser Gestalt zu erkennen. Die Lederrüstung, die Handschuhe. Jeder Zentimeter Haut war irgendwie verborgen. Langsam wurde er nervös. Wahrscheinlich hätte er die Fassung verloren, hätte sein Kollege den Besucher nicht nochmals aufgefordert, die Maske abzunehmen. Rophus schüttelte schweigend den Kopf. "So dann, verschwindet von hier!" Eine unendliche Ewigkeit von drei Sekunden verstrich. Der Landstreicher zog wortlos weiter seines Weges. Die Blicke der Wachen verfolgten ihn, als er entlang der Stadtmauern ging, bis er außer Sicht war. Dann sahen sie sich gegenseitig erleichtert an und nahmen ihre Dienstposition wieder ein.

II Die Hintertür

Die Zeit war optimal. Die gerade beginnende Mittagshitze machte die Wachen träge. Sie bemerkten nicht, dass Rophus die Stadtmauern umschlich. Den Wassergraben hatte er schon vor hundert Metern an einer schmalen Stelle durchschwommen. Nun bewegte er sich direkt an der Mauer entlang, den Blick nach oben gerichtet. Er fand, wonach er gesucht hatte. Ein Loch in der Mauer in vier Metern Höhe. Nur war die Mauer glatt gebaut und kein Mensch könnte da hochklettern oder so hoch springen. Rophus schaute sich noch einmal um, um sicher zu gehen, dass ihn niemand beobachtete. Dann zog er seine Handschuhe aus. Er holte aus und rammte die Krallen seiner linken Hand mit einem Schlag in die Wand. Sie würden halten und sein Gewicht tragen. Er betrachtete seine rechte Hand. So kräftig und so fest die Krallen auch waren, er hasste diesen Anblick von schuppiger Haut und Krallen immer noch. Er rammte auch seine rechte Hand in die Wand, zog sich hoch und die linke Hand aus der Wand, um sie ein Stückchen höher wieder hinein zu treiben. So erklomm er Zug um Zug die Mauer, bis er das Loch erreicht hatte. Es war nicht besonders groß, gerade groß genug, um durchzuschlüpfen. Er sah hindurch und erkannte, warum es nicht bemerkt worden war. Die Rückwand eines Hauses stand einen Meter davor. Aber warum sah es niemand von außen? Nun, hoffentlich genügte dieser Grund, um auch die Spuren zu übersehen, die er beim Klettern hinterlassen hatte. Er zwängte sich durch das Loch und ließ sich fallen. Kurz vor dem Boden breitete er seine Arme aus, um zwischen den Wänden seinen Sturz zu bremsen.
Seine Krallen hinterließen dabei tiefe Furchen, sowohl in der Hauswand, als auch in der Mauer. Es war herrlich schattig hier und ruhig. Ideal, um ein wenig auszuruhen. Nach seinem Kampf mit dem Drachen hatte er sich schon nach wenigen Stunden Rast auf den Weg nach Trunnar gemacht. Nach über einem Tagesmarsch gönnte er sich endlich wieder mal ein kleines Nickerchen.

III Erinnerung

Die Bilder, die Rophus sah waren anfangs verschwommen. Aber er brauchte sie nicht zu sehen, er kannte sie aus seiner Vergangenheit. Er sah sich selbst vor etwa hundertzwanzig Jahren. Er war jung und naiv damals. Als Sohn eines Bauern strich er über die Felder seines Vaters. Er wollte mehr werden als sein Vater. Die Landarbeit war mühselig. Er hatte mit 22 Jahren genug Kraft, um der Arbeit nachzukommen, aber sie langweilte ihn sehr und bot auch keine großartige Zukunft. In Gedanken versunken ließ er seinen Blick über die Felder wandern. Ein leichter Wind rauschte durch das Korn. Doch plötzlich veränderte sich das Geräusch. Es wurde kräftiger und rhythmisch. Es schien von hinten auf ihn zuzukommen. Gerade, als er sich umdrehen wollte, um danach zu schauen, stand er inmitten eines großen Schattens. Er riss seinen Kopf nach oben und wurde von der Mittagssonne geblendet, die genau über ihm stand. Zu spät. Er rieb sich die Augen und wandte sich dem merkwürdigen Geräusch zu, das sich jetzt von ihm entfernte. Als er langsam wieder deutlich sehen konnte, erkannte er einen davonfliegenden Drachen. Von hier aus schien er klein zu sein, aber laut Berichten waren sie riesig. Man erzählte sich Schauermärchen und Heldensagen rund um Drachen. Aber ein so ruhig dahingleitender Riese, der einfach nur seinen Flug genoss, war nie erwähnt worden. Fliegen. So wie sein Blick dem langsam verschwindenden Drachen folgte, folgten seine Gedanken fortan diesem Wunsch von Größe, Kraft, Mystik und... Fliegen.
Wie würde es wohl sein, hoch über den Wolken oder dicht über dem Boden einfach dahinzugleiten, die ganze Welt im Überblick?

Noch ein Vierteljahr, länger hielt er es auf den Ländereien seines Vaters nicht mehr aus. Er wollte die Welt sehen, Abenteuer erleben und... fliegen, egal wie. Da er in Gedanken versunken immer mehr seine Arbeit vernachlässigte, fiel es dem Vater nicht schwer, seinen Sohn gehen zu lassen. Wahrscheinlich war ein Knecht einfacher zu versorgen und tat mehr für sein Geld.
So ließ er ihn mit einem Brot, einem Dolch und einem kleinen Bündel Kleidung losziehen. Geld würde er sich schon selbst verdienen.

Der Traum verblasste plötzlich.
Erschrocken drehte Rophus seinen Kopf zur Seite. Er konnte sich aber wieder beruhigen. Ein Hund hatte sein kleines Versteck zwischen den hohen Wänden entdeckt, ein Streuner. Er sah grau und schmutzig aus, schien sich aber darum nicht zu sorgen. Er saß einfach nur da und hechelte. "Verschwinde, Kleiner. Du wirst mich noch verraten. Zu fressen hab ich eh nichts für dich. Komm, geh." Nichts. Der Streuner schloss nur kurz seine Schnauze, legte den Kopf etwas zu Seite und hechelte dann weiter. Rophus lächelte ein wenig hinter seiner Maske. Selten stand jemand freiwillig in seiner Nähe, ohne ihm mit Aggression zu begegnen. Er fühlte sich entspannt, vielleicht sogar etwas glücklich. Er streckte seine Hand aus, um den Streuner etwas zu streicheln. Dieser stand auf und wich einen Schritt zurück. Zuerst war Rophus etwas verwirrt, dann wurde ihm klar, dass er seine Handschuhe nicht wieder angezogen hatte. Enttäuscht zog er seine Hand wieder zurück. Der Streuner war sichtlich angespannt und blieb auf Distanz. Er schlug mit der Faust leicht gegen die Wand, an die er gelehnt war. Hoffentlich hatte das niemand im Haus bemerkt. Er sah wieder zum Hund hinüber, der sich kein Stück gerührt hatte.
Er griff an seine Kapuze und zog sie zurück. Zum Vorschein kam ein mit grünen Schuppen bedeckter Hinterkopf. In der Mitte verlief eine Reihe winzig kleiner Zacken vom Halsansatz hinab entlang der Wirbelsäule. Keine Spur von Ohrmuscheln. Nur drei Lederriemen, die die beiden Segmente der Maske hielten. Diese löste Rophus jetzt und nahm die Maske ab. Zwei bernsteingelbe Augen mit schlitzförmigen Pupillen sahen den Hund an, als ein mit spitzen Zähnen bewährter Mund sprach: "Du solltest jetzt wohl lieber verschwinden." . Der Hund wich ein paar Schritte zurück und zog den Schwanz ein, machte kehrt und rannte leise winselnd davon.
Rophus legte die Maske wieder an und zog sich diesmal auch die Handschuhe über.
Er griff in seine Tasche und brachte das abgesägte Horn des Drachens hervor. Er drehte es nachdenklich in seiner Hand. "Viel Schmerz und ein Auge hat es dich gekostet..." er blickte gen Himmel. Es konnten höchstens zwei Stunden vergangen sein. Er senkte seinen Blick wieder auf das Horn und spürte seine Müdigkeit zurückkehren.

IV Der Auftrag

Diesmal sah er sich vor Dia Mon, einem alten Zauberer. Gerüchte und etwas Glück hatten ihn vor sein Haus, mitten im Hochgebirge, geführt. Vielleicht konnte Magie ihm ja in die Lüfte verhelfen.
"Groß und stark willst du werden, fliegen willst du können. Soso... Nun es würde sich anbieten, dich in einen Drachen zu verwandeln." Rophus´ Augen strahlten. "Nun, mein junger Freund, das ließe sich bewerkstelligen. Natürlich für eine kleine Gegenleistung." Rophus Begeisterung steigerte sich immer weiter. Selbst ein Schlag mitten ins Gesicht hätte diesen Gesichtsausdruck nicht verändern können. "Für deinen Zauber und die Ergänzung meiner Artefaktsammlung brauchen wir etwas Drachenblut. Und natürlich wirst DU es besorgen." "Na klar! Schon so gut wie erledigt! Und was mach ich mit der anderen Hand?", dachte sich Rophus. "...aber, mein Freund, so einfach wird das nicht. Ich gebe dir ein Schwert, das in der Flamme eines Drachen geschmiedet wurde. Es kann den Schuppenpanzer dieser Wesen mit Leichtigkeit durchdringen. "Super. Wie viel Blut braucht ihr?" "Hahaha... Nein, so einfach wird das nicht für dich. Einen Drachen töten könnte man mit viel einfacheren Mitteln. Nein, du wirst ihn am Leben lassen, ihm nur etwas Blut abnehmen, dieses Fläschchen damit füllen und zu mir zurückkommen. Du wirst weder ihn, noch sonst einen Drachen töten. Schwört das oder spart euch den Weg!" Rophus dachte einen Augenblick nach. Nie einen Drachen töten - selbst nicht zur Verteidigung? Nun... Er müsste dann eben allen Drachen aus dem Weg gehen. Die meisten waren eh unbesiegbar. Und schließlich hatte er ja ein Ziel vor Augen.
Rophus hob den Kopf wieder und blickte Dia Mon tief in die Augen. "Ja... Ja, ich schwöre es."
Zufrieden lächelte der alte Mann und drückte Rophus ein leeres Fläschchen mit Tragegurt und das besagte Schwert in die Hand. "Geh nur auf die andere Seite dieses Berges. Am Südhang wirst du eine bewohnte Höhle finden. Dort findest du auch, wonach wir suchen. Geh nun."
Und Rophus ging. Aber er ging nicht weit. Das Gelände verlief immer schräger, je weiter er sich von Dia Mons Haus entfernte. Nach zwei Tagen des Fallens, Kletterns und Hangelns erreichte er endlich den Südhang. So umständlich sein Weg gewesen war, schien er doch der einzig menschenmögliche zu sein. Er stand auf einem Vorsprung, zwei Meter über dem Höhleneingang. Von da an ging es nur noch steil bergab ins Dunkle. Nur die nadelartigen Spitzen einiger Berge waren da unten zu erkennen. Er wollte gerade hinabsteigen, als er ein Schnaufen aus der Höhle vernahm. Etwas Großes war dort aufgewacht und begann jetzt, aufzustehen. Er hörte Schritte, schwere Schritte, die immer schneller in Richtung Höhleneingang kamen. Das Echo ließ nach, das Geräusch der Schritte wurde heller und schneller. "Er muss dem Eingang nah sein. Ob es derselbe Drache ist, den ich damals gesehen habe?", dachte Rophus. In der nächsten Sekunde sprang ein großer, erdfarbener Drache vom Rand des Höhleneingangs, ließ sich ein paar Meter in die Tiefe stürzen und breitete dann die Flügel aus. Noch wenige Meter, dann stieg er wieder auf.
Mit wenigen Flügelschlägen beschleunigte er ein wenig und war dann um die Gipfel der Berge verschwunden. Rophus betrachtete ungläubig das ihm gegebene Kurzschwert. Diese Waffe sollte so einem Riesen gefährlich werden können? Er kletterte zum Eingang hinab und betrat die Höhle.
Weit konnte er nicht sehen. Er tastete sich ein Stück vor, stieß aber auf kein Ende der Höhle. Hier sollte er sich mit einem riesigen Drachen duellieren, ihn verwunden, aber nicht töten? Er sah zum Licht des Eingangs zurück. Er musste nicht kämpfen. Er konnte bekommen, was er suchte, ohne sich dem Drachen stellen zu müssen. Nach einer Stunde der Vorbereitung kauerte sich Rophus hinter einen Stein. Das Versteck war simpel, aber vielleicht würde ihn der Drache ja übersehen.

Tatsächlich war der Drache etwas unaufmerksam, als er zwei Stunden später zur Höhle zurückkehrte. Er war satt und ein wenig müde. Er bemerkte nicht einmal den Schnitt im Fuß, als er auf das Schwert trat, das Rophus am Höhleneingang versteckt hatte, mit Steinen begraben, so dass nur die Schneide längst hervorragte. Zufrieden legte er sich ein wenig tiefer in der Höhle zum Boden, rollte sich in seinen Schwanz ein und schlief ein. Ein ruhiges, gleichmäßiges Schnarchen setzte ein. Rophus stand langsam auf und schlich zum Drachen hinüber. Das Licht war schwach aber das Blut, das aus der Schnittwunde trat, war gerade so zu erkennen. Rophus öffnete seine Flasche und hielt sie unter die Schnittwunde. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Flasche gefüllt war, denn das Blut floss langsam. Plötzlich spürte Rophus Wärme auf seiner Hand, die Flasche war voll und das Blut lief über seinen Handrücken. Er nahm die Flasche ab und verschloss sie wieder. Er stand auf und ging direkt auf den Höhleneingang zu, nahm dort das Schwert auf und steckte es in die Scheide zurück. Er hatte es geschafft, er musste nur noch von hier verschwinden.
Genauso umständlich wie er gekommen war, verschwand er von diesem Abgrund.

"Du hast also bekommen, wonach ich dich geschickt habe. Ich danke dir. Komm, nimm Platz, ruh dich aus. In der Zwischenzeit werde ich einen Trank zubereiten."

Als Rophus aufwachte, stieg ihm ein furchtbarer Gestank in die Nase. Es brannte weder, noch lag etwas rauchartiges in der Luft, es stank nur furchtbar. Er eilte zur Tür und riss sie auf, um etwas frische Luft zu atmen. Doch als er die Tür öffnete schlug ihm der Gestank erst richtig entgegen. "Was tut ihr da?" fragte er Dia Mon, der vor dem Haus einen kleinen Topf aufgestellt hatte und irgendetwas kochte. "Hahaha. Mein Freund, wer sagte euch, Magie würde immer gut riechen? Ihr kommt genau richtig, es ist fertig. Kommt. Probiert." Rophus trat ungläubig näher. "Den ganzen Topf austrinken, in einem Zug und so heiß, wie es jetzt ist, sonst wirkt es nicht."
Rophus stand immer noch ungläubig da. So, wie das da roch, wie sollte es da erst schmecken?
"Los, trinkt!", sprach Dia Mon. Rophus nahm den Topf mit lappenumwickelten Händen auf, setzte an und schluckte. Es schmeckte tatsächlich fürchterlich, nach Schwefel, Blut, etwas metallisch und nach irgendwelchen undefinierbaren Substanzen. Fast hätte er den Trank wieder ausgespuckt aber irgendwie gelang es ihm doch, diese Brühe runterzukriegen. Er setzte den Topf wieder ab und atmete langsam. Er versuchte irgendetwas zu fühlen, irgend eine Veränderung an seinem Körper, aber alles, was er spürte, war aufsteigende Übelkeit. Ihm wurde schwindlig. Er blickte zu Dia Mon hinüber, der nur da stand und ein paar undeutliche Gesten machte, die Flasche, halbvoll mit Drachenblut an die Hüfte gebunden. Er murmelte eine Formel, dann wurde Rophus schwarz vor Augen.

V Ein neues Selbst

Wie aus einem Rausch wachte Rophus auf. Es war spät geworden und am Horizont, war nur noch die Abendröte zu erkennen. Ihm war immer noch schwindlig und sein Kopf schmerzte. Seine Arme und Beine fühlten sich erschöpft an. Seine Arme? Wie ein zweites Paar Arme über seinen eigenen fühlte es sich an, die Finger schwach, dafür die Oberarme erstaunlich kräftig. Er spreizte die Finger seiner linken Hände. Tat seine gewohnte Hand, was er erwartete, schienen die Finger der Neuen durch irgendetwas am kompletten Ausstrecken gehindert zuwerden, als wären sie aneinander irgendwie... gefesselt. Diese Fesseln waren aber nicht sehr eng und irgendwie dehnbar aber trotzdem beständig. Er konnte sie selbst fast fühlen. Er KONNTE sie fühlen, als der Wind darüber strich. Endlich entschloss er sich, die Augen zu öffnen. Er sah Licht und Schatten aber alles total verschwommen. Er wollte sich gerade die Augen reiben, als seine Finger eine Art drittes Augenlid berührten. Er stoppte seine anfangs hastige Bewegung, tippte noch mal vorsichtig auf das neue Lid und schob es zurück. Die Sicht wurde klarer, aber nicht das Gesehene: eine große massive Kralle, direkt dahinter eine Art Flügel, wie der einer dieser komischen Nachtflieger... Fledermäuse. Genau, so hatte Vater sie immer genannt. Er streckte seine linke Hand von sich, der Flügel vollzog, so gut er konnte, die gleiche Bewegung. Erschrocken versuchte er, sich aufzurichten, aber irgendetwas zog sein Becken nach unten. Da, wo sonst sein Steißbein endete, hing jetzt ein langer Schwanz. Er schien sich in seinen Bewegungen an die Wirbelsäule anzupassen und sein Gleichgewicht zu halten, wenn man sich an das Gewicht gewöhnt hatte. Noch einmal holte Rophus Schwung und stützte sich auf alle Viere... Sechse. Er spannte seine Arme an, damit sie still hielten und tatsächlich, jetzt konnte er seine Flügel unabhängig bewegen, wenn er sich genügend darauf konzentrierte. Zwar versuchten auch seine Arme sich nach oben zu strecken, aber er behielt sie im Griff.
Er sah geradeaus über seine Nasenspitze hinweg auf Dia Mon. Seine Nasenspitze! Sie war einige Meter weiter weg, als gewohnt und an ihrem Ende prangte ein kleines Horn. Ungläubig griff er danach. Das Kratzen am Horn fühlte er im ganzen Schädel. Er schob einen Finger zwischen die Lippen und ertastete eine Reihe scharfer, spitzer Zähne. "Haha. Beißt euch lieber nicht auf die Zunge." sprach der Alte zu ihm. "Nun, ihr wolltet doch fliegen, dachte ich. Probiert es doch einfach mal aus. Es ist leichter, als es aussieht." Er wies auf einen Hügel in der Nähe von dem aus es lang und gleichmäßig bergab ging. Rophus versuchte sich auf die Beine zu stellen und aufrecht zu gehen aber das Gewicht oberhalb des Becken verhinderte das. Wohl oder übel musste er sich auf allen Vieren fortbewegen. Am Hügel angekommen, sprach ihn Dia Mon von der Seite an: "Versucht es erst mal mit Gleiten. Spannt eure Schwingen, haltet sie ausgestreckt und springt ab. Ihr habt dem Drachen in der Schlucht zugesehen. Das Feingefühl werdet ihr schon von selbst bekommen, wenn ihr erst mal in der Luft seid." Er hatte ihm zugesehen, als er das Drachenblut besorgte? Wie? Er war ein Zauberer, natürlich mit Magie... irgendwie. Aber das war im Moment nicht so wichtig. Rophus konzentrierte sich wieder auf den Flug, der ihm bevor stand.
Wie ihm Dia Mon gesagt hatte, breitete er die Schwingen aus, nahm ein wenig Anlauf und sprang ab.

Er hatte erwartet, dass seine Flügel einfach unter seinem Gewicht nach oben wegknicken würden, aber das taten sie nicht. Ihre Kraft reichte aus, ihn locker zu tragen, anfangs dicht über dem Boden, dann hob er die Schwingen vorne ein wenig an und gewann an Höhe. Er versuchte, ein paar Flügelschläge so durchzuführen, wie er sie in der Schlucht gesehen hatte. Es war etwas anstrengender, als der einfache Gleitflug aber es war auszuhalten. Obwohl er schon mehrere hundert Meter entfernt war, konnte er Dia Mon immer noch deutlich verstehen: "Mein Freund, fliege mit deinen Flügeln. Arme und Beine helfen dir nicht dabei, egal wie schnell du damit schlägst. Leg sie doch einfach an." Er versuchte sich das Lachen zu verkneifen. Dieser fliegende, strampelnde Drache sah einfach zu komisch aus. "Übermorgen bei Sonnenuntergang bist du wieder hier!"

Rophus mochte nicht nach unten sehen. Er hatte den Blick nur nach vorne gerichtet, nach Westen... nach Hause.

Der gerade Weg hierher hätte ihn viele Tage gekostet aber so war es nur noch eine Frage von Stunden, bis er sein Heim erreichen würde. Vielleicht war Fliegen leicht aber nicht so angenehm, wie er erwartet hatte. Der Wind in den Flügeln, den freien Ausblick durch die Wolken auf den Sternenhimmel. Aber er wusste jetzt auch, wie es war, die Welt von hier oben zu sehen, von so weit oben. Die Farben verblassten zu Grautönen aber die Umrisse von Bäumen und Wegen waren selbst bei dieser Dunkelheit noch gut zu erkennen. Auch, dass es ein weiter Weg bis nach unten war, entging Rophus nicht. Schnell sah er wieder nach vorne, um die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.

Er reduzierte seine Höhe. Von hier aus auf die Erde zu sehen, war weit angenehmer, aber man wurde auch gesehen. Wo immer er auch den Weg eines Wanderers kreuzte, floh dieser sofort in den nächsten Busch oder rannte schreiend davon. Irgendwie kam er sich... großartig vor. Er wurde geachtet, er wurde respektiert, er wurde... gefürchtet. Verflogen war die gute Laune bei diesem Gedanken... Er drehte ab und mied die Wege. Er nahm den geraden Weg direkt über die Felder, den gleichen Weg, den der Drache damals genommen hatte, nur in umgekehrter Richtung. Am frühen Morgen segelte er dicht über die Ähren des Korns hinweg und ließ seine Hand durch die Halme streifen. Er hatte keine Vorstellung, was ihn zu Hause erwartete aber damit hatte er nicht gerechnet.

Das Gut seines Vaters war leer, kein Mensch war da. Ein paar Hühner liefen herum und gackerten, sonst war es ruhig. Rophus setzte vor dem Hoftor auf, zog beim Bremsen tiefe Furchen und wirbelte viel Staub auf. Rophus blickte immer noch erstaunt über den Hof. Hatte niemand seine Ankunft bemerkt? Doch, man hatte! Das große Tor der Scheune wurde aufgestoßen, das Korn hinter ihm begann zu rascheln. Wie aus einem Munde dröhnte der Aufschrei: "DER DRACHE!!!"
Sie stürmten mit Mistgabeln und Stangen, Schaufeln und Lanzen auf Rophus zu. Noch ehe er sich einmal komplett umdrehen konnte, um zu schätzen, wie viele es waren, fand die erste Holzstange ihr Ziel an seiner Schulter. Sie konnte den Schuppenpanzer nicht durchdringen und zerbrach. Nicht so die Mistgabel an seiner Taille. Auch die Schaufeln, die wie Äxte gegen seine Fußgelenke geschlagen wurden, schmerzten sehr. Von der Situation völlig überfordert bekam er eine Art Sodbrennen. Er wollte fliehen, doch er wusste nicht recht wohin. Aus dem Stand konnte er nicht starten und die Menge über den Haufen rennen? Er kannte ihre Gesichter, jedes einzelne aus Zeiten, da er noch selbst hier gelebt hatte. Verzweifelt schloss er die Augen, in der Hoffnung, aus einem bösen Traum aufzuwachen. Er spürte den Druck in seinem Inneren steigen, während von außen Hiebe und Stiche auf ihn kamen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er noch im letzten Moment eine Lanze auf seinen Kopf zufliegen. Instinktiv duckte er sich. Auf einen langgezogenen Schrei hin blickte er nach vorne. Er sah, wie sein Vater mit einer Heugabel schreiend mit hochrotem Kopf und blankem Hass auf ihn zugestürmt kam. Plötzlich überkam Rophus eine Art Würgreiz. Er schloss seine Augen und öffnete, durch Muskelkrämpfe gezwungen, seinen Mund. Und dann wurde es still. Nur das beständige gedämpfte Rauschen eines rasenden Feuersturms direkt vor ihm war zu hören. Als der Krampf nachließ, schloss Rophus seinen Mund wieder, hielt die Augen aber noch geschlossen. Er hörte ein verängstigtes Raunen durch die Reihen der Angreifer. Ein paar waren in Panik davon gerannt und hatten schon einen ordentlichen Abstand erreicht. Es roch nach Angst unter den Männern, nach Feuer um ihn herum, nach verbranntem Fleisch vor ihm. Es roch nach Tod.
Rophus ließ die Augen geschlossen. Er war sich sicher, keine Hindernisse mehr vor sich zu haben. Er schritt langsam über den verbrannten Boden und die Asche, die vor ihm lagen, er spürte die Wärme an seinen Handflächen und Fußsohlen. Als er wieder die übliche Kälte des Ackers unter sich wusste, begann er zu rennen und so kräftig mit den Flügeln zu schlagen, wie er nur konnte. Mit einem kläglichen Schrei hob er ab, wendete und kehrte nach Osten zurück.

"So früh schon wieder hier, junger Freund. Es ist erst kurz nach Mittag. Ich meinte ihr würdet euren Tag genießen, vielleicht sogar erst morgen wiederkommen."
Rophus schwieg einen Moment, um sich zu sammeln, dann sprach er kurz und schnell: "Verwandelt mich wieder zurück, alter Mann. Schnell!" Dann schwieg er wieder und starrte gerade in Richtung Horizont. "Habt ihr einen schlechten Tag erlebt?" Rophus schluckte, drehte jetzt seinen Kopf zu Dia Mon. "SCHNELL hab ich gesagt!" brüllte er dem Zauberer fast hysterisch ins Gesicht, ein leises verzweifeltes "Bitte..." folgte.
"Schon gut. Harrt einen Moment aus, ich hole das Gegenmittel." Dia Mon verschwand kurz im Haus. Durch das Fenster sah ihn Rophus in einem Buch blättern. Mit einer Flasche, gefüllt mit einer gelben Flüssigkeit kam er wieder heraus. "Hier, trinkt und bereitet euch auf die Rückverwandlung vor." Rophus trank nicht, er warf sich die Flasche ins Maul, zerbiss sie und schluckte alles runter. Körperliche Schmerzen waren ihm egal, er wollte nur diesen Körper loswerden. Wieder begann Dia Mon einen Spruch aufzusagen. Diesmal fügte sich Rophus seinem Körper, legte sich auf den Boden und schlief ein.

Vier Gliedmaßen, vier, keine Flügel mehr. Das war das erste, was Rophus auffiel, als er wieder erwachte. Beim Aufstehen bemerkte er, dass er erstens nackt und zweitens ohne Schwanz war. Er hatte seinen gewohnten Körper wieder. Er fühlte sich leicht und warm an. Heiß, ja sehr heiß. Die Sonne musste seit Stunden auf ihn geschienen haben und er kochte innerlich fast. Er suchte Zuflucht hinter einer dicken Eiche, um sich im Schatten etwas abzukühlen. Aus Gewohnheit wollte er sich den Schweiß von der Stirn wischen, aber da war kein Schweiß. Er sah auf seine Hand und erkannte die gleichen rotbraunen Schuppen auf seinem Handrücken, die er auch als Drache noch eben trug. Auch waren immer noch Krallen, was früher einmal Fingernägel waren. Er hatte seine menschliche Form wieder, steckte aber immer noch in der Haut eines Drachen.
Er blickte entgeistert zu der Stelle, wo Dia Mon vorhin noch stand. Jetzt lag er da.
Rophus eilte zu ihm, drehte ihn auf den Rücken und sprang erschrocken von ihm zurück. War der Zauberer eben noch ein alter Mann, jetzt sah er aus, als währe er schon seit Wochen tot. Abgemagert, völlig farbloses Haar, weder Atem noch Puls.
Hatte ihn das Ritual so sehr ausgelaugt oder wurde er durch eine andere Macht getötet. Jedenfalls musste es passiert sein, als er dabei war, Rophus in einen Menschen zu verwandeln. Das Drachenblut. Es war der Schlüssel. Bestandteil für die Verwandlung und die Rückverwandlung. Vielleicht war noch etwas im Haus versteckt. Nichts. Nur das Buch, in dem Dia Mon vorhin noch geblättert hatte. Rophus verstand kein Latein aber mit den Bildern konnte er etwas anfangen.
Ein Drache, daneben ein Pfeil, der auf einen Menschen wies, darunter eine Art Rezept und daneben ein Vers. Er riss die Seite aus dem Buch. Vielleicht wusste jemand anderes ja etwas damit anzufangen. Ein paar Seiten weiter fand er das gleiche Bild noch mal: Drache-Pfeil-Mensch. Nur waren diesmal keine Worte darunter, sondern noch ein Bild, das einen weiteren Drachen zeigte. Sein Herz war umrandet hervorgehoben und von einem Speer durchbohrt. Würde man also den Drachen töten, durch dessen Blut das Ritual vollzogen wurde, würde die Verwandlung rückgängig gemacht?!? War es wirklich so? Er hatte geschworen, nie einen Drachen zu töten, aber nur der Tod des Drachen konnte ihn erlösen... der Tod des Drachen... der Tod... Tod...

VI Chaos

Rophus schreckte hoch. Das Wort "Tod" schallte noch immer in seinem Kopf. Er sah nach oben. Nur noch die schwindende Abendröte. Er hatte den ganzen Nachmittag verschlafen, ohne dass ihn jemand entdeckt hatte. Er rappelte sich hoch, ging durch die Gasse zum ehemals so prächtigen Marktplatz. Die Stände waren schon abgebaut und kein Mensch lief mehr über die Straßen. Hier war nichts mehr zu holen. Er hielt auf das Schloss zu.

Nur der Wind war durch die Gassen zu hören. Der Wind, seine Schritte und ein gleichmäßiges, leises Flügelschlagen. Rophus stockte, wand sich nach links und blickte in den Nachthimmel. Er erkante die Gestalt des "Großen". Er warf das abgetrennte Horn ein paar Meter in Richtung des Drachen. Wem wollte er einen toten Drachen verkaufen, der gerade auf die Stadt zuhielt? Es war Zeit, zu verschwinden. Rophus suchte wieder die Gasse auf, aus der er gekommen war. Ein Wachmann kam ihm entgegen und rannte ihn fast um. "Aus dem Weg, Bürger, wir werden angegriffen!" Dann war er wieder verschwunden. Rophus bog in seine Gasse ein. Hinter sich vernahm er die ersten Schreie und das Scheppern vieler Rüstungen. Noch einmal blickte er hinter sich und sah den "Großen" am Himmel den ersten Pfeilen ausweichen. Er ergriff einen Wachmann, hob ihn in die Luft und ließ ihn irgendwo zwischen den Häusern fallen. Rophus ging zu seinem Mauerdurchbruch. Wieder erklomm er die Wand und sah erst mal vorsichtig hindurch. Der "Große" hätte jetzt ohne Bedenken der "Kleine" heißen können. Von Norden hielt ein weit größerer, roter Drache auf Trunnar zu. Fast lautlos glitt er dicht über den Boden. Zwischen seinen Zähnen erschien ein rotes Leuchten und er öffnete sein Maul. Rophus sah einen Feuerball genau auf sich zufliegen, zwängte sich fast panisch durch die Öffnung und ließ sich fallen. Einen Augenblick später ging das fliegende Inferno durch sein Loch und schlug auf die Hauswand ein. Rophus sprintete am Graben entlang, drehte sich um und sah, wie das Haus krachend einstürzte und Teile der Mauer einriss. Er setzte seine Flucht fort. Aus einigen hundert Metern hörte er immer noch die Schreie der Menschen und die Explosionen. Das Abendrot verging und die brennende Stadt, über der die zwei Drachen kreisten, tauchte den Nachthimmel in ein leuchtendes Rot.

3 Die Helden von Trunnar


2.5.

Lasst mich meine Person zuerst vorstellen. Ich bin Sir Balduin von Heiden. Ich bin eigentlich Leibwächter seiner Lordschaft, dem Herzog von Brunwald. Für ihn führe ich auch dieses Berichtsheft, um meine Reise zu dokumentieren. Ich wurde gestern nach Trunnar geordert, einer großen Handelsstadt, vier Tagesmärsche nördlich von hier. Es heißt, die Stadt wäre von Drachen angegriffen worden. Merkwürdig. Ich habe selbst nie einen Drachen gesehen, geschweige denn gehört, dass sie eine so große Stadt angegriffen hätten. Laut Gerüchten sollen die Mauern schwer beschädigt sein und kein Stein würde auf dem anderen stehen.
Ich werde mir bald selbst ein Bild davon machen. Gleich morgen früh werde ich mit einer Gruppe, bestehend aus 5 Leibwachen, 10 Rittern, 20 Söldnern, sowie meiner Wenigkeit aufbrechen. Da diejenigen unter uns, die kein eigenes Pferd besitzen, eines vom Hof zur Verfügung gestellt bekommen, werden wir mit etwas Glück Trunnar in 1,5 Tagen erreicht haben. Ich bin etwas unruhig aber auch gespannt, was mich erwartet.

3.5.

Wie angekündigt, sind wir heute früh bei Sonnenaufgang aufgebrochen. Mit den Glückwünschen unseres Herzogs und dem Segen eines Bischofs ritten wir in Richtung Norden.

Keine besonderen Vorkommnisse.

Mittlerweile haben wir ein einfaches Lager aufgeschlagen, in dem wir nächtigen werden.
Gleich morgen früh geht die Reise weiter.

4.5.

Kurz vor Mittag kam Trunnar, oder besser gesagt, was davon übrig war, in Sichtweite.
Man war es gewohnt, über die Stadtmauern das Schloss emporragen zu sehen. Nun konnte man durch die vielen Durchbrüche der Mauer hindurch gucken. Von dem Schloss standen nur noch zwei dickere Türme. Wie sich später herausstellte, lag der Rest des Schlosses auf dem Hof davor verteilt. Die Kraft, die diese Zerstörung herbei brachte musste gigantisch gewesen sein. So sah es also aus, nachdem zwei Drachen Amok liefen.

Wir waren überrascht, den Graben, der die Stadt umgab, noch über die Zugbrücke überqueren zu können. Am Eingangstor empfing uns seine Majestät, König Hogan, umringt von einigen leicht angeschlagenen Soldaten. Wir wiesen uns aus und bekamen Zimmer in den noch stehenden Tavernen und Häusern zugewiesen. Morgen würden wir unsere Aufträge erhalten.

Nachtrag:

Es muss kurz vor Mitternacht sein. Der Lärm auf dem Hof riss mich soeben aus dem Schlaf. Eine kleine Truppe weiterer Krieger ist eingetroffen, 10 Mann, schätze ich.

5.5.

Sir Hector, einer der Generäle von Trunnar, ließ alle Gäste auf dem Vorhof des Schlosses versammeln. In eine beeindruckende Rüstung gehüllt (eine geschwärzte Vollplattenrüstung, mit Gold verziert und Dornen auf Schulter- und Gelenkplatten. Dazu ein massiver Zweihänder), kündigte er uns König Hogan an.

Wir bekamen unsere Mission zugeteilt.
20 Söldner sollten mit 8 unserer Ritter sowie den restlichen Soldaten Trunnars hier bleiben und die Stadt vor eventuellen weiteren Angriffen schützen.

Wir 6 Leibwachen, zwei unserer Ritter, sowie 10 Söldner bekamen den Angriffsbefehl auf den Drachen. Zur Seite wurde uns Sir Hector und zwei seiner Schüler gestellt.
Wir sollten nach Osten ziehen, die beiden Drachen, möglichst nacheinander, finden und töten.

Wir Leibwächter erhielten in einem geheimen Treff mit dem König einen zweiten Auftrag.
Kurz vor dem Angriff der Drachen wurde ein Mann vor, später in der Stadt, gesehen, der vielleicht etwas mit dem Angriff zu tun hatte. Er trägt eine graue Gesichtsmaske und eine Lederrüstung, die ihn komplett umgibt. Kein Zentimeter Haut sei zu sehen. Bewaffnung: ein Kurzschwert an der linken Hüftseite und drei von fünf Wurfdolchen an der rechten. Vielleicht trug er weitere Waffen versteckt. Es galt ihn zu finden und, sollte es uns gelingen, ihn lebendig nach Trunnar zu bringen.

Zum Mittag gab es ein kleines Bankett in der besten Taverne, die noch stand. Danach war es wieder Zeit, aufzubrechen. Sir Hector voran gingen wir über die westlichen Felder. 4 Pferde bekamen wir mit auf den Weg, eines ritt Sir Hector, die anderen trugen unser Gepäck.

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und während ich diese Zeilen schreibe, sitzt der Rest unserer Armee um ein Lagerfeuer und lauscht den Geschichten, die Sir Hector zu erzählen weiß. Ich weiß guten Schlaf zu schätzen.

6.5

Gestern noch zogen wir bequem über die Wiesen, heute wurde der Boden zusehends unebener. Erste Baumgruppen stellten sich uns in den Weg und der Wind wehte hier kräftiger.
Dennoch blieb die Stimmung gut. Die Geschichten Sir Hectors von ruhmreichen Siegen und die Tatsache, dass wir die Ruinen Trunnars schon lang nicht mehr sahen, ließ uns fast vergessen, wie mächtig das war, wonach wir suchten.

Wir trafen auf einen kleinen Wald. Während wir ihn umgingen, bekamen drei Söldner den Auftrag, ihn zu durchkämmen. Vielleicht würde sich ja einer der Drachen darin verbergen. Alles was sich im Wald verbarg, war ein kleiner Sumpf, in dem ein Söldner versunken war, wie die anderen beiden berichteten.

Am Rand eines weiteren Waldes haben wir heute unser Lager errichtet. Ich kann euer Lordschaft nur empfehlen: Wenn er mal auf offenen Felde übernachten will, so soll er sich um Gottes Willen eine ebene Fläche aussuchen. Es liegt sich äußerst unbequem auf wildem Boden. Etwas ab vom Wald wäre es sicher angenehmer gewesen aber wer mochte in solch einer Gegend unter freiem Himmel schlafen?

8.5.

Euer Lordschaft mögen verzeihen aber gestern war ich nicht in der Verfassung, zu berichten. Das hole ich jetzt nach.

Zum 7.5.

Gestern morgen fanden wir einen Ritter, der Nachtwache hielt, tot auf. Zuerst lachten die Männer ihn aus, weil sie meinten, er währe auf die Knie gesunken und nach vorne gebeugt eingeschlafen. Ein Söldner ging hin, ihn zu wecken. Er schüttelte seine Schulter und riss dabei den Oberkörper zurück. Der Kopf fehlte. Einer der Schüler Hectors lief ein paar Meter in den Wald, um sich zu übergeben. Den Mund voll Erbrochenem vermochte er kaum zu schreien, als er den abgerissenen Kopf mit samt Helm vor sich fand.

Niemand hatte in der Nacht etwas gesehen, noch gehört. Was immer dem Armen seinen Kopf gekostet hatte, es war schnell und lautlos. Trafen solche Beschreibungen auf einen Drachen zu? Wenn ja, so waren wir wenigstens auf der rechten Spur.

Wortlos räumten wir langsam das Lager ab. Es dauert fast bis Mittag, eh wir weiter zogen, diesmal durch den Wald. Einer der Söldner war uns etwa eine halbe Stunde voraus, als Späher.
Fast panisch, aber darauf bedacht, keinen Krach zu machen kam er uns entgegen und wies uns an, ihm ruhig zu folgen. Er führte uns zu einer Lichtung, auf der ein schlafender Drache lag.
Er hatte uns den Rücken zugekehrt. Offenbar erkannte Sir Hector in ihm einen der Angreifer Trunnars.
Sein Gesicht wurde wie aus Stein, kurz bevor er sein Visier schloss. Er ging langsam auf die Lichtung zu und wies uns durch Handgesten an, hier zu bleiben. Sir Hector wollte die Gelegenheit nutzen, ihn von hinten zu erschlagen. Er schlich sich mit gezogenem Zweihänder an. Sein Irrtum war fatal. Als er am Schwanz vorbei ging, schlug dieser aus, entriss ihm damit sein Schwert und warf ihn zu Boden. Gerade wollten die ersten ihm zur Hilfe eilen, doch der Anblick des Folgenden ließ alle in ihrer Bewegung erstarren. Der Drache fuhr herum und presste Sir Hector mit einer Hand auf den Boden, mit der anderen Hand riss er ihm in Sekunden die Rüstung von Leib. Wir dachten, er würde ihm den Kopf abbeißen. Aber er hob ihn nur am Kopf hoch, so dass die Rückseite seiner Rüstung am Boden liegen blieb. Der Drache öffnete seine Kiefer ein wenig, schnellte dann mit dem Kopf nach unten und schloss seine Kiefer wieder. Jetzt hingen nur noch ein Paar Beine aus seinem Maul heraus. Der Drache hob seinen Kopf, öffnete sein Maul ein wenig und ließ den armen Teufel in seinen Schlund sacken. Einige Momente später schlug seine Kehle unregelmäßig mal kleine, mal große Beulen. Sir Hector lebte noch und ging einem noch grausameren Tod entgegen, als wir bis dahin vermutet hatten.

Ich schwöre, ich konnte ein Lächeln in den Mundwinkeln des Drachen erkennen, als er uns ansah.
Er breitete seine Flügel aus, hob auf der Stelle ab und flog davon, noch ehe einer von uns nur ein Wort sagen konnte.
Ein Rascheln hinter mir veranlasste mich, mich umzudrehen, so dass ich sah, wie 6 der Söldner flohen. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie aus unseren Reihen stammten, euer Lordschaft, das konnte ich in diesem Moment des Schocks nicht erfassen.

Wenn unser Anführer so weit gegen den kleineren Drachen unterlegen war, wie sollten wir dann bloß den großen bezwingen? Unter Anleitung zweier Schüler, von denen einer nicht mal den Anblick eines abgetrennten Kopfes ertrug?

Nun, es ist noch früh am Morgen und wir sind gerade dabei, unser Lager abzubrechen. Heute Nacht ist nichts passiert. Aber der Tag hat ja gerade erst begonnen. Es ist wichtig, wachsam zu bleiben, jetzt, da wir unserem Ziel näher kommen. Es fragt sich nur, ob wir noch die Jäger sind.

Weiter zum 8.5.

Immer noch ist die Gesamtstimmung getrübt. Der Verlust von Sir Hector nimmt uns, besonders aber seine Schüler, mit. Da keiner der beiden fähig ist, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, habe ich das Kommando übernommen. Mittlerweile haben wir den Wald durchquert und haben nun freie Aussicht auf die östlichen Gebirgsketten.

Von unserem Geheimauftrag ist noch keine Spur in Sicht. Ich denke nicht, dass wir diesen Krieger je zu Gesicht bekommen werden

9.5.

Die beiden Schüler Sir Hectors haben heute vollkommen die Fassung verloren, als wir wieder vor einem dichten Wald standen. Mit der Bitte um Verstärkung habe ich die beiden zurück nach Trunnar geschickt. Allein ihre Abwesenheit war Grund genug dazu, um die Moral unserer Truppe aufrecht zu erhalten.

Einer der Söldner, die wir als Späher vorausgeschickt hatten, berichtete von einer merkwürdigen Gestalt, die sofort floh, als er sich näherte.
Unser Hauptaugenmerk galt weiterhin den Drachen, aber vielleicht gelang es uns ja auch noch, den Wanderer von Trunnar zu ergreifen. Wenn er diese Gestalt im Wald war, würde das bedeuten, dass er uns ständig vorausläuft.
Ich überlege, ob er uns zu den Drachen führen könnte.

10.5.

Wir hatten ihn fast, euer Lordschaft!
Einer der drei Späher kehrte zurück und berichtete von einem Drachen, der die anderen beiden Söldner getötet hatte. Er hätte sich eine Mulde gegraben, sich hineingelegt und sich mit Zweigen, Laub und Ästen bedeckt. Als einer der drei vor seiner Schnauze stand, biss er zu, hob ihn hoch und schleuderte ihn gegen einen nahen Baum. Die anderen beiden rannten in verschiedene Richtungen davon.
Der Überlebende meinte, schon nach Sekunden habe er den Schrei des anderen gehört. Wir folgten der Richtung, die uns der Söldner zeigte und fanden die entzweigerissene Leiche des anderen Söldners.

Etwa hundert Meter vor uns sahen wir eine Lichtung, in deren Mitte den Drachen. Er schien direkt auf uns zu warten. Wir nahmen die Herausforderung an und rückten mit gezogenen Schwertern, der Söldner mit seiner Axt vor. Wir sammelten uns am Rande der Lichtung und formierten uns. Er blickte die Reste unseres Trupps an, mit Zufriedenheit, über das, was er erreicht hatte.

Mit dem Wort "Attacke" lief der Ritter los, wir folgten ihm. Zuerst schien es, als würde das Ungetüm einen Schritt zurückweichen, doch er hob seine Hand nur, um sie auf den Ritter zu stellen. Er zerdrückte ihn in seiner eigenen Rüstung. Aber dafür nutzte der Söldner seine Chance, dem Drachen seine Axt in die rechte Flanke zu schlagen. Bevor er zu einem weiteren Schlag ausholen konnte, wurde er von einem Handschlag des Drachen fortgeschleudert. Doch er gab noch nicht auf. Dieser Söldner wäre sein Geld wahrlich wert gewesen. Während wir Leibwächter den Drachen von allen Seiten attackierten, kehrte er sichtlich angeschlagen zu seiner Trefferstelle zurück. Der Drache schien ihn gar nicht zu bemerken, als er seine Axt wieder aufhob. Während die Schläge unserer Schwerter fast wirkungslos von den dicken Schuppen abprallten und ein weiterer Mann zertreten wurde, gelang es diesem Haudegen doch tatsächlich unbemerkt, seine Axt noch einmal an der gleichen Stelle zu platzieren, wie zuvor.
Der Schrei des Drachen klang wie Musik in unseren Ohren. Um diesen Schrei zu genießen, entspannte sich ein Angreifer der Rückseite einen Moment und wurde im nächsten vom wild umherpeitschenden Schwanz erschlagen.
Der Söldner ließ die Axt stecken, wich von dem tobenden Riesen zurück und sank erschöpft in die Knie. Als der Drache sich wieder gefangen hatte, wendete sich dem knienden Söldner zu und verpasste einem weiteren Mann, der sich zu spät unter seinem Schwanz duckte, einen schweren Schlag gegen den Kopf. Als der Drache mit aufgerissenem Maul auf den Söldner zustürmte, wussten wir, dass es mit ihm zu Ende ging... und dennoch war er für eine Überraschung gut. Kurz bevor sich das Maul um seinen Oberkörper schloss, sahen wir, wie er noch einen Dolch aus dem Stiefel zog und nach oben hielt. Im nächsten Moment spie der Drache den abgebissenen Torso aus, begann zu würgen und spie dann den blutigen Dolch aus.

Bei der Gelegenheit suchten wir mit Schwerthieben weiter nach Schwachstellen im Schuppenkleid. Einer von uns versuchte, sein Schwert dort reinzubohren, wo vor einem Augenblick noch die Axt steckte. Von meiner Seite aus, sah ich nur, wie sich der Kopf des Drachen in diese Richtung wegdrehte. Als er sich wieder hob, hatte er den Wächter quer zwischen den Kiefern und biss ihn in zwei Teile.

Wir entschlossen uns zur Flucht. Ich erreichte knapp den Rand der Lichtung, warf mich hinter einen Busch und drehte mich um, um nach meinem letzten Begleiter zu sehen. Der lag bäuchlings auf dem Boden, die Hand des Drachen auf seinem Rücken. Der Drache senkte seinen Kopf direkt neben den meines Kameraden.
"Und IHR wolltet allen Ernstes gegen Riva antreten?" sprach er. Dann biss er ihm den Kopf ab, sah sich noch einmal um und flog davon, Richtung Westen.
In seinem Zustand würde er es wohl kaum wagen, Trunnar noch einmal anzugreifen. Falls doch, hoffe ich, das sich die Bewohner diesmal besser zu schützen wissen.

11.5.

Ich habe heute, vom Kampf erschöpft, bis Mittag geschlafen.
Ich werde heute noch ein Stück nach Osten gehen und dann umkehren.
Mir klingt dieser Satz jetzt noch im Ohr. Riva...
Hieß so der große, rote Drache, der über Trunnar gesichtet wurde?
Alleine nach ihm zu suchen, macht in meinen Augen keinen Sinn. Vielleicht finde ich noch eines unserer Pferde wieder, vielleicht sogar den Wanderer. Er ist meine einzige Chance, Antworten zu bekommen.

....
einige leere Seiten folgten
....

II Kreuzung zweier Wege

Er sollte die einzige Chance dieses Leibwächters sein, dessen Fragen zu beantworten. Rophus blickte vom Berichtsheft auf, in dem er las und sah zu dem toten Mann hinab, der neben ihm lag. "Tut mir leid für dich. Aber ich suche selbst nach Antworten und dabei wärst du mir im Weg." Er sah zu Gebirgskette hinüber, die noch etwa zwei Tage von ihm entfernt lag. "Riva also... ich werde dich schon finden".
Er schlug das Heft zu und legte es neben den Leichnam. Er zog seinen Wurfdolch aus dessen Hals und steckte ihn wieder an seinen Hüftgurt.
Nach einem kurzen Augenblick der Besinnung machte er sich auf den Weg nach Osten.

4 Riva


I Sonnenuntergang

Noch etwa einen halben Tagesmarsch und er würde die Gebirgsketten erreicht haben. Der "Große" war nach Westen zurückgekehrt. Um Rophus unter den Ruinen von Trunnar zu begraben, hatte er die Hilfe eines zweiten, stärkeren Drachen, einen, der Feuer speien konnte gebraucht. Den Trupp, der ihm anschließend folgte, hatte er allein geschafft. Einundzwanzig Mann und neun Überlebende, die nur am Leben waren, weil sie im rechten Moment den Rückzug antraten. Nachdenklich nährte sich Rophus Schritt für Schritt dem Gebirge. Er allein hatte diesen Drachen einst in seine Grenzen gewiesen und dennoch war er in der Lage, elf Menschen zu töten. War der Drache so stark oder diese Menschen so schwach? Selbst wenn er sich zugestehen musste, dass seine Kräfte und Fähigkeiten die eines normalen Menschen überstiegen, so war dieser Trupp doch eindeutig in der Überzahl. Eigentlich hätten sie gewinnen müssen, aber sie bemerkten ja nicht mal ihren ständigen Begleiter.

Rophus stockte. Diese Frage war doch eigentlich egal. Sie hatten haushoch versagt und hätten ihn auch dem roten Drachen keinen Schritt näher gebracht. Wären sich ihre Wege näher gekommen, hätten sie ihn vielleicht sogar aufgehalten. Selbst als dieser Balduin alleine war, fiel ihm nichts besseres ein, als ihn festnehmen zu wollen. Er verdächtigte ihn der Hexerei und Dämonenbeschwörung.
Er hätte umkehren sollen, so wie er es laut seinem Tagebuch auch vorhatte. Das Tagebuch... der rote Drache... Riva...

Riva! Dieser Name riss ihn aus seinen Gedanken und er sah auf die Berge. Irgendwo da oben war er... hoffentlich. Er setzte seinen Weg fort. Das Gelände wurde unwegsam und selbst zu Fuß schwer zu passieren. Es erinnerte ihn an den damaligen Aufstieg bei Dia Mons Haus.
Bald würde er wieder steile Felswände erklimmen müssen. Aber es lohnte noch nicht, darüber nachzudenken, erst einmal musste er die Berge erreichen. Heute Nacht konnte er endlich mal wieder ruhig schlafen. Jede Nacht musste er auf irgendwelche Bäume klettern, hoffen, dass er dort nicht entdeckt wurde und morgens den Vorsprung wieder aufholen, den diese Frühaufsteher erreicht hatten. Aber diese waren nicht mehr. Der "Große" war nach Westen geflogen und es hatte den Anschein, als wäre Riva schon vor einigen Tagen nicht mehr in der Nähe. Er war sich wohl der Überlegenheit des "Großen" sicher gewesen und zu seinem Horst, seiner Höhle, oder was auch immer, zurückgekehrt.

Die letzten Strahlen der Sonne verschwanden hinter den Wäldern und Rophus überkam eine angenehme Müdigkeit. Schlafen, schlafen... vielleicht auch ein bisschen träumen. Die letzten Nächte hatte er keine Träume. Die ständige Ungewissheit um sein Versteckspiel ließ ihn nicht mal während des Schlafes los.
Er begann zu wanken, aber diesmal kämpfte er nicht dagegen an, sondern genoss diesen Zustand. Er hielt seine Augen nur so weit auf, wie es nötig war, um nach einem geeigneten Ruheplatz zu suchen und den Boden unter seinen Füßen zu beobachten. Es eilte nicht. Entweder, Riva war irgendwo in den Bergen oder sein Vorsprung war mittlerweile unaufholbar. Nein, heute war es Zeit, auszuruhen. In den letzten hundertzwanzig Jahren war er so vielen Drachen tagelang pausenlos gefolgt, nur um festzustellen, dass sie die falschen waren. Da konnte dieser ja wohl eine Nacht lang warten.
Nach Bäumen oder Büschen als Unterschlupf zu suchen war hier sinnlos, die letzten hatte er ein paar Meter hinter dem Wald gesehen, den er seit heute Mittag verlassen hatte. Vor Rophus lag nur noch steiniges Ödland, mit Findlingen bedeckt, die immer größer wurden, je näher er den Bergen kam.
Die Findlinge, natürlich. Er stemmte sich gegen einen Großen, der vor ihm lag. Ja, dieser Stein stand fest, wo er war. Rophus ließ sich neben dem Stein zu Boden sinken und schloss entspannt die Augen.

II Die Vision

Er flog. Er flog wieder in weiter Höhe, wie damals, als er noch ein echter Drache war. Aber die Gegend war anders. Keine weiten Felder, keine Wälder, statt dessen steile Berge und tiefe Schluchten. Er sah sich um und erkannte vor sich die Gebirgskette, die zu erreichen er auf dem Weg war. Rophus hörte den Wind rauschen... aber nicht seinen Flügelschlag. Er fühlte sich körperlos und hatte keine Kontrolle über seine Bewegungen. Er senkte seine Höhe, den Blick immer geradeaus gerichtet. Dicht über den ersten Felswänden flog er. Er wich Felsvorsprüngen aus, ohne sein Tempo zu verlangsamen und erreichte die Ostseite er ersten Bergkette. Dieses Gebirge war riesig und es begann jetzt erst richtig. Unter ihm war ein gigantischer Abgrund, vor ihm lag ein Gipfel dessen Höhe und Entfernung von hier aus gar nicht abschätzbar waren. Seine Bewegung wendete sich nach Süden, auf eine lange Schlucht zu. Wieder senkte er seine Flughöhe, so dass er dicht über dem Boden der Schlucht glitt. Mit schwindelerregendem Tempo wich er jedem Hindernis aus, vorbei an kleineren Felsnadeln, knapp unter Felsvorsprüngen hindurch. Sofort wieder ein paar Meter höher, um einem am Boden liegenden Felsbrocken auszuweichen. Links, hoch, runter, rechts, runter. Die Ausweichmanöver waren halsbrecherisch und gelangen immer erst in letzter Sekunde. Nachdem er eine Art Bogen aus Stein passiert hatte, sah er eine Felswand vor sich. Hier endete die Schlucht. Er näherte sich der Wand, zog im letzten Moment hoch und stieg senkrecht an ihr auf. Einige hundert Meter, dann entfernte er sich schnell von der Wand und ließ sich fallen. Er sah die Welt Kopf stehen, während er nach unten fiel. Er sah den Boden immer näher kommen, wurde langsam unruhig. Einige Meter vor dem Aufschlag, machte er eine Wendung und sah die Welt jetzt wieder richtig herum, aber immer noch fallend. Erst dicht über dem Boden wurde sein Fall abgebremst und sofort nach vorne beschleunigt. Es ging zurück durch Passage, durch die er eben gekommen war, nur diesmal noch schneller. Er konnte kaum die Konturen der Felsen um ihn herum erkennen und in wenigen Augenblicken schwebte er wieder über dem riesigen Abgrund. Noch einmal richtete sich sein Blick auf den Berg, der fast in den Himmel zu reichen schien. Dann sah er nach unten und fiel prompt in die Untiefe, dessen Ende nicht in Sicht war. Etwa zweihundert Meter, dann wurde sein Sturz wieder abrupt abgebremst und sein Blick richtete sich nach Osten. Obwohl das Loch in der Felswand vor ihm riesig war, fiel es kaum auf, da hier unten kaum noch Sonnenlicht ankam. Er bewegte sich, immer schneller auf dieses Loch zu. Kurz bevor er den Höhleneingang durchquerte, schlug ihm eine Feuersbrunst entgegen. Er schoss durch sie hindurch, spürte die Hitze, aber keinen Schmerz. Dahinter war nur noch Dunkelheit. Der Luftzug, den er hörte, sagte ihm, dass er sich noch fortbewegte. Er spürte auch die Beschleunigung. Nach wenigen Minuten sah er das Licht am Ende des Tunnels. Es wurde größer und heller. Er fühlte sich geblendet, als er die Höhle verließ und bemerkte die sanfte Verlangsamung seines Fluges. Als er zum Stillstand gekommen war, sah er wieder deutlich und er bemerkte, dass er sich am Fuß des Berges befand, den er von Weitem gesehen hatte. Noch einmal richtet sich sein Blick hinauf bis kurz unter den Gipfel, dann wendete er sich und sah direkt in die Sonne. In einem Augenblick sah er nur noch weißes Licht, dann wurde es langsam dunkel, bis ihn nur noch Schwärze umgab.

Rophus öffnete die Augen und sah hinauf in den klaren Himmel. Er wendete sich nach Osten und sah die Sonne über den Bergen aufgehen. Wenn es wahr war, was er gesehen hatte, so hatte es ihm den Weg zum Gipfel gewiesen. Aber was gab es dort zu tun. War es wirklich nur ein Traum? Wurde er von jemanden gerufen? Vielleicht würde er dort den Drachen finden, den er so lange gesucht hatte, vielleicht sogar... Erlösung? Das galt es herauszufinden.

III Der Aufstieg

Zum frühen Abend hin erreichte Rophus die erste Klippe, die es zu bezwingen galt. Zwar waren es dreißig Meter senkrecht, aber verglichen mit den Felsmassiven, die diese Wand säumten, war sie selbst nur eine kleine Stufe. Wie vor der Mauer Trunnars streifte er seine Handschuhe ab und rammte seine Krallen in den Stein um sich Stück für Stück empor zu ziehen. Es erinnerte ihn an seinen ersten Versuch, seinen Drachen wiederzufinden. Als Mensch hatte er damals zwei Tage gebraucht, beim zweiten Versuch, zur Höhle am Südhang zu gelangen, in der Gestalt des Halbdrachen, erreichte er die Höhle in wenigen Stunden. Genauso wie jetzt "ging" er senkrechte Wände entlang. Er wollte sich in die Höhle schleichen, den Drachen töten und die Höhle als Mensch wieder verlassen... irgendwie.
Aber die Höhle war leer und das für die nächsten drei Wochen. Er war weg. Er war einfach... weg.
Während er in diesen Gedanken weilte, erreichte er die Kante der Felswand und zog sich rauf. Ein schmaler, gerader Gang, mit einigen Felsen belegt, lag vor ihm. Im Flug waren sie leicht überwunden, aber sie zu Fuß zum umgehen oder zu überklettern dauerte fast eine Stunde. Dann stand er vor dem Abgrund, den er in seinem Traum gesehen hatte. Der Höhleneingang war also auf der Ostseite, er selbst auf der Westseite. Er beschloss, den Abgrund südlich zu umgehen, um in der dortigen Schlucht eine Pause machen zu können. Unterwegs stieß er ein paar Steine in den Abgrund, ein Geräusch des Aufschlags war nicht zu hören.
Er ruhte sich einem Moment lang in der Südschlucht aus und sah in den Abgrund er konnte kaum hundert Meter tief sehen. Der Sonnenuntergang hinterließ einen Schatten, der den Abgrund nahezu vollkommen ausfüllte. Nur Schwärze war da unten. Plötzlich durchbrach irgendwo in der Finsternis ein Feuerstoß die Dunkelheit. Einerseits war Rophus erfreut, dass sein merkwürdiger Traum offenbar wahr war, andererseits beunruhig, dass auch dieser Teil dazugehörte. Eine weite Flamme, die sich ihm diesmal aber näherte. Rophus wich ein paar Schritte vom Rand des Abgrundes zurück. Vor ihm stieg ein glühender, rauchender Feuerball auf. Nachdem er ein Stück der Kante weggerissen hatte flog er im hohen Bogen über Rophus´ Kopf hinweg und schlug Kilometer weiter in einer der zahlreichen Bergspitzen ein. Ein faszinierender Anblick, wie schnell ein solches Monument der Natur um etwa dreißig Meter gekürzt wurde.

IV Der Zweikampf

Rophus wusste, was kommen würde. Er würde sich allein einem Riesen stellen müssen. Einem großen, roten, feuerspeienden Drachen. Und diesmal war die Wahl der Flucht- oder Versteckmöglichkeiten eng. Er war nicht mehr fern. Das Echo der Flügelschläge hallte von allen Richtungen. Aber die Lautstärke stieg an. Ja, er kam näher.
Rophus wich ein paar Schritte zurück, um dem Drachen Landeplatz zu gewähren und nicht selbst zertreten zu werden. Seine Schwingen hüllten die Südschlucht endgültig in Schatten, als sich der Drache über dem Abgrund erhob. Er ließ die Erde erbeben als er mit Wucht vor Rophus aufsetzte. "Die meisten Ritter, die es bis hier her geschafft haben, sind genau in diesem Moment geflüchtet." " Das ist eine Sackgasse.", sagte Rophus. "Eure Stimme ist merkwürdig hoch und weich, für einen Drachen" "...für eine Drachin nicht! Was treibt euch hierher? Dummheit? Goldgier?" "Meine Vergangenheit..." "Eure Visionen. Woher solltet ihr sonst wissen, dass ihr vor einer Sackgasse steht? Wäret ihr schon mal hier gewesen, würde ich euch kennen und ihr wäret tot." "Nennt mich Rophus. Und ihr seid wohl Riva?! Woher wisst ihr von den Visionen?" "Die Magie an diesem Ort ist stark. Jeder mit einem bisschen Gespür dafür hat sie." "Sie haben mir den Weg zu diesem Berg dort gewiesen." Rophus wies mit dem Finger nach Osten. "Ihr meint doch nicht im Ernst, diesen Berg je erreichen zu können." "Ich werde mal vorbeischauen, wenn ich mit euch fertig bin." "Na dann viel Glück,... Rophus." Mit diesen Worten spie Riva Rophus einen kleinen Feuerball entgegen. Er sprang lässig ein Stück zurück. Rauch und Staub verflogen. "Was war das denn?" "Wie gesagt hat es selten jemand bis hierher geschafft. Ich wollte es nur nicht zu schnell beenden." Die Schatten, die Rophus´ Maske auf sein Gesicht warf, konnten Rivas Gesichtssinn nicht aufhalten. Sie sah diese zusammen gekniffenen Augen dahinter, diesen überheblichen Blick, diese... etwas merkwürdigen Pupillen...

Dieser Feuerball war größer und riss einen tiefen Krater in den Boden, auf dem Rophus eben noch stand. Durch den Rauch sah sie ihn nicht mehr, aber sie hörte seine Schritte, sein Laufen. Dieser Feigling lief also doch davon. Sie folgte ihm zu Fuß.

Riva verfolgte Rophus nicht allein. Immer wieder schickte sie Feuerbälle voraus, denen Rophus immer wieder ausweichen musste. Mal hielten sie ihn auf, wenn sie vor ihm einschlugen, schlugen sie im rechten Moment hinter ihm auf, beschleunigten sie seinen Sprung. Die Hitze umgab ihn vollkommen und der Boden bebte unter dem Laufschritt der Drachin.
Und sie wurde schneller. Sie kam näher. Er spürte schon fast ihren Atem im Nacken, als es nach einem plötzlichen, reibendem Geräusch ruhig war. Hatte sie sich in die Luft erhoben, um ihn im Flug anzugreifen? Aber wo war sie dann hin, wenn sie eben noch direkt hinter ihm war? Und was hatte das Schaben zu bedeuten? Ein plötzliches, lautes Brüllen ließ Rophus zusammen zucken. Vorsichtig drehte er sich um und konnte kaum glauben was er da sah. Riva war tatsächlich unter dem Torbogen eingeklemmt, den er auch in seiner Vision gesehen hatte. Sie starrten sich gegenseitig an, ein kurzer Moment der Ruhe verging in der Schlucht. Er konnte jetzt bequem ihr Blut testen. Alles was er tun musste, war sein Schwert zu nehmen und... Kaum hatte er seine Hand am Schwert, bemerkte er, wie Riva tief Luft holte. Er warf sich gerade noch rechtzeitig auf den Boden, als ein Feuerball über ihn hinwegflog. Er zog eine Spur schwarzen Rauches hinter sich her und schlug in die senkrechte Wand ein, die das Ende der Schlucht bildeten. Riva grinste und stemmte sich auf die Hände. Ihre Schultern durchbrachen den Bogen über ihr und sie flog auf. Rophus´ Blicke folgten ihr, aber er verstand nicht recht. Erst als er ein tiefes Grollen hinter sich hörte, erkannte er, dass der Feuerball sein Ziel nicht verfehlt hatte. Der Anblick fesselte ihn fast. Kleine Steine fielen von der gesamten Fläche der Wand, Splitter brachen heraus. Kleine Risse entstanden am Krater und setzten sich langsam nach oben durch das Gestein fort. Dann verlor der Krater langsam seine Form und wurde zusammengedrückt. Eine riesige Lawine aus Geröll begann sich zu lösen. Rophus rannte. Der Weg war durch die zahlreichen Feuerbälle freigesprengt worden aber diesmal war sein Verfolger um einiges schneller. Ein Fluss aus Steinen und Felsbrocken, begleitet von einem ständigen sandigen Rauschen mit gelegentlichem Grollen, folgte ihm auf den Fuß. Unerwartet ertönte noch ein Knall hinter ihm und ein paar kleine Steine flogen an ihm vorbei. Er musste sich nicht umdrehen um zu sehen, woher dieser Knall und die folgenden kamen. Er wusste, dass er wieder unter Beschuss stand. Über dem Grollen hinter ihm erhob sich langsam ein anderes Geräusch, ein immer lauter werdendes Pfeifen. Es kam von oben und war offenbar... vor ihm. Dieser Feuerball war in seine Laufrichtung gezielt worden und würde ihn treffen, wenn er weiterlief. Rophus stoppte und ließ den Feuerball vor sich einschlagen.

Wo war er jetzt schon wieder. Wollte dieses Großmaul denn nur noch davonlaufen? Die Einschlagstelle qualmte immer noch stark. Die Lawine stoppte erst dahinter, einige Meter vor dem Abgrund. Irgendwo hier musste er sein. Sie senkte ihre Flughöhe und suchte den Boden nach ihm ab.

V Sieg und Niederlage

Sie hatte geahnt, dass der Feuerball ihn nicht getroffen hatte. Aber dass er die Wand hinaufgeklettert war, war ihr entgangen. Als sie unter ihm flog, stieß sich Rophus von der Wand ab und landete auf ihrem Rücken. Er wäre sofort wieder runtergefallen, hätte er sich nicht am rechten Flügelansatz festgehalten. Er zog sein Schwert und holte aus.
Natürlich blieb er nicht unbemerkt. Riva lehnte sich nach rechts, sodass Rophus mit den Beinen abrutschte und nur noch mit den Händen am Flügel hin, wo er langsam nach außen rutschte. Er hing jetzt günstig... für Riva. Sie drehte sich jetzt auf die linke Seite und schlug kräftiger mit den Flügeln. Rophus verlor den letzten Halt, wurde gegen die Felswand geschleudert und fiel hart zu Boden. Er erhob sich, doch nicht weiter, als bis auf die Knie und spuckte Blut, das durch die Luftschlitze seiner Maske auslief. Nach einigem Husten sah er wieder nach oben. Seine Augen tränten, aber dennoch konnte er Riva schemenhaft erkennen. Sie flog einen großen Looping und würde gleich wieder auf ihn herabstürzen. Ein paar Meter vor ihm lag sein Kurzschwert. Noch ein Blick nach oben: Sie war gerade im Sturzflug und sandte einen Feuerball voraus. Unter Schmerzen sprang Rophus aus der Schusslinie in Richtung Schwert. Er könnte es beenden. In wenigen Sekunden könnte es vorbei sein. Er konnte Riva hören, fast spüren, wie sie auf ihn zustürzte. Er riss sich noch einmal zusammen, erhob sich und kletterte auf einen Felsbrocken, der dicht vor ihm lag.
Jeder Zentimeter zählte. Die Rauchschwaden hinter ihm begannen sich zu verwirbeln und Rivas Kopf durchdrang sie. Rophus ging in die Hocke und sprang ab. Mit ausgestrecktem Schwert stieg er zu Riva auf. Die Magie seines Schwertes wirkte immer noch. Es durchdrang Rivas Brustpanzer wie Butter und schnitt sich dann bis zu ihrem Bauch herunter. Erst als Rophus wieder zu Boden fiel verließ auch sein Schwert den Körper der Drachin. Schreiend stürzte sie zu Boden und rutsche nahezu ungebremst auf den Abgrund zu.

Rophus brach bei der Landung wieder zusammen und hustete etwas Blut hervor. Als er nach vorne sah, erkannte er die Klauen einer von Rivas Händen, die sich mit letzter Kraft an die Kante klammerten. Sie rutschten ab, Riva rutschte ab. Er ging gebückt auf die Kante zu, fiel auf die Knie und sah in den Abgrund. Seit hundertzwanzig Jahren war nicht ein Drache unter seiner Klinge gefallen und diese Mächtige fiel ausgerechnet jetzt, Rücken voran, ihrem Tod entgegen. Sie versuchte noch etwas verzweifelt, mit den Flügeln zu schlagen, hatte aber keine Kraft mehr dazu. Sie konnte nicht mal mehr schreien. Sie warf Rophus nur noch einen letzten, beschuldigenden und verzweifelten Blick entgegen und verschwand dann im Schatten. Eine halbe Minute später hörte Rophus einen leisen Aufprall. Er richtete seinen Oberkörper auf und ließ sich auf den Rücken fallen.

Rophus starrte in den Himmel, an dem die ersten Sterne erschienen. Sein Atem ging schwer und rasselnd. Er riss sich die Maske vom Gesicht. Er wartete... auf Schmerzen, auf eine Ohnmacht, irgendetwas, was seine Rückverwandlung ankündigte. Aber es geschah nichts dergleichen. Ermattet schloss Rophus die Augen.

VI Der Abstieg

Immer noch lag Rophus auf dem Rücken, als er erwachte. Er erhob sich und stöhnte auf. Er wischte sich das getrocknete Blut aus dem Gesicht. Die Mittagsonne leuchtete den Abgrund aus, als er hinunter sah. Am Boden sah er die sterblichen Überreste von Riva. Er sah auf seine Hände, immer noch mit Schuppen bedeckt und mit Klauen versehen, und ballte sie zu Fäusten. Er hatte wirklich nur geschlafen. Riva war umsonst gestorben und sein Schwur war gebrochen worden. Selbst wenn der, dem er den Schwur geleistet hatte tot war, so fühlte er sich dennoch enttäuscht von sich selbst. Rophus schaute wieder in den Abgrund. Weiter höher rechts war der Höheneingang. Er begann sich erst nach Westen zu hangeln und ließ sich über dem Eingang langsam hinab. Er spürte seine Kräfte schwinden. Er verlor den Halt und fiel. Erst nach fast hundert Metern fand er Halt an einem Felsvorsprung. Sein Fall wurde abrupt gestoppt und er wurde gegen die Wand geschleudert. Er atmete tief durch, versuchte, nicht zu schreien. Er sah nach unten, dann nach oben. Die Hälfte des Weges hatte er geschafft, wenn auch nicht auf die angenehmste Weise. Das Geräusch von brechendem Stein erklang über ihm. Sekunden später befand er sich wieder im freien Fall. Er holte mit dem rechten Arm aus und rammte seine Klauen in die Felsen über der Höhle. Wieder wurde sein Fall gestoppt und er wurde in die Höhle geschleudert, wo er hart aufschlug. Nach einigen Minuten stand er wieder auf und sah in den Tunnel. Irgendwo am Ende der Dunkelheit lag ein riesiger Berg, den es zu erreichen galt.

5 Die Halle des Schicksals


I Tageslicht

Wie lange irrte er jetzt schon hier umher. Stunden? Tage?
Rophus war von vollkommender Dunkelheit umgeben. Selbst seine Augen brauchten zumindest eine geringe Lichtquelle, um im Dunkeln sehen zu können. Hier drinnen waren sie nutzlos. Er hielt sie dennoch offen, um das Gleichgewicht halten zu können. Ging er wirklich noch in die richtige Richtung? Der Höhleneingang war schon lange außer Sicht und auch vom Ausgang war keine Spur. Er tastete sich blind durch den Gang, der vor ihm lag. Oder waren es vielleicht mehrere? Hatte er vielleicht schon eine falsche Abzweigung genommen? Den Proviant, den er Balduin abgenommen hatte, hatte er schon vor kurzem verbraucht. Er würde hier zweifellos eingehen, wenn er den Ausgang nicht bald fand.
Sein Kopf schmerzte. Schon oft war er damit gegen Felsvorsprünge gestoßen, die über seinen Händen endeten. Es half auch nicht, den Weg auf Kopfhöhe zu ertasten, weil er so über bis zu hüfthohe Hindernisse am Boden stolperte.

Das komplette Schwarz wurde zu einem dunklen Grau, wenige Schritte später konnte er schwache Konturen erkennen. Von irgendwo her musste Licht kommen. Rophus war schon fast verwirrt, wieder sehen zu können, so sehr hatte er sich an die Dunkelheit gewöhnt. Er schaute angestrengt nach vorne und konnte einen kleinen, hellen Punkt ausmachen. Der Ausgang! Rophus lief, er rannte. Obwohl er immer besser sehen konnte, übersah er in der Hektik einen Stein vor ihm, stolperte und fiel der Länge nach hin. Er fühlte alte Schmerzen wiederkehren. Sie durchfuhren seinen ganzen Oberkörper. Der Aufprall an die Wand hatte seine Spuren hinterlassen, konnte ihn aber nicht lange aufhalten. Rophus richtete sich wieder auf und rannte weiter, dem Licht entgegen. Keuchend erreichte er den Ausgang und musste sich erst mal leicht gebückt an der Wand abstützen. Matt, völlig außer Atem aber dennoch erleichtert, endlich wieder Wärme zu spüren und Licht zu sehen. Licht und nichts anderes.
Es dauerte fast eine Stunde, bis sich seine Augen wieder an das Licht gewöhnt hatten. Rophus setzte sich und wartete, bis sich vor ihm langsam die Umrisse des Berges formten. Die Sonne stand dich über dem Gipfel. Nur schwach zeichnete sich auf halber Höhe des Berges eine Art Pforte von der Felswand ab. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Er nahm den Hang in Angriff.

II Der Tempel

Als die Sonne unter ging, schien sie direkt in die Pforte. Eine Hand erstreckte sich über die Kante des Abgrundes und fand im grobsteinigen Boden halt. Rophus zog sich hoch. Er stand am Rand einer halbrunden Fläche, die den Vorhof der Pforte ausmachte.
Von hier aus erkannte er erst die wahre Größe dieses Durchgangs. Er war weder von Menschen geschaffen, noch für Menschen gedacht. Zwei riesige Säulen, scheinbar aus dem Berg selbst geschlagen stützten einen Torbogen. Zwischen ihnen lagen etwa achtzehn Meter. Ein Paar Türen hätten das Bild einer verschlossenen Festung perfekt gemacht. Aber offenbar kam niemand hierher, den man mit Türen aufhalten musste... oder konnte.

Er durchschritt die Pforte.

Waren Rophus´ Augen eben noch geblendet, dann wieder sehfähig, so mussten sie sich jetzt schon wieder an gedimmtes Licht gewöhnen. Der glatte, massive Boden, auf dem Rophus ging, war rein weiß, reflektierte jetzt aber gleichmäßig das rote Licht der untergehenden Sonne. Hatte er bisher eben noch die Pforte für groß gehalten, so verschwieg sie doch den Raum dahinter. Vier große, verzierte Säulen stützten eine Decke, die hier unten nicht mal normal sichtbar war. Er nahm ein paar graue Konturen irgendwo da oben war, als er hinauf starrte.

Jede Bewegungen wurde gesehen.

Wie hoch hätte er wohl eine Fackel werfen müssen, damit sie die Decke ausleuchtete? Er sah noch mal nach hinten, der Sonne entgegen, dann wieder nach vorne auf die Säulen. Er ging auf sie zu. Jedes mal, wenn er auftrat erzeugte er ein Echo, das durch die ganze Halle klang. Jeder Schritt war mehrere Sekunden lang zu hören.

Jeder Schritt wurde gehört.

Rophus trat zwischen die vier Säulen. Genau hier endete der rote Schimmer des Sonnenlichts und begann der halbrunde Schatten des Torbogens. Er ging auf eine der Säulen zu, die im Licht stand, und umrundete sie. Schulter an Schulter hätte es mehr als zwanzig Männer gebraucht, sie zu umstellen. Sie war mit einem Schuppenmuster verziert. Sie erinnerte an ein geflochtenes Seil, das von der Decke herab hing. Wieder auf der Ostseite sah er an der Säule entlang nach oben, konnte gegen die Sonne aber nichts erkennen. Rophus ging wieder auf die Westseite der Säule. Sie war auch nur bis zu einem halben Meter hoch beleuchtet aber hier blendete die Sonne nicht mehr. Er erkannte die Konturen der fein gearbeiteten Schuppen und wie sie etwas weiter oben von einer glatten Fläche verdeckt wurden. Nicht wirklich glatt, eher einem gefaltetem Leinentuch ähnlich. Flügel? Rophus sprang ein paar Schritte seitwärts, um auf die Säule dahinter sehen zu können.

Jede Erschütterung wurde gespürt.

Ja, er hatte richtig getippt. Er sah auf die Frontseite einer Drachenstatue. Der Steindrache stand aufrecht, trug mit gesenktem Kopf, dem Nacken und den erhobenen Armen als Stütze, den oberen Teil der Säule. Rophus wand seinen Kopf nach links. Diese Säule hatte die gleiche Gravur. Hier konnte er gut erkennen, dass der Schwanz des Drachen um die rechte Hüfte geschlagen war... er sah wieder geradeaus ...und den Bauch bedeckte. Alle Säulen hatten die gleiche Gestalt und der Kopf des Drachen wies jeweils auf das Zentrum zwischen den Säulen. Über den Steindrachen waren weitere, kleine Gravuren in den Säulen. Sie zeigten Drachen, die Feuer spieen, Drachen, die gegen Ritter siegten oder unterlagen. Drachen, die auf Bergen hockten oder Dörfer nieder brannten. Sie überflogen das Meer oder ruhten auf Wiesen. Sie rissen Wild oder saßen vor Sonnenuntergängen. Sie bewachten Jungfrauen in Türmen oder fraßen sie als Opfer. Sie lagen entspannt vor einem Höhleneingang oder bewachten verbissen einen Schatz. Zwei Drachen, die ruhig vor ihrem Nest lagen und ihr Ei betrachteten, wieder zwei andere, die sich in der Luft bekämpften. Einen Mann, der vor einem Drachen davon lief, ein anderer, der dem Drachen tief in die Augen sah. Der Schädel eines Drachen, daneben der, eines Menschen.

Es waren noch weitere Bilder eingraviert, allerdings so weit oben, dass Rophus sie nicht mehr deuten konnte.
Er beschloss, die Halle noch weiter zu erkunden und ging der Ostwand entgegen. Hier waren weitere Bilder von Drachen als Relief eingelassen.

Zwei Augen folgten ihm. Die Statue, die er eben noch umrundet hatte, begann, sich zu bewegen. Ohne einen Laut von sich zu geben, setzte der Drache vorsichtig auf und entfernt sich ein Stück von der Säule. Dabei berührte sie einer seiner Flügel. Die Säule, deren Gewicht jetzt an der Decke hing, geriet in Schwingung. Ein kleiner Splitter löste sich aus der Decke und fiel eine halbe Ewigkeit, bis er hinter Rophus aufprallte. Selbst dieses so leise Echo hielt erstaunlich lange an.

III Trümmerfeld

Rophus fuhr herum und sah den steinfarbenen Drachen, der eben noch ein Teil der Säule war. Die Säule! Sie schwang immer noch leicht, kaum sichtbar. Aber das Brechen von Stein war zu hören. Weitere Splitter lösten sich aus dem oberen Teil der Säule und fielen zu Boden. Einen Augenblick später wurde die Säule durch ihr eigenes Gewicht etwa zwei Meter unter der Decke abgerissen und stürzte zu Boden. Unter dem gewaltigen Druck wurden die untersten Meter zu Staub und Splittern zerdrückt. Dann stand die Säule wieder fest... für einen Moment. Sie begann wieder zu schwanken. Sie kippte nach Norden, traf auf die Wand und zerbrach. Riesige Teilstücke der Säule rollten nach ihrem Aufschlag kreuz und quer durch die Halle. Der Drache blieb regungslos stehen, als ein Segment dich an ihm vorbei rollte. Ein anderes Segment stoppte an der Wand neben Rophus. Er erkannte die beiden Schädel wieder. Welch ein passender Zufall.

"So sieht man sich wieder."
"Woher wollt ihr mich kennen?"
Der Drache schwieg. Er begann zu schimmern. Jede Schuppe schien sich zu bewegen. Wie Wellen wanderten Schatten über seinen gesamten Körper und mit jeder Welle wurde seine Haut etwas dunkler, bis sie genauso erdfarben war wie damals.

Er war es.

Rophus kniff die Augen zusammen und fixierte ihn.

Er war es wirklich.

Rophus ging langsam auf den Riesen zu.

Sein Blut hatte ihm diese Gestalt verschafft.

Rophus zog einen, der verbleibenden drei Wurfdolche.

Sein Tod würde ihn erlösen.

"Sterbt!"
Mit diesen Worten warf er den Dolch zielgenau auf das Auge des Drachen. Der Drache beobachtete den kommenden Dolch. Erst im letzten Moment schloss er sein Auge und der Dolch prallte wirkungslos ab.

"Ihr wagt es also tatsächlich."

Er trat kräftig auf den Boden, sodass er bebte. Während Rophus versuchte, das Gleichgewicht zu halten, löste sich der verbleibende Teil der Säule aus der Decke, stürzte zu Boden und rollte auf Rophus zu. Diesmal hatte er nicht so viel Zeit, auszuweichen. Er sprang, Kopf voran, zur Seite, rollte sich ab und hockte, auf die Hände gestützt, am Boden.
Langsam stand er auf und zog sein Kurzschwert. Sah der Drache eben überrascht aus? Kannte er das Schwert vielleicht sogar? Er würde es kennen lernen. Mit erhobener Klinge stürmte Rophus auf den Drachen zu und sprang ab. Es hätte dem Drachen leicht den Arm kosten können, wäre er nicht rechtzeitig zur Seite gewichen. Gleich nach der Landung duckte Rophus sich unter zwei gewaltigen Kiefern weg, die sofort nach ihm schnappten. Beim Aufstehen riss er das Schwert über seinen Kopf, wo eben noch der Kopf des Drachen war. Der Schlag ging ins Leere. Jeder von Rophus´ Bewegungen ging ein Schwertstreich voraus. Aber keiner traf. Der Drache wich jedem geschickt und nur so viel, wie nötig aus. Und er wich zurück. Ein paar versuchte Hiebe mit Pranke oder Schwanz, ständig darauf bedacht, nicht das Schwert zu berühren. Ein triumphierendes Lächeln machte sich auf Rophus Lippen breit. Er begann sein Schwert gleichmäßig zu schwingen. Eine Umdrehung auf der Rechten Seite, Wechsel, eine Umdrehung auf der linken Seite. Er wurde damit immer schneller, bis es schien, als hätte er auf jeder Seite eine hauchdünne Metallscheibe, die das Sonnenlicht reflektierten. Er ging langsam auf den Drachen zu, Schritt für Schritt und jeden Schritt, den er vorwärts tat, wich der Drache zurück. Stück für Stück drängte ihn Rophus in Richtung der Pforte. Nach einigen Metern sprang der Drache mit Hilfe eines Flügelschlages zurück.
Einige Meter entfernt landete er, rammte seine Krallen in den Boden und begann kräftig mit den Flügeln zu schlagen. Er erzeugte damit einen starken Wind, der Rophus am Fortkommen hinderte. Als der Wind zu einem Sturm ausartete, wurde Rophus regelrecht zurück geworfen. Er versuchte sich ebenfalls mit seinen Krallen im Boden zu verankern, zog aber nur fünf tiefe Schrammen, während er weiter zurück getrieben wurde. Er musste die zweite Hand zur Hilfe nehmen und dafür das Schwert loslassen. Kaum fand seine zweite Hand Halt und stoppte sein Wegrutschen, lies auch der Sturm nach.
Rophus sah nach vorn und in den geöffneten Rachen des Drachen. Er wusste, was jetzt kommen würde und rollte sich seitwärts hinter eine Säule. Die Flamme des Drachen traf die Mitte der Säule und teilte sich auf. Links und rechts neben Rophus züngelten zwei Flammenstöße, während er selbst sich mit dem Rücken gegen die Säule stellte. Er sah sein Schwert an der Ostwand liegen. Nach einigen Sekunden erloschen die Flammen und die Schritte des Drachens waren zu hören, wie sie näher kamen. Gerade als er los wollte, um das Schwert zu holen, vernahm er noch das Aufatmen des Drachen und im nächsten Moment war er wieder von zwei, diesmal noch größeren Flammen eingeschlossen. Er spürte die aufsteigende Hitze im Nacken. Als die Flammen langsam nachließen, wand sich Rophus der Säule zu und sah an ihr empor. Vielleicht würde es ihm helfen, wenn er die Säule erklomm. Er holte aus, um seine Krallen in den Stein zu treiben. Kurz bevor sie dort einschlugen, schlug auf der anderen Seite der Säule ein Feuerball ein. Er sprengte den unteren Teil der Säule. Rophus war von Flammen und Splittern umgeben, als er weggeschleudert wurde. Sein Flug wurde von der Ostwand gestoppt, wo er anschließend zu Boden sank. Er spürte seine Schmerzen wieder, wie er sie nach dem Kampf gegen Riva empfunden hatte, nur diesmal noch stärker. Mit Mühe öffnete er seine Augen und blickte auf die Säule, an der er eben noch stand. Wieder fehlte ein Stück und wie die erste Säule, riss auch diese sich aus der Decke, fiel einen Meter und begann dann zu kippen. Allerdings nicht in Richtung Wand, sondern auf eine andere Säule zu, die diesem Schlag nicht wiederstehen konnte und ebenfalls zusammen brach. Als unwahrscheinlicher Trümmerregen gingen beide zu Boden. Selbst der Drache wich durch Schritte oder sogar schnelle Sprünge aus.
Rophus sah nach rechts, neben ihm lag sein Schwert.
Nachdem sich der Staub gelegt hatte sahen sich Rophus und der Drache in die Augen. Nichts stand zwischen ihnen. Die Trümmer bildeten eine Gasse zwischen den beiden. Der Drache, der zähnefletschend auf Rophus starrte und Rophus, der sein Schwert wie einen Wurfspeer auf den Drachen richtete. Rophus warf. Das Schwert drehte sich um die eigene Längsachse und sein Gesang ertönte leise aber scharf, als es die Luft durchschnitt.

IV Das Erwachen

Die Spitze genau auf das Herz des Drachen gerichtet blieb das Schwert wenige Zentimeter vor der Brust des Drachen stehen. Es drehte sich noch immer um die eigene Achse, blieb aber auf seiner festen Position schweben.
"Das ist es, was von eurem Schwur übrig geblieben ist?"
"Wer seid ihr?" "Es mag sein, das ich euch in dieser Gestalt immer noch fremd erscheine. Wartet einen Moment, junger Freund." Junger Freund? Rophus starrte den Drachen an und langsam dämmerte ihm, wovon er da sprach. Er begann, sich in gleißendes Licht zu hüllen. Es leuchte die gesamte Halle aus. Die Trümmer warfen kaum Schatten und auch die Decke wurde sichtbar, zusammen mit den zahlreichen Rissen darin.
Rophus blickte wieder auf die Lichtquelle, die zu schrumpfen begann. Als sie erlosch und Rophus´ geblendete Augen wieder sehen konnten, erkannten sie einen alten Mann in einer blauen Robe. Das sich immer noch drehende Schwert schwebte jetzt genau vor seinem Gesicht. "Das nehme ich wohl lieber wieder an mich." Er hob die Hand unter das Schwert. Es stoppte in seiner Drehbewegung und wand ihm den Griff zu. Der Alte ergriff das Schwert und ließ es unter seiner Robe verschwinden. "Dia Mon?" "Einst hast du geschworen, nie einen Drachen zu töten." "Riva..." "Ist tot! Und mich wolltest du auch töten." "Dir habe ich diese Gestalt zu verdanken." "Ein Schwächeanfall meinerseits. Ahnst du überhaupt, was dieses Ritual an Kraft gekostet hat? Selbst meine Macht kennt Grenzen." "Gib mir meinen Körper wieder!" Rophus' Hand begann zu zittern. "Du hast deinen Schwur gebrochen und wagst es, mir Forderungen zu stellen? Du wirst diese Gestalt beibehalten, bis ans Ende deiner Tage." Rophus griff unter die Reste seiner Lederrüstung und brachte den Dolch seines Vaters hervor. Die Klinge fest im Griff, stürmte er auf Dia Mon zu. Dieser schüttelte nur den Kopf und streckte den Arm Rophus entgegen. Eine unsichtbare Kraft stoppte Rophus und schleuderte ihn an die Wand zurück. Der Aufprall nahm ihm fast das Bewusstsein. Schwach atmend sah er zu dem alten Mann auf, der sich auf die Pforte zu bewegte. "Euren Schwüren untreu, selbstherrlich, egoistisch, aggressiv... Ihr Mensch seid alle gleich... egal, in welcher Form.", waren seine Worte. Rophus schloss die Augen. Er spürte die Schmerzen, die in seinem Körper tobten und vernahm das ächzende Geräusch der Hallendecke.

Dia Mon trat an den Rand des Hofes vor der Pforte und blickte hinunter. Seine wahre Form war hier nützlicher. Ein kurzes, helles Licht durchdrang die Nacht. Dann spreizte er seine Flügel und hob ab. Als der Tempel hinter ihm einstützte, fühlte er seine Kraft zurückkehren, die er dem Bauernjungen von einst geliehen hatte.

 

Written by Renon

 

Rezensionen zu "Rophus"

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