Es
ist allgemein bekannt, dass Drachen einen schrecklichen Mundgeruch haben.
Doch...woher ist es bekannt?
Die allermeisten Menschen, die den Mundgeruch der Drachen aus nächster
Nähe erleben konnten, durften danach sogar sein Innenleben betrachten -
vorausgesetzt, sie hatten eine Lampe dabei. Außerdem beschränkte
sich diese Betrachtung nur auf einen geringen Teil des Verdauungstraktes.
Der Rest der Menschheit konnte ja nicht wissen, ob Drachen beispielsweise explizite
Zahnpflege betrieben - denen kann man ja schließlich alles zutrauen...
Also, warum konnten die Menschen so sicher sein?
Diejenigen, die eine Begegnung der draconischen Art überlebt hatten, reichten
kaum aus, um diese Information über den gesamten Globus zu verbreiten -
und außerdem, wer spricht schon über den Mundgeruch eines Drachen?
Fakt ist, das Wissen um diese Information war fest in den Köpfen
der Menschen verankert.
Fakt ist, Drachen haben einen schrecklichen Mundgeruch.
Und das wirft die nächste Frage auf: Was war zuerst da? Der Mundgeruch
oder das Wissen darum?
Und das wirft die Frage auf: Formt die Realität das Wissen oder
formt das Wissen die Realität?
Smahug
kümmerte sich nicht um solche pseudo-philosophischen Fragen.
Er wartete.
Sein golden geschuppter Körper räkelte sich auf dem hoch gelegenen
Plateau des Versammlungsplatzes und glitzerte dabei im Licht der ersten Sonnenstrahlen.
Unvorsichtige hätten ihn für einen gigantischen Schatzhaufen halten
können - sie hätten sehr bald herausgefunden, dass die allerwenigsten
Schatzhaufen große, grüne Augen haben...
Und einen riesigen Kopf...
Und zwei große Flügel...
Und scharfe Zähne und Klauen...
Und schrecklichen Mundgeruch...
Er wartete auf die anderen.
Sie kamen im Laufe des Vormittags:
Adorelon, der Silberne.
Neidhöcker, der Bronzene - wenn er nicht gerade mal wieder mit Droca verwechselt
wurde.
Droca, der Kupferne...oder doch der Bronzene?
Vasdendas, der Messingfarbene.
Morkulebus, der Schwarze, der aus den finsteren Sümpfen des schwarzen Todes
kam, die noch nie von einem Menschen lebendig wieder verlassen wurden.
Er wurde von allen immer nur Morki genannt.
Glaureng, der Grüne.
Tjamat, der Blaue.
Schneeweißchen, die Weiße - ja, sie war der einzige weibliche Drache
im Rat. Und ja, sie hatte wirklich so einen dämlichen Namen.
Und Kalessan, der Rote.
Kalessan war einem sofort sympathisch, wenn man ihn das erste Mal traf. Denn
man wollte unter keinen Umständen zulassen, dass er unsympathisch
wurde. Leider reichte bloßes Menschsein schon aus, um ihn sehr
unsympathisch werden zu lassen...
"Es ist ungemein praktisch, ein Drache zu sein!", hatte er einmal
gesagt, "Du musst dich gar nicht mehr um die Nahrungsbeschaffung kümmern,
nein, die Nahrung kommt zu dir...und meistens bringt sie noch tolle Dinge zum
Sammeln und Tauschen mit..."
Deswegen war es ihm auch ein besonderes Greuel, seinen geliebten Hort verlassen
zu müssen - und darum war er auch der einzige, der nicht im Laufe dieses
Vormittags, sondern des nächsten erschien. Den anderen machte das nicht
viel aus, sie waren sein Verhalten schon gewohnt - und wenigstens konnten sie
derweil die neuesten Nachrichten, Geschichten und praktische Tips zur effektiven
Sklavenhaltung austauschen.
Kalessan landete auf seiner Plattform, während die anderen ebenfalls ihre
Plätze einnahmen - Smahug dabei, wie es die Tradition verlangte, in der
Mitte des Felsplateaus.
Eigentlich waren es mehrere Plattformen: Eine große in der Mitte und zehn
weitere, die kreisförmig um sie herum angeordnet waren. Die Drachen hatten
keine Ahnung, wer dieses Bergplateau mitten im Gebirge erschaffen hatte. Aber
weil sich Unwissenheit seitens der Mächtigen in der Öffentlichkeit
niemals gut macht, wurde schnell eine schöne Geschichte erfunden. Nun hieß
es offiziell, dass der allererste Rat der Drachen diesen Platz mittels mächtiger
Magie aus dem höchsten Berg des Landes heraus gebrochen hatte, um dort
in Zukunft seine Versammlungen abzuhalten, die fortan die Geschicke der Welt
lenken sollten.
Solche Geschichten machen sich immer gut...
Jeder Drache saß nun auf seiner Plattform. Und sie saßen auch nur,
weil nicht genug Platz war, um sich hinzulegen.
Der Rat der Drachen tagte einmal mehr. Und sein Vorsitzender, Smahug, erhob
nun die Stimme:
"Schön, dass du es auch für nötig befindest, hier aufzutauchen,
Kalessan!"
"Sei froh, dass ich überhaupt gekommen bin! Ich habe nämlich
keine große Lust, wieder so einer sinnlosen Sitzung wie letztes Mal beizuwohnen!",
erwiderte der rote Drache, was alle anderen zu Gekicher veranlasste - alle,
außer Smahug.
"Nein, diesmal ist das Anliegen, weswegen ich euch zusammen gerufen habe,
ein äußerst wichtiges!", antwortete dieser.
"Das hast du letztes Mal auch gesagt, als dein Lieblingsschmuckstück
verschwunden war, wir deine gesamte Höhle danach abgesucht haben und es
schließlich in deinem Ar..."
"Ja ja ja, das war sehr lustig damals, nicht wahr? Ha. Ha. Ha.", unterbrach
ihn Smahug schleunigst, "Nein, diesmal ist es wirklich wichtig!
Ich denke mal, ihr wisst alle, wo die Menschenstadt "Neudorf" liegt?"
Die meisten Drachen nickten.
"Gut, wir werden der Stadt heute einen kleinen Besuch abstatten. Und, um
es gleich hinzuzufügen, wir werden die Stadt nicht zerstören
oder sonst irgendwie beschädigen!", sagte Smahug mit einem Seitenblick
auf Kalessan.
Ein teils erstauntes, teils erfreutes, teils enttäuschtes Murmeln ertönte
aus den Reihen der restlichen Drachen.
Glaureng fragte: "Das wird doch nicht wieder so eine Wohltätigkeitsveranstaltung
für Menschen, oder? Das wäre ja noch schlimmer als die Aktion vom
letzten Mal!"
Wieder brach Gelächter aus.
Smahug unterbrach die Menge mit einem lauten Brüllen:
"Nein, das wird weder eine Zerstörungsorgie, noch eine Wohltätigkeitsfahrt.
Und ich wäre sehr erfreut, wenn ihr mich nicht alle immer wieder an das
kleine Missgeschick unserer letzten Zusammenkunft erinnern würdet, danke!
Nein, wir werden uns tarnen und mit einem gewissen Menschen in dieser Stadt
mal ein paar Worte wechseln. Droca hier...", er deutete mit einem Kopfnicken
auf den Kupferdrachen.
"Ich bin Droca!", sagte der Drache, der auf der Plattform nebenan
saß, "Das da ist Neidhöcker."
"Warum sitzt ihr eigentlich nebeneinander?", fragte Tjamat, "Man
kann euch ja wirklich kaum auseinander halten!"
"Ihr könnt das seit den 450 Jahren die wir schon nebeneinander sitzen
nicht - aber ihr habt euch nie darüber beschwert!", erwiderte Neidhöcker.
"Dann tue ich es halt jetzt!"
"Hättest du das nicht früher machen können? Ich habe mich
schon so sehr an den Platz hier gewöhnt! Außerdem bist du ja nur
neidisch, weil meine Plattform ein bisschen größer..."
"WENN ICH WOHL WIEder auf unser eigentliches Thema zurückkommen könnte?",
rief Smahug dazwischen, worauf der Streit zwischen den beiden fürs erste
verstummte.
"Also, Droca hat mir berichtet, dass ein Magier namens Saurudalf die Regentschaft
über Neudorf übernommen hat. Dieser Magier verkündete, dass er
sämtliche Drachen im Umkreis von Neudorf vernichten wolle - etwas, was
wir natürlich nicht zulassen können!"
"Ich wusste, dass ich nicht hätte kommen dürfen!", stöhnte
Kalessan, "Wozu brauchst du da uns alle? Warum kann Droca ihm nicht alleine
einen kleinen Besuch abstatten und ihm den Kopf abbeißen? Hast du etwa
Angst, er könnte dir weh tun, Droca?"
"Es wäre sehr nett, wenn du mich ausreden lassen würdest, Kalessan!
Dieser Saurudalf hat nämlich laut Drocas Bericht irgendeine Maschine oder
ein Artefakt geschaffen - extra zur Vernichtung von Drachen! Ich bin der Meinung,
wir sollten uns dieses Artefakt im Rahmen einer kleinen Weiterbildung alle einmal
ansehen - und diesem Saurudalf nebenbei noch eine kleine Lektion erteilen."
Als Smahug Kalessans interessierte Seitenblicke vernahm, fügte er hinzu:
"Und wir werden ihn nur töten, wenn es sich wirklich absolut nicht
vermeiden lässt!"
Irgendetwas in Kalessans Blick sagte ihm jedoch, dass Kalessan schon dafür
sorgen würde, dass es sich nicht vermeiden lassen würde...
Die
Reise verlief relativ schnell, gegen Nachmittag erreichten die zehn Drachen
die Umgebung um Neudorf.
Aufgrund des Namens könnte man vielleicht vermuten, dass es sich nur um
eine kleine Ansammlung von Hütten handelte, die mitten im Freien herumstanden
und auch nur deswegen als "Dorf" bezeichnet wurden, weil der Abstand
zwischen zweien von ihnen weniger als einen Kilometer betrug...
Nein, in Wahrheit handelte es sich um eine der größten Städte
des Reiches, mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 40.000 Wesen.
Bei der Namenswahl der Stadt war man halt anscheinend ein wenig...uninspiriert
gewesen.
Droca, der der Stadt am nächsten wohnte, führte die Drachen zu einem
nahe gelegenen Wald, in dem eine Lichtung lag, die groß genug war, um
zumindest einem von ihnen Platz zu geben.
Da Glaureng als einziger mehr einem riesigen gefüllten Schleimbeutel als
einer geflügelten Echse glich, musste er mit Hilfe von Magie fliegen, was
ihn über längere Strecken nicht gerade wenig Kraft kostete. Darum
landete er als Erster auf der Lichtung und verschnaufte ein wenig. Das prägte
der Lichtung zwar schon Glaurengs charakteristischen Gestank auf und ließ
bereits nach kurzer Zeit die ersten Blumen absterben, die restlichen Mitglieder
waren diesen sehr speziellen Duft aber glücklicherweise bereits gewohnt.
Während ihr Kollege sich noch ausruhte, kreisten die anderen Drachen weit
über den Wolken, die über der Lichtung hingen und entzogen sich so
eventuellen neugierigen Blicken. Dabei setzte sich eine der unterbrochenen Unterhaltungen
vom Vormittag auf mentalem Wege fort.
Tjamat wandte sich - natürlich erst, nachdem er nachgefragt hatte - an
Neidhöcker, den Bronzedrachen: "Sag mal, warum gibt es überhaupt
eine Unterteilung zwischen Kupfer- und Bronzedrachen? Ich meine, Droca und du,
ihr ähnelt euch beide wie ein Ei dem anderen! Ich wette, wenn man einen
Schlüpfling von dir und ihm vertauscht, würde keiner von euch etwas
merken."
"Pass mal auf, mein lieber, blauer Freund: Ich würde auch aus Tausenden
von Kupferdrachenschlüpflingen einen Bronzedrachen herausfinden. Es gibt
nämlich gravierende Unterschiede zwischen unseren beiden Rassen!"
"Als da wären...?"
"Nun...zum Beispiel leben Kupferdrachen in ländlichen Gegenden wie
dieser hier, während wir Bronzedrachen schöne, felsige Küstenregionen
bevorzugen."
"Und daran könntest du die Kleinen unterscheiden, aha... Weißt
du was? Ich glaube, diese Einteilung ist nur vorgenommen worden, weil die zehn
Plätze die sie da oben auf dem Versammlungsplatz vorgefunden hatten alle
gefüllt werden mussten..."
"Da hätte man euch Blaue auch weglassen können und uns dafür
dreimal unterteilen können!"
Bevor Tjamat zu einer scharfen Gegenantwort ansetzen konnte, übermittelte
ihnen Smahug folgendes: "Glaureng ist fertig da unten. Du bist dran, Tjamat!"
"Wir sprechen uns noch, Höcki!", sagte Tjamat mit einem Knurren
und drehte dann ab, um spiralförmig abzusteigen.
So ging es dann immer weiter. Wenn einer der Drachen fertig war, übermittelte
er den oben fliegenden Kollegen eine entsprechende Botschaft und der nächste
war dran. Smahug war der letzte, der absteigen sollte. Er schraubte sich tiefer
und tiefer, bis er die Wolkendecke durchbrach und die Lichtung sichten konnte.
Mit angelegten Flügeln legte er einen schnellen Sturzflug nach unten hin
und breitete sie kurz vor dem Aufprall wieder aus, was seinen Flug rapide abbremste.
Jedem normalen Wesen von diesem Gewicht und dieser Geschwindigkeit hätte
es die Flügel kurzerhand ausgerissen und den Flug kein bisschen gebremst,
aber, wie Kalessan bereits sagte, es ist wirklich ungemein praktisch, Drache
zu sein - man muss sich um keinerlei physikalische Gesetze mehr kümmern.
Wozu gibt es denn Magie?
Smahug drehte der Physik eine lange Nase und landete sanft wie eine Feder auf
der großen Lichtung, die für seine stattliche Größe von
50 Metern schon fast wieder zu klein war. Er faltete seine Schwingen zusammen
und begann, sich zu konzentrieren und damit die Verwandlung einzuleiten. Wären
jetzt Menschen dabei gewesen, hätte Smahug wahrscheinlich eine optisch
beeindruckende Schau mit viel Blitz und Rauch vorgelegt - Menschen brauchten
so etwas. Da dem aber nicht so war, verschwand der Drache einfach und statt
dessen stand an seiner Stelle ein älterer Mann mit weißen Vollbart,
langen, ebenfalls weißen Haaren und einer goldfarbenen Robe. Das Assoziationsvermögen
eines jeden Menschen würde bei seinem Anblick sofort "Magier"
schreien...
Er sah zum Rand der Lichtung. Neun andere Menschen bewegten sich auf ihn zu.
Und jeder von ihnen trug eine Robe von einer anderen Farbe.
Alles in allem sah es aus, als wären die Farben aus dem Malkasten eines
Grundschülers herausgesprungen und hätten menschliche Gestalt angenommen.
Farben hätten sich jedoch wahrscheinlich unauffälliger gekleidet als
die Drachen es taten...
Smahug ließ seinen Blick nochmals über die Gruppe schweifen. Vor
ihm standen sieben menschliche Männer und zwei Frauen. Es war also alles
in Ordnung, alle waren anwesend. Er wollte gerade den Arm in Richtung Neudorf
heben und einen Standardspruch á la "Na dann, lasst uns diesem Magier
mal zeigen, wer hier der Boss ist!" loslassen, stockte aber. Sieben Männer
und zwei Frauen?
Smahug sah sie sich nochmals an. Die eine Frau trug ein weißes Gewand
- das musste Schneeweißchen sein... Die andere war blau bekleidet.
"Tjamat, ich denke, ich kann sagen, dass ich mich mit Menschen ganz gut
auskenne...und du hast dich versehentlich in eine menschliche Frau verwandelt!"
Tjamats sehr männliche Stimme antwortete ihm: "Wieso versehentlich'?
Sehe ich etwa nicht gut aus?"
Die anderen neun starrten sie...ihn nur an.
"Was ist? Ist irgendwas nicht in Ordnung?", fragte der verwirrte Tjamat.
"Du verwandelst dich in eine menschliche Frau und behältst deine männliche
Drachenstimme bei?", fragte Adorelon ungläubig.
"Was dagegen? Wir gehen doch nur da rein, regeln unsere Angelegenheit mit
diesem Saurudalf und gehen dann wieder raus oder? Ich werde schon nicht mit
jedem zweiten Menschen in dieser Stadt reden...und selbst wenn, was soll uns
schon groß passieren?"
Smahug schüttelte den Kopf und seufzte: "Ja, gut, du hast Recht. Es
wird nicht lange dauern. Rein und wieder raus, nichts besonderes, ein Kinderspiel
für uns, ja... Also, verschwenden wir nicht weiter unsere Zeit mit dieser
Angelegenheit sondern ziehen endlich los - hat noch jemand von euch Fragen?"
Er schaute fragend in die Runde - die anderen schauten fragend zurück.
Smahug hob den Arm in Richtung Neudorf und sprach: "Na dann, lasst uns
diesem Magier mal zeigen, wer hier der Boss ist!"
Eine
derartige Gruppe hätte beim Passieren des großen Stadttores eigentlich
auffallen müssen. Doch die Bewohner und damit auch die Torwächter
der Stadt waren solcherlei Gefolge schon gewohnt - wenn eine der größten
Magierakademien des Reiches mitten in der Stadt steht, ist man so einiges gewohnt...
Die Häuserwände türmten sich rechts und links hoch auf. Zwischen
ihnen lag ein gewaltiger Strom aus Menschen, Handelskarren und anderen sich
bewegenden Dingen, unter ihnen die zehn Drachen des Rates, die wie ein großer
Regenbogenfisch durch das Gedränge schwammen.
Die breite Straße - wahrscheinlich hieß sie auch "Breite Straße"
- führte direkt auf den großen Marktplatz der Stadt, der sehr bekannt
für...seine Größe war.
Von hier aus zweigten etliche Dutzend große und kleine Straßen in
sämtliche Himmelsrichtungen ab, jedoch keine davon so auffällig breit
und dicht befahren wie der Weg, auf dem sie in die Stadt gekommen waren.
"So, und wo geht es nun zum...", wollte sich Smahug an Droca wenden,
stockte aber einmal mehr. Die zwei Menschen in rotbraunem Gewand, die vor ihm
standen, waren für einen Drachen kaum zu unterscheiden. Denn was ist zwischen
zwei Menschen schon groß anders? Manchmal ist das Fell auf dem Kopf länger,
mal kürzer, mal in der einen Farbe, mal in einer anderen - sehr viel mehr
Unterschiede, von weiteren auffälligen Merkmalen wie Größe oder
Statur mal abgesehen, konnten Drachen an Menschen nicht ausmachen...oder hatten
keine Lust dazu.
Einer von den beiden antwortete auf die abgebrochene Frage: "Folgt mir
einfach, ich kenne den Weg zum...", wurde aber seinerseits unterbrochen.
Und zwar von einer Menschenfrau, die gerade vorbei lief, dann aber stehen blieb,
um den Drachen näher zu betrachten:
"Verzeiht...seid ihr nicht Droca, der Schauspieler?"
"Ähm, nun ja...", antwortete dieser und begann, recht nervös
nach rechts und links zu blicken.
"Oh, ich habe das Stück gesehen. Es war großartig! Ihr habt
mit solcher Hingabe gespielt, mit solcher Emotion, mit solchem Talent! Eure
Verkörperung des Newob hatte so viel Tiefe, so viel Kraft, so viel Liebe...",
ergoss sich der Redeschwall der Frau über den Drachen, in dessen Blick
jetzt eine Spur von Panik lag, während ihn seine Kollegen nur mit offenen
Mündern anstarrten.
Irgendwie gelang es Droca, sich selbst zu überwinden und ein paar Worte
hervorzustammeln: "Gute Frau, ich weiß nicht, wovon..."
Die Frau schien ihn nicht zu hören. Sie brach ihren Redeschwall zwar ab,
aber nur um einer Gruppe anderer Frauen in der Nähe zuzuwinken und laut
zu schreien: "Trixi, Daisy, Peggy, kommt her, seht mal, wen ich gefunden
habe! Es ist Droca! Der Droca!"
Die drei angesprochenen Frauen sahen auf, kreischten laut und rannten auf den
Drachen zu. Anscheinend waren diese vier aber nicht die einzigen, die den Drachen
zu kennen schienen, denn nun erschollen weitere laute Rufe und immer mehr Menschen
kamen heran, um ein Auge auf den Drachen werfen zu können. Es entstand
ein riesiges Gedränge um die Drachengruppe, mit Droca in ihrem Mittelpunkt.
Die Leute schrien Dinge wie "Nur ein Stück von seinem Gewand!",
"Eine Locke seiner prächtigen Haare!" oder "Oh bitte, lasst
mir auch was von ihm übrig!" und die Menschen begannen an ihm zu ziehen
und zu zerren.
Auf einmal blitzte ein helles rotes Licht auf, welches den Marktplatz für
den Bruchteil einer Sekunde im Licht der nachmittäglichen Sonne noch einmal
extra erhellte.
Stille.
Eine große Masse an Menschenaugen starrte sie ausdruckslos an.
Smahug steckte den kleinen Stock mit dem rötlich glühenden Punkt am
Ende wieder in eine Tasche seiner Robe.
"Was glotzt ihr alle so? Haut endlich ab! Hier gibt es nichts zu sehen!
Los, geht weiter euren Geschäften nach!", rief er laut.
Gemurmel und Bewegung entstand wieder und die Menschen kehrten zu ihren vorherigen
Aktivitäten zurück.
"Was...was war das?", fragte Droca.
"Eine kleine Spielerei, hab ich mal vom Elfenkönig Emballasilvarandarlessadar
dem MCXXIX. bekommen. Es stimuliert die Nervensynapsen des menschlichen Großhirns
und löscht so ihr Kurz..."
Smahug bemerkte die Verständnislosigkeit in Drocas Augen.
"Ach, vergiss es! Sag du mir lieber, was das hier gerade war! Wie hat sie
dich nochmal bezeichnet? Als Schaumspüler?"
"Schauspieler. Ähm, wisst ihr, die Menschen haben hier eine Tradition
namens Theater'. Ich habe da mal mitgemacht. Eine Gruppe von Menschen,
die Schauspieler, tun so, als wären sie jemand anders und erzählen
so auf der Theaterbühne eine Geschichte. Und viele andere Menschen schauen
dabei zu."
"Und was hat das Ganze für einen Sinn?", fragte Morkulebus.
"Nun, es ist ein...direkteres und anschaulicheres Mittel, um Geschichten
glaubwürdig erzählen zu können, würde ich sagen."
"Und was für eine Geschichte habt ihr da erzählt?", fragte
Adorelon.
"Oh, ich kann euch sagen, dass war eine ganz fantastische Geschichte! Es
ging um einen Drachentöter, der sich mit dem letzten Drachen zusammenschließt,
um einen bösen König zu bekämpfen."
"Und du hast dich vor all den Menschen in deiner wahren Gestalt gezeigt?",
fragte Vasdendas.
"Neinneinnein, ich habe den Drachentöter gespielt. Der Drache war
ein großes Gerüst auf Rädern - sah zwar nicht unbedingt wie
ein Drache aus, aber die Phantasie musste sich den Rest einfach nur dazu denken,
dann wirkte es gar nicht mal so schlecht. Ich sage euch, die Menschen waren
hin und weg von dem Stück!"
"Das ist ja sehr erfreulich für dich, lieber Droca! Schön, dass
du den Ruf unserer Rasse so in den Dreck ziehst. Schön, dass du so bekannt
bist und so viel Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Schön, dass du unsere
gesamte Aktion hier gefährdest!", rief Smahug.
"Ach komm schon, reg dich ab - was soll uns hier bitteschön passieren?"
Bevor Smahug zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, schob sich Kalessan dazwischen:
"Uns kann hier gar nichts passieren. Aber unser Anführer hier hat
Angst, dass arme, unschuldige Menschen zu Schaden kommen könnten, wenn
etwas schiefgeht - ist es nicht so, oh großer, weiser Anführer?"
Smahug starrte ihn nur wütend an.
Dann antwortete er endlich: "Das Thema haben wir schon so oft durchgekaut,
Kalessan! Diesen Disput verschieben wir auf später, ja? Ich möchte
erstmal die Angelegenheit in dieser Stadt bereinigen, ja? Also, Droca, wo lang
geht es denn jetzt zu diesem...Rathaus?"
"Folgt mir einfach!"
Nachdem
sich durch einige weitere größere Straßen durchgearbeitet hatten,
kamen sie auf einen kleineren Platz. Nur ein einzelner, kleiner und noch dazu
ziemlich dreckiger Springbrunnen zierte die Fläche. Neben den üblichen
Häusern und Geschäften war der Rand des Platzes noch von einem großen,
prächtig verzierten Fachwerkhaus gesäumt, welches seine Nachbarn von
der Ästhetik her in den Schatten tiefster und vollkommenster Hässlichkeit
stellte.
"Sieht so aus, als wären wir am Ziel. Warum müssen die Mächtigen
unter den Menschen ihre Potenz eigentlich immer in solchen Prunkbauten ausdrücken?
Wenn sie das Geld schon ausgeben müssen, können sie das auch für
nützlichere Zwecke machen...", sagte Smahug.
"Ähm, das ist die örtliche Taverne und nicht das Rathaus...",
erwiderte Droca.
"Die örtliche...was?", antwortete Smahug ungläubig, "Warum
hat eine Taverne bitteschön eine so teure Aufmachung? Ist das etwa die
einzige Taverne in der Stadt? Dann könnte ich es ja verstehen..."
"Neinnein, der Rumstehende Esel' ist bei weitem nicht das einzige
Gasthaus hier. Nur Wirt Brennessel ist der einzige, der es irgendwie geschafft
hat, eine Versicherung für Einrichtungsschäden zu ergattern..."
"Eine was?"
Droca suchte nach Worten und wedelte dabei suchend mit den Armen in der Luft:
"Ähm...das ist, wenn...wenn...wenn du...nein...ähm, pass auf,
das funktioniert so: Wenn jemand dein...ähm...dein Eigentum beschädigt
und du...und du so eine Versicherung...ähm...äh...ach, vergiss es!"
"Also, wo ist jetzt das verdammte Rathaus?", fragte der langsam ungeduldig
werdende Kalessan.
"Da drüben!"
"Das Haus sieht aber aus wie alle anderen!", sagte Vasdendas enttäuscht.
"Die Stadt hat halt nicht viel Geld - selbst du dürftest mehr in deinem
Hort haben, als die hier in ihrer Stadtkasse, Vas.", entgegnete der Kupferdrachen.
"Da scheint es ja wirklich schlimm um die Stadt zu stehen. Was haben die
denn gemacht, um sich so groß zu verschulden?", fragte Neidhöcker.
"Ich bin nicht verschuldet!", sagte Vasdendas.
"Keine Ahnung! Gestern war die Kasse noch voll und nichts deutet auf eine
finanzielle Katastrophe hin und am nächsten Tag liegt in der Schatzkammer
nur noch ein Schuldschein mit einem riesigen Betrag drauf - beeindruckend, wie
menschliche Politiker das so hinbekommen...", erklärte Droca.
"Ich bin nicht verschuldet!", sagte Vasdendas.
Kalessan schnaubte verächtlich: "Typisch Menschen, die können
weder mit sich selbst, noch mit Geld richtig umgehen - und sowas favorisierst
du, Sma..."
Kalessan stockte.
Smahug stand mit geschlossenen Augen da. Er atmete ruhig ein und aus. Ein Zeichen,
dass die anderen Drachen sofort zu deuten wussten. Als er die Augen wieder aufmachte,
sah Smahug, wie sie in voller Bereitschaft an der Tür des Rathauses standen
und ihn halb ängstlich, halb erwartungsvoll betrachteten. Er ging auf sie
zu und sagte kühl: "Gut. Keine Unterhaltungen mehr. Keine Plaudereien.
Keine Diskussionen. Kein Blödsinn. Wir gehen jetzt da rein. Ich werde reden.
Niemand sonst. Verstanden?"
Neun Köpfe bewegten sich simultan auf und ab, erleichert darüber,
den Wutausbruch abgewendet zu haben.
Smahug öffnete die Tür.
"Ah,
Hallo! Mister Saurudalf hat euch bereits erwartet. Bitte setzt euch doch kurz,
ich sage ihm dann gleich Bescheid, ja?", ertönte eine näselnde
Frauenstimme, welche Smahug den Schwung seines Auftretens nahm und ihn verblüfft
im Raum stehen ließ.
Das Zimmer war klein und stickig. Die Wände waren grau gestrichen und die
Einrichtung bestand aus einer von Holzwürmern durchlöcherten Tür
gegenüber des Eingangs, einem von Holzwürmern durchlöcherten
Tisch auf dem zahlreiche Papierstapel und ein Tintenfass standen und einem von
Leinenwürmern durchlöcherten Bild an der Wand dahinter, welches einen
Ritter zeigte, der gerade einen kleinen Drachen mit einer Lanze aufspießte.
Hinter dem Tisch saß ein Skelett. Nein, bei näherem Hinsehen handelte
es sich tatsächlich um eine lebendige, wenn auch schon recht alte Frau.
Sie hatte nur einen Hüftumfang, der ein jedes der gängigen Topmodels
wie eine Tonne auf Beinen aussehen lassen würde.
Smahug fing sich langsam wieder: "Was...habt ihr gerade gesagt?"
"Ich sagte, ihr sollt euch kurz setzen, während ich Saurudalf..."
"NIEMAND...sagt MIR...was ICH zu tun habe!", schrie Smahug sie mit
vor Zorn weit geöffneten Augen, die fast aus dem Kopf quollen, an. Dann
schritt er auf die Tür zu und öffnete sie mit einem entschlossenen
Tritt, was zur Folge hatte, dass sie laut krachte und mehrere Meter weit in
den nächsten Raum hinein flog.
Smahug blieb abermals stehen, während die anderen Drachen aufrückten
und ihm den Rücken sicherten - zumindest würden sie ihre Aktion so
bezeichnen.
Vor ihnen tat sich eine Halle auf. Sie war nicht sehr groß - Kalessan,
der mit über zwei Metern der Größte von ihnen war, musste nur
den Arm ausstrecken, um die Decke zu berühren - aber das machte sie in
ihrer mehrere Dutzend Meter messenden Länge wieder wett. Ein breiter, roter
Teppich erstreckte sich über die gesamte Halle. Rechts und links neben
ihm standen zwei ebenso lange und diesmal seltsamerweise nicht von Holzwürmern
durchlöcherte Tische. Der Teppich endete an einem roten Sessel - und auf
diesem Sessel saß ein junger Mann. Er hatte die Beine übereinander
geschlagen und las in einem großen Buch, welches auf seinem Schoß
lag. Er war ebenfalls mit einer Robe bekleidet, wäre in einer Menschenmenge
aber wohl kaum so aufgefallen wie der Rat.
Er sah auf: "Cassandra, habe ich nicht gesagt, dass ich nicht gestört
werden...möchte...aahh, ich verstehe, ihr seid es!"
"Ja, wir sind es - und wer zur Hölle seid ihr?", entgegnete
der bereits sehr aufgebrachte Smahug.
"Erlaubt mir, mich vorzustellen...", setzte der Mann an.
"Ich habe es euch befohlen, nicht erlaubt!", schrie Smahug
ihn an.
Damit hatte er ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht, denn der Mensch schaute
jetzt nervös hin und her und leckte sich mit der Zunge über die Lippen.
Bevor er jedoch weiterreden konnte, ertönte wieder die Stimme der alten
Frau neben ihnen: "Es tut mir leid, Mister Saurudalf, aber diese Herren
haben sich einfach vorgedrängelt, bevor ich etwas unternehmen konnte!"
"Ähm, schon gut Cassandra, bitte...nehmen sie sich den Rest des Tages
frei, ich denke, ich brauche sie heute nicht mehr!"
"Aber die Akten müssen noch..."
"Bitte gehen sie jetzt!", sagte Saurudalf mit leicht erhobener
Stimme.
"Ja, Mister!", ertönte die leise Antwort. Danach war die Frau
verschwunden und die Tür wurde zugeschlagen.
"Ihr seid also Saurudalf? Gut, dann seid ihr auch der, den wir suchen...aber
anscheinend wurden wir auch schon erwartet?", meldete sich jetzt Smahug
wieder zu Wort.
"Oh, äh...ihr gehört doch zu der Abenteurergruppe, die die Handelskarawane
aus Kleinstadt begleitet hat oder?", kam die Antwort.
"Nein, sind wir nicht. Wir kommen wegen einer anderen Angelegenheit. Wir
haben gehört, ihr habt eine Abneigung gegen Drachen?"
"Oh, diese schrecklichen, hässlichen, stinkenden, brutalen, fliegenden
Monster? Ich hätte da einen Auftrag für eure Gruppe, der sich mit
diesen höllischen Kreaturen befasst. Ihr müsst nur meine neuste Kreation
mitnehmen, die Drachen suchen und könnt ihnen dann im Handumdrehen den
Garaus machen. Das ist garantiert völlig ungefährlich und macht eine
Menge Spaß! Außerdem springt noch ein wenig was dabei für euch
heraus..."
Bevor einer der Drachen aufbrausen konnte, hob Smahug schnell beschwichtigend
die Hand und antwortete: "Ähm...das hört sich...sehr gut an.
Zeigt uns doch mal eure Kreation'. Würdet ihr das für uns tun?"
"Oh, aber natürlich - seht her!", sagte Saurudalf und streckte
die Hand nach einem kleinen Tisch aus, der neben seinem Sessel stand. Auf ihm
stand irgend etwas, aber es war von einem dicken blauen Samttuch bedeckt, sodass
man nur einen vagen Schemen von dem Objekt ausmachen konnte. Saurudalf packte
die Samtdecke und zog sie weg. Was zum Vorschein kam, war eher unspektakulär:
Das Objekt sah aus, wie eine stinknormale und nicht einmal besonders große
Kristallkugel, die vielleicht für einen Jahrmarktswahrsager gerade mal
gut genug gewesen wäre.
Saurudalf schaute seine Schöpfung stolz an und sprach: "Ich nenne
es..." - er machte eine dramatische Pause - "...das Prettschett!"
"Das Prettschett!", echoten einige der Drachen.
Smahug drehte sich um und starrte sie kurz an - dann wendete er sich wieder
Saurudalf zu.
"Und das da soll eure großartige Drachenvernichtungsmaschine sein?
Alleine die Erscheinung dieses Objekts ist nicht sehr eindrucksvoll - musstet
ihr diesem armen Ding auch noch so einen bescheuerten Namen geben?", sagte
er mit unterdrücktem Lachen.
"Sagt mir ja nichts gegen den Namen! Ich habe es nach meinem armen, verstorbenen
Terrier benannt, der vor einem Jahr ermordet wurde...verschlungen...von einem
Drachen!", antwortete Saurudalf mit einer Stimme, die von Trauer und Hass
nur so strotzte.
Jetzt meldete sich Kalessan zu Wort: "Ihr habt dieses Ding nach eurem verstorbenen
Terrier Prettschett benannt? Was ist denn das für ein bescheuerter Name
für einen Terrier? Der Terrier Prettschett...pah, ich glaub's nicht!"
"Der Name ist nicht bescheuert. Außerdem hieß er Prett-Schett
und nicht Prettschett!", erwiderte Saurudalf trotzig.
"Und wo ist da bitteschön der Unterschied?"
"In der Schreibweise!"
Kalessan schloss die Augen und war jetzt seinerseits dran, ruhig ein- und auszuatmen.
Dann sagte er resigniert: "Gut...in Ordnung...das wird mir hier langsam
zu bunt, mein lieber Anführer. Wir verschwenden hier nur unsere Zeit -
und das sage ich dir als Drache, der sich nun wirklich nicht über einen
Mangel an selbiger beklagen kann!"
"Nein Kalessan, wir werden jetzt versuchen, alles über dieses...dieses
Prettschett dort herauszubekommen. Und ich werde erst gehen, wenn das Ding da
zerstört ist!", entgegnete ihm Smahug.
Kalessan sah auf.
"Oh? Na, wenn's weiter nichts ist...", sagte er und richtete einen
Finger auf die Kugel. Ein roter Feuerblitz schoss auf das Objekt zu - und verschwand
darin.
Eine Sekunde später begann sie innerlich in einem unheimlichen, blauen
Licht zu glühen.
Saurudalf schaute seine Schöpfung kurz an, richtete sich dann wieder an
die Drachen und sagte: "Das Prettschett ist nicht direkt eine Drachenvernichtungsmaschine,
wie ihr es so schön zu sagen pflegtet, meine lieben Echsen. Es ist mehr...ein
Gefäß, ein Behältnis für einen ganz besonderen Inhalt.
Ihr möchtet mehr über seine Funktionsweise erfahren, werter Smahug?
Es wird durch Drachenmagie aktiviert. Und es absorbiert genau diese Form der
Magie aus einem weiten Umkreis, der euch zehn hier ganz sicher mit einschließt.
Jetzt, in diesem Moment, in dieser Sekunde, wird euch gerade der Grundstein
eurer Macht genommen: Eure Magie! Und was sind Drachen ohne Magie, die dazu
noch in unbewaffneten Menschenkörpern stecken? Wehrlos...absolut wehrlos!
Insofern hattet ihr mit eurer Betitelung als Drachenvernichtungsmaschine schon
in gewisser Weise Recht..."
Während er sprach, gewann das blaue Licht im Innern der Kristallkugel an
Intensität und strahlte bald fast so hell wie eine künstliche Sonne.
Kalessan starrte das Ding nur ungläubig an und lachte dann auf: "Und
den Mist sollen wir euch glauben, Menschling? So etwas Dreistes habe ich wirklich
noch nie gesehen! Du vielleicht Smahug? Smahug?"
Smahug stand wie erstarrt neben ihm. Er war kalkweiß im Gesicht.
"Ich...fühle mich...so leer...", stöhnte er.
Als Kalessan sich umdrehte, sah er in den meisten Gesichtern der anderen Drachen
den gleichen, bleichen Ausdruck.
Als Magier war er bei weitem nicht so gut wie einige der anderen aus dem Rat
- aber es reichte immer noch aus, um den ein oder anderen nervenden Menschen
auch mal aus der Entfernung zu beseitigen...oder anscheinend, um ein Prettschett
zu aktivieren...
Doch auch er spürte es - beziehungsweise, er spürte es nicht mehr.
Es war, als ob ein Körperteil fehlen würde - mit dem Unterschied,
dass noch alles an ihm dran war.
Saurudalf streichelte über die hell strahlende Kugel neben ihm und begann
wieder zu reden: "Es war mir wirklich eine Freude, mit den zehn ehemals
mächtigsten Wesen dieser Welt sprechen zu können, doch ich denke,
ich werde diese Audienz jetzt beenden. WACHEN!"
Rechts und links neben dem Sessel wurden zwei nahezu unsichtbare Steintüren
aufgestoßen und an die 20 Soldaten der neuen Ausbildungsreihe "Schergen
des Bösen, TYP 4: Kanonenfutter für Helden'" kamen mit
gezogenen Schwertern in den Saal gestürmt, drängten die Drachen gegen
einen der Tische und umzingelten sie im Halbkreis.
"Noch einen letzten Wunsch?", fragte Saurudalf. Die Tradition verlangt
es halt so.
Kalessan dachte nach...die Situation stand schlecht.
Ziemlich übel sogar.
Aber da stimmte doch etwas nicht...
Er...konnte Saurudalfs stinkenden Schweiß riechen - aus dieser Entfernung.
Sein Geruchsinn war also immer noch so ausgeprägt wie vorher.
Ebenso sein Gehör.
Und wenn seine Sinne noch immer die eines Drachen waren, dann musste doch auch...
"Ja, lasst mich noch kurz etwas ausprobieren...", antwortete er und
drehte sich suchend um. Hinter ihm auf dem Tisch stand ein eiserner Kerzenleuchter.
Er nahm ihn und drehte ihn prüfend hin und her.
Dann begann er ihn zu verbiegen, als wäre es ein Stück billiger, dünner
Draht. Nach ein paar Sekunden hatte er aus dem Leuchter einen formvollendeten
Doppelknoten mit Schleifchen geformt - angesichts der geringen Größe
des Leuchters eine beachtliche Leistung.
Dann drehte er sich in einer blitzschnellen, flüssigen Bewegung zu der
nächsten Wache hin und schmetterte ihm das Teil gegen den Helm. Es ertönte
ein Ton, der in dieser Lautstärke sonst nur um 12 Uhr mittags von großen
Kirchtürmen erklingt. Kalessan sah noch einmal zufrieden auf seine improvisierte
Waffe.
"Hm, na wenigstens das funktioniert noch...", sagte er und schaute
auf, "Na dann, kampflos werde ich nicht..."
Vor ihm hingen 19 Schwerter und Schilde in der Luft, die sich gerade fragten,
was sie eigentlich dort oben hielt.
Sie fielen auf den Boden.
Man hörte noch schnelle Schritte.
Eine der Steintüren am anderen Ende des Saales wurde zugeschlagen.
Anscheinend war die Eigenschaft "Künstliche Intelligenz" der
neuen Soldaten noch ausbaubar...
Saurudalf starrte Kalessan wütend an.
Kalessan sagte zu ihm: "Pass auf, ich werde jetzt etwas machen, was ich
seit 1000 Jahren schon nicht mehr getan habe - ich werde es mal auf dem diplomatischen
Weg versuchen! Also: Gib du uns jetzt dieses Ding da und vielleicht werde ich
es nicht ganz so schmerzhaft machen!"
"IHR droht MIR? In eurer Situation? Meine Wachen mögen vielleicht
nicht ganz effektiv gewesen sein, aber ich weiß immer noch genau, was
mit Abschaum wie euch zu tun ist! Friss das, Drachengewürm!"
Er streckte seinen Arm aus und eine mächtige magische Entladung baute sich
zwischen dem Magier und Kalessan auf. Blitze umzuckten ihn und die anderen Drachen.
Nach ein paar Sekunden stoppte das magische Gewitter - und alles sah so aus,
wie vorher. Saurudalf starrte zuerst ungläubig an die Stelle, wo jetzt
eigentlich zehn Aschehäufchen liegen sollte, schaute danach wieder auf
seine Hand und wieder zurück zu den Drachen. Die am Boden liegende Wache
war jetzt nur noch ein Aschehäufchen. Mit dem Spruch stimmte also anscheinend
alles...
"Was...wie...warum?"
"Diese Immunität ist uns ebenfalls angeboren, lieber Saurudalf - studiert
eure Gegner ein wenig besser, dann kommt ihr das nächste Mal vielleicht
mit dem Leben davon! Wenn ihr unsere Magie schon als Machtquelle benutzen wollt,
wovon ich jetzt einfach mal ausgehe, dann solltet ihr auch erstmal ihre Grundzüge
und Mechanismen verstehen - ansonsten ist dieses Prettschett da für euch
nur ein hübscher kleiner Briefbeschwerer!"
Kalessan war über sich selbst erstaunt, dass er noch so viel über
draconische Magie wusste - es war ja nie sein Ding gewesen...
Saurudalf reckte sein Kinn vor: "Ach, ihr sagt eure Macht wäre nutzlos
für mich!? Das werden wir ja sehen! Ich habe viel Zeit und ihr seid immer
noch absolut wehrlos! Vielleicht ist dieses Schicksal sogar noch besser für
euch zehn - auf ewig dazu verdammt, ein Mensch zu sein! Ich wünsche euch
viel Spaß mit eurer neuen Existenz, AHAHAHAHAHAHAHA..."
Er holte eine kleine Kugel aus seinem Ärmel und warf sie auf den Boden.
Es gab einen kleinen Lichtblitz, purpurner Rauch stieg auf, der sich langsam
verzog.
Als die Sicht wieder klar wurde, waren Saurudalf und das Prettschett verschwunden.
"Oh nein! Kalessan, warum hast du ihn nicht aufgehalten?", schrie
Smahug auf einmal.
"Ach reg dich ab, Smahug! Den finden wir schon, den riecht man doch zehn
Meilen gegen den Wind! Außerdem, warum meldest du dich erst jetzt und
hast vorher nur blöd herum gestanden?"
"Hast du eigentlich eine Ahnung, was das eben gerade für ein Schock
für mich war? Hast du eine Ahnung, wie es ist, das mächtigste Wesen
auf dem Kontinent zu sein und seine gesamte Macht zu verlieren? HAST DU EIGENTLICH
AUCH NUR DIE SPUR EINER AHNUNG?"
"Nein, habe ich nicht. Aber ich habe jetzt eine Ahnung, wie es ist, im
Körper eines Menschen auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu sein!
Wir sollten jetzt erst einmal alle einen kühlen Kopf bewahren - besonders
du, oh großer Anführer! Dann suchen wir diesen Typen, holen uns unsere
Magie zurück und schon ist wieder alles in Ordnung, dann kannst du wieder
mit deinem Lieblingsspielzeug spielen!"
Beim letzten Satz starrte Smahug Kalessan mit einem Blick an, der beinahe den
berühmten Medusa-Effekt gehabt und ihn zu Stein verwandelt hätte.
"Er hat Recht, Smahug, wir sollten uns jetzt auf die Suche machen und diesen
Magier suchen gehen!", meldete sich jetzt einer der anderen zu Wort.
"Ihr habt ja Recht. Du, Kalessan, und du, Droca..."
"Neidhöcker!"
"...Neidhöcker...wir müssen jetzt alle einen kühlen Kopf
bewahren...aber...aber was ist, wenn er schon längst aus der Stadt heraus
ist und in einen Tempel in einem dunklen Sumpf, der dann auf einmal zusammen
mit dem Prettschett für immer versinkt, SODASS WIR ES NIE WIEDER FINDEN,
OH NEIN!" - die letzten Worte schrie er wieder.
"Solch ein Tempel kann gar nicht existieren, hier in der Umgebung gibt
es nämlich keinen Sumpf! Dazu müsste er viel zu weit reisen.",
sprach Morkulebus.
"Das stimmt aber nicht ganz, ein wenig weiter im Norden ist ein...",
wollte Droca ihm erwidern, wurde jedoch von Neidhöcker unterbrochen, der
ihn anstieß und ihm ins Ohr flüsterte: "Jetzt mach es bitte
nicht noch schlimmer, ja?"
"Ähhhm...nunja, was ich sagen wollte: Sein Hauptquartier muss hier
irgendwo in der Stadt sein! Einen Moment...ich glaube sogar, er hat in der örtlichen
Magierakademie einen Posten als Lehrkraft gehabt, vielleicht könnte man...sich
da mal erkundigen!?", sagte Droca.
Smahug erging sich noch immer in Trauer.
"Seht ihn euch an, unseren großen Anführer! Da ist er kurz davor,
zu weinen. Hat dir deine Mama nicht gesagt, das Drachen nicht weinen? Jetzt
komm endlich hoch und spiele deine Rolle als Anführer oder wir werden jemand
anderes für diese Rolle auswählen!", sagte Glaureng.
Smahug sah auf und die anderen Drachen fragend an. Diese nickten nur.
Dann sprach er: "Na schön, ihr habt ja Recht... Ähm, du sagtest
er hätte eine Stelle an der hiesigen Magierakademie? Nun gut...Morki, Kalessan,
ihr beide geht zu dieser Akademie und versucht, alles über diesen Saurudalf
herauszufinden! Wir anderen nehmen uns ein paar Zimmer in dieser Taverne hier
nebenan!"
"Du lässt Kalessan auf die Menschen hier los?", fragte Morkulebus.
"Dich auch, ja. Ihr werdet wahrscheinlich mit einigen Menschen etwas...direkter
reden müssen, um an die Informationen zu kommen, die wir brauchen - und
zum Direkt-Reden seid ihr beiden einfach mal die Besten!"
"Und warum können wir anderen nicht mit?" erkundigte sich eine
Männerstimme in einem Frauenkörper.
"Unter anderem wegen dir, außerdem...", setzte Smahug an, wurde
aber sogleich wieder von Tjamat unterbrochen: "Das ist Diskriminierung!
Nur weil ich wie eine Frau aussehe, möchte ich nicht wie eine behandelt
werden! Ich verlange sofortige Gleichberechtigung für..."
Smahug hob seine Stimme: "Außerdem wissen wir nicht, wer in dieser
Stadt von uns weiß. Und wenn da auf der Akademie lauter Schergen des Saurudalf
herumlaufen, wäre es vielleicht ein bisschen ungünstig, wenn wir alle
gemeinsam dort erscheinen, nicht wahr? Ich muss mich jetzt außerdem noch
erstmal ein wenig ausruhen..."
Tjamat murmelte noch was von "Frauenfeind" und gab dann Ruhe.
Der goldene Drache war nun wieder voll in Fahrt: "Na los, los, los! Woraus
wartet ihr noch?", gestikulierte er wild in Kalessans und Morkulebus' Richtung,
"Wir haben nicht viel Zeit! Jedes Jahr zählt!"
Drachen denken halt in ein klein wenig anderen zeitlichen Relationen als Menschen
es tun...
Ein
paar Minuten später schwammen Kalessan und Morkulebus erneut durch die
Straßen Neudorfs.
"Du bist dir auch sicher, dass das hier der richtige Weg ist, Morki?
"Weißt du was? Ich finde meinen Weg nach Hause immer! Nachts. Durch
einen überall gleich aussehenden Sumpf. Blind. Da wird es ja wohl nicht
sehr schwer sein, in einer Menschenstadt direkt auf das höchste Gebäude,
welches sich ein paar hundert Meter vor uns befindet, zuzuhalten!"
"Wollte ja nur auf Nummer sicher gehen..."
Sie schoben sich durch die vielen Menschenmassen in Richtung Magierakademie.
Die Magier konnten sich nur ein relativ kleines Grundstück kaufen, deswegen
ragte das Gebäude mehr in die Höhe als die Breite. Zumindest am unteren
Ende. Weiter oben, wo rechts und links keine Häuser mehr im Weg standen,
wurde die Akademie zu einer komplizierten Konstruktion, die an die hundert Meter
breit war und in diesem Stil weiter in die Höhe ragte, wo sie dann wieder
ein wenig dünner wurde - doch den Rest konnte man aufgrund der vielen Wolken
am Himmel nicht mehr erkennen.
Der Betrieb auf dem Platz vor dem Eingangstor war, wie überall sonst in
der Stadt, sehr heftig - mit dem Unterschied, dass sich hier mehr Leute mit
langen Bärten und spitzen Hüten tummelten als anderswo. Die Magier
zeigten sich dabei leider genauso originell in ihrer Farbwahl wie die Drachen.
"Na toll, die anderen hätten doch mitkommen können - die hier
sehen alle ja genauso aus wie wir!", sagte Morkulebus enttäuscht.
"Ich denke mal, das vorhin war nur eine Ausrede von Smahug mit dem Wir
fallen ja so schräckelich auf!'. Wir sind verdammt nochmal normaler als
diese verdammten Menschen! Aber hey - was soll's? Jetzt können wir den
ganzen Spaß für uns alleine haben!"
Kalessan grinste.
Morkulebus zuckte nur mit den Schultern und ging mit Kalessan zusammen in das
Gebäude hinein.
In der Eingangshalle...nun, von Eingangshalle konnte man nicht sprechen. Aufgrund
des eher kleinen quadratischen Grundrisses des Gebäudes musste man eher
von einer Eingangskammer reden. Der Großteil der Kammer war mit
Treppe verbaut, die gleich rechts neben der Eingangstür anfing und sich
eng an der Wand um den gesamten Raum herum nach oben schlängelte. Wenn
man den Kopf in den Nacken legte, sah man nichts als Treppe, die sich immer
weiter nach oben schlängelte, um schließlich weit oben in der Decke
zu verschwinden. Und andauernd gingen Männer mit Hüten und Bärten
die Treppen rauf und runter.
Ein Meter vor dem Eingangsportal stand ein kleiner Steintisch, hinter dem ein
jüngerer männlicher Mensch mit komischen roten Punkten im Gesicht
und einem seltsamen Drahtgestell mit zwei Gläsern auf der Nase saß.
Kalessan sah Morkulebus kurz an, ging dann auf den Tisch zu und schlug mit der
geballten Faust auf die Fläche, sodass ein lautes Knirschen erklang und
sich viele feine Risse bildeten. Der Mensch schaute immer wieder ungläubig
starrend zwischen Kalessan und dem Tisch hin und her. Er begann zu zittern.
Kalessan sagte im drohenden Tonfall: "So, Kleiner, du wirst uns jetzt sagen,
wo dieser Saurudalf ist oder ich denke mir für dich eine ganz besonders
schöne Todesart aus!"
"Wawawawawawawawawawawawawawawawa...", stammelte der Mensch.
"Ähm, Kalessan? Ich glaube, hier ist das direkte Reden' noch
nicht nötig!"
"Hm? Oh, schade... Also gut, Menschlein, verrate uns...ähm...bitte...sofort,
wo dieser Saurudalf...ähm...arbeitet!"
"Sasasasasasa..."
Kalessan zog eine Augenbraue hoch - in seiner draconischen Gestalt machte diese
Geste Menschen meistens extrem nervös. So nervös, dass sie versuchten,
sich für ihre bloße Existenz zu entschuldigen oder gleich anfingen,
um Gnade zu flehen. Meistens kamen sie nur bis: "Oh, bitte, bitte, tötet
mich niAAAHH!"
Doch auch so hatte seine Geste eine entsprechende Wirkung: "SaurudalfhatseinBüroim3.StockdieTrepperaufunddanngleichdiezweiteTürvonlinks!",
antwortete der Mensch nun im Zeitraffer.
Kalessan lächelte dem Menschen zu und zusammen mit Morkulebus ging er die
Treppe hinauf.
Nachdem die beiden ein paar Minuten lang nur Stufen gestiegen waren, fragte
Morkulebus: "Du, ich habe gehört, du hast letztens diesen einen roten
Heißspund beinahe zerfleischt! Was hat der dir denn getan? Er war doch
sicherlich nicht so blöd und hat versucht, in dein Revier einzudringen?"
"Nein, er wollte sich an meine Neffin ranmachen!"
"Du hast eine Neffin?"
"Ja, du nicht?", entgegnete Kalessan.
"Ich bin schon seit 1000 Jahren ohne Bruder oder Schwester, komm mir jetzt
bitte nicht damit! Was hat denn der Kleine genau gemacht?"
"Er hat ihr die Krallen massiert!"
"Bitte...was? Er hat ihr nur die Krallen massiert und du schlachtest ihn
fast ab?", fragte Morkulebus ungläubig, "Sie ist schließlich
nur deine Neffin!"
"Nur meine Neffin!", spie Kalessan aus, "Verwandtschaft ist Verwandtschaft!
Außerdem liegt nicht viel zwischen einer Krallenmassage und einem sexuellem
Anbaggerungsversuch!"
"Moment! Moment mal, stop! Ich weiß ja nicht, inwiefern meine und
deine Krallenmassagentechnik auseinandergehen, aber eine Krallenmassage und
ein sexueller Anbaggerungsversuch sind in meinen Augen alles andere als ein
und dasselbe!"
"Hast du schonmal jemandem eine Krallenmassage gegeben?", fragte Kalessan.
"Willst du mich verarschen? Natürlich hab ich schonmal jemandem eine
Krallenmassage gegeben, ich bin der verdammte Krallenmassagenmeister! Ich habe
die perfekte Technik für jede Krallensorte!"
"Würdest du auch...einem männlichen Drachen eine Krallenmassage
geben?"
Morkulebus blieb stehen und sah ihn an.
Dann sagte er: "Leck mich!"
"Ach komm schon!"
"Ich sagte Leck mich!"
"Pfft...in welchem Stock sind wir eigentlich?"
Nach einer weiteren Minute Treppensteigen erreichten sie die Decke. In ihr war
ein großes Loch. Die Treppe führte durch dieses Loch auf einen nach
rechts und links langführenden Korridor. Auf der Wand gegenüber war
eine große Eins gemalt. Daneben begann eine weitere Treppe.
Kalessan und Morkulebus sahen sich an, seufzten und machten sich auf den Weg.
Zum Glück lagen die nächsten Stockwerke direkt übereinander -
wenige Sekunden später standen sie also vor der Tür von Saurudalf
Büro. Sie war klein, unscheinbar und aus Holz. Rechts neben der Tür
hing eine kleine Plakette an der Wand. Darauf stand geschrieben: "Saurudalf
Roklem, Doktor der Thaumaturgie"
"Hier arbeitet der Mistkerl also!", sagte Kalessan, "Na dann,
lass uns anfangen!"
"Einen Moment noch, wie spät ist es denn?"
"Was?"
"Oh, vergiss es!"
Sie traten gleichzeitig auf die Tür ein, was einmal mehr zur Folge hatte,
dass diese mehrere Meter weit in den Raum gesprengt wurde und gegen die hintere
Wand des Zimmers geschleudert wurde, wo sie in mehrere Stücke zerbarst.
Als die beiden Drachen den Raum betraten, sahen sie einen großen, schweren
Holztisch, der im linken Teil des Zimmers stand. Wie es bei diesen Einrichtungsgegenständen
üblich war, lagen große Stapel von Papier darauf, sowie ein Tintenfass
und eine Feder, sowie zwei Kerzenständer aus massivem Eisen.
Nach ein paar Sekunden erhob sich ängstlich ein eher seltsames Exemplar
der Spezies Mensch hinter dem Tisch.
Sein Gesicht bestand mehr aus braunem Bart als aus Gesicht und seine gleichfarbigen
Haare fielen bis auf die Schultern. Mit einer Mischung aus Erstaunen, Furcht,
Ärger und Verwirrung sah er die beiden Drachen an, die den Raum jetzt betraten
und auf ihn zu gingen.
Morkulebus begann, sich die vielen Bilder und Zeichnungen an den Wänden
anzuschauen, während Kalessan direkt zum Tisch ging und sich mit den Händen
darauf abstützte.
"Hallo, wir möchten mit Saurudalf reden! Aber lass mich raten: Er
ist gerade nicht zu sprechen?"
Der Mensch sah ihn weiterhin verwirrt an.
"Dacht ich's mir doch!"
Kalessans Blick fiel auf einen kleinen Teller, der auf dem Tisch lag. Auf dem
Teller wiederum lagen zwei Hälften dieser Dinger, die von den Menschen
immer "Brötchen" genannt wurden, aufeinander. Zwischen ihnen
steckte eine dicke Scheibe Fleisch und noch ein paar weitere, undefinierbare
Dinge.
"Oh, was zu essen! Ich darf doch?", sagte er. Ohne eine Antwort abzuwarten,
nahm er das seltsame Brötchen und biss einmal herzhaft hinein.
"Hm, das ist gut...wirklich gut - wie nennt ihr Menschen das?", fragte
Kalessan mit vollem Mund.
Der Mensch starrte ihn nur weiter fassungslos an, brachte aber irgendwie "...ein...ein
Börger..." als Antwort hervor.
"Oh, ein Bürger? Aus dieser Stadt?"
"...ich...denke schon..."
"Jetzt seid ihr Menschen also auch unter die Kannibalen gegangen... Morki,
hast du schonmal einen Bürger aus Neudorf gefressen?"
"Nein!"
"Ihr schmeckt verdammt gut, hat euch das schonmal jemand gesagt?",
wandte sich Kalessan wieder an den Menschen.
Dieser schien wieder langsam zu Bewusstsein zu kommen: "Hört mal,
was wollt ihr von mir?"
Kalessan biss nochmals in den Börger.
"Wir möchten wissen, wo sich Saurudalf momentan aufhält. Und
du tätest besser daran, es uns jetzt gleich zu sagen...", sagte er
dann mit einem freundlichen Lächeln - das brachte die Leute immer aus dem
Konzept.
"Ich bin nur sein Sekretär! Woher soll ich wissen, wo er sich gerade
befindet? Wisst ihr, Herr Saurudalf ist ein vielbeschäftigter Mann und..."
"Ich habe mich vielleicht nicht ganz klar ausgedrückt...vielleicht
hilft dir das hier auf die Sprünge?"
Er nahm einen der eisernen Kerzenhalter und brach ihn in der Mitte durch.
Die Augen des Menschen weiteten sich wieder.
"Da...dada...dadadas war massives Eisen, sowas kann man nicht einfach verbiegen...geschweige
denn zerbrechen! Was zur Hölle seid ihr eigentlich?"
"Wenn ich dir jetzt erzählen würde, wir beide wären Drachen,
die in Menschenkörpern stecken und nicht mehr hinaus kommen, würdest
du mir dann glauben, Menschlein?", lächelte ihn Kalessan an.
"Nun, wir leben in einer Welt der Magie, hier ist alles möglich und...ihr
seid wirklich Drachen?"
"Können sich Tausende von Toten irren?", entgegnete Kalessan
lächelnd.
Morkulebus gesellte sich wieder neben Kalessan.
"Du, irgendwas sagt mir, dass wir hier nichts Neues herausbekommen. Lass
uns gehen!"
Auf einmal wurde eine Tür in der Wand hinter ihnen aufgestoßen. Heraus
kam ein Mensch, der es in der Größe schon fast mit Kalessans Menschengestalt
aufnehmen konnte. Er hatte einen kurzen Stab in der Hand, den er mit beiden
Händen festhielt. Der Mann schrie: "VERRECKT, IHR DRACONISCHEN MISTKELRE,
VERRECKT!"
Dann begann er, unter lautem Getöse mehrere Energieladungen aus dem Stab
auf Kalessan und Morkulebus abzufeuern. Irgendwann machte der Stab nur noch
*puffpuff*.
Der Mann rannte los, aus der Tür hinaus auf den Korridor und war verschwunden.
Die beiden Drachen starrten sich zunächst selbst und dann einander mehrere
Sekunden lang an.
"Wer zur Hölle war das?", fragte Kalessan.
"Das war Ivel, einer von Saurudalfs engeren Mitarbeitern.", antwortete
der bärtige Mensch hinter dem Tisch.
Kalessan und Morkulebus sahen sich nochmals an. Dann rannten auch sie los, dem
Mann hinterher.
"Hey, so wartet doch, oh mächtige Drachen!", hörten sie
den Menschen noch rufen, als sie auf die Treppe stürmten und dem Flüchtenden
hinterher hetzten.
Sie rannten, rammten und stießen sich durch regelrechte Horden von Magiern
die Treppe nach unten. Ivel konnte nicht weit von ihnen entfernt sein, da die
einzelnen Magier, die sie beiseite stießen noch immer einen sehr frisch
empörten Gesichtsausdruck trugen.
Nach einigen Minuten kamen sie unten an, rannten durch das geöffnete Portal
hindurch auf den Platz davor - und sahen sich Ivel gegenüber, der zwei
Armbrüste auf sie richtete.
"So lässt es sich doch gleich viel besser zielen! Absolut freies Schussfeld,
keine Möglichkeit mehr für euch, euch zu verstecken und keiner hier
kümmert sich um unseren kleinen Disput! So macht mir die Sache Spaß!"
Und wirklich, die Leute ringsum gingen alle weiter ihren Tätigkeiten nach,
als würde nichts besonderes geschehen. Entweder gehörte eine Aktion
wie diese hier zur Tagesordnung oder die Ignoranz der Menschen ging weiter,
als die Drachen gedacht hatten...
Ivel sprach weiter: "Nun gut, Schlangenbrut - oh, das reimt sich ja, hihihi
- wo ist denn der Rest von euch? Saurudalf sprach von zehn Drachen in Menschenkostümen,
nicht von zwei!"
Kalessan verdrehte entnervt die Augen und sah dabei plötzlich, wie weit
über ihm im Licht der untergehenden Sonne etwas kurz aufblitzte.
Morkulebus antwortete Ivel: "Bist du wirklich so dumm und denkst, wir würden
dir verraten, wo die anderen sind?"
"Ich töte euch so oder so, da könnt ihr es mir genauso gut auch
verraten!"
"Moment...das macht doch überhaupt keinen Sinn!", entgegnete
Morkulebus.
Kalessan fragte sich gerade, ob er sich in dem kurzen Aufblitzen getäuscht
hatte, als es noch einmal geschah. Er sagte: "Sie befinden sich momentan
in der Taverne Rumstehender Esel' und haben sich dort Zimmer gemietet."
Morkulebus flüsterte ihm entrüstet zu: "Kalessan, was soll das?
Willst du die anderen auch noch gefährden!?"
"Gefährden? Denkst du, diese kleinen Splitter da können einen
Drachen verletzen?"
"Bitte vergiss nicht, dass wir momentan vielmehr Menschen sind als Drachen!"
Das Aufblitzen wiederholte sich. Es war schon deutlich näher gekommen und
wiederholte sich jetzt immer wieder in regelmäßigen, kurzen Abständen.
Ivel hatte das ständige Nach-Oben-Sehen Kalessans bemerkt. Er sprach: "Ich...kenne
diesen Trick... Doch andererseits...andererseits könnte da oben ja auch
wirklich etwas sein... Ich werde es mir besser ansehen. Doch damit ihr mich
nicht einfach so überwältigen könnt, werde ich dazu einen Schritt
zurücktreten."
Er machte einen Schritt rückwärts und legte den Kopf leicht in den
Nacken.
Kalessan lächelte.
Das folgende Geräusch konnte er dank seines exzellenten Gehörs nun
in seiner "klanglichen Reinheit", wie er es nennen würde, voll
genießen:
Wupwupwupwupwupwupflatschpling
Ivel kippte zur Seite. Blut strömte aus einer kleinen Wunde
in seiner Stirn und in seinem Nacken. Unter ihm lag ein kleines, rot gefärbtes
Geldstück. Kalessan hob es auf, schnippte es in die Luft und fing es spielerisch
wieder auf - Drachen lassen nunmal keine einzige Möglichkeit aus, ihren
Hort zu erweitern.
Eine Stimme aus der Menge kam: "Hat wohl wieder jemand das Münzwerfverbot
auf der Spitze des Turms missachtet..."
Eine junge Frau, die das Geschehen beobachtet hatte, rief mit fassungsloser
Stimme: "Diese...diese Münze hat gerade einen Menschen umgebracht...und
ihr hebt sie noch auf? Das bringt doch Unglück! Sie ist ja noch ganz vom
Blut dieses armen Mannes besudelt!"
Kalessan sah die Münze an, die ihre rote Farbe tatsächlich nur vom
Blut Ivels zu haben schien - und stecke sie sich in den Mund. Er lutschte ein
paar Sekunden darauf herum und spuckte sie wieder aus. Hervor kam ein Goldtaler
- die Studenten hier hatten für ihre Streiche anscheinend ein recht großes
Budget...
Kalessan sagte: "Jetzt ist sie sauber!"
Die Frau fiel in Ohnmacht.
Während sich die ersten Menschen daran machten, den toten Körper nach
Wertsachen zu durchsuchen, machten Kalessan und Morkulebus sich wieder auf den
Weg zurück zur Taverne. Plötzlich ertönte hinter ihnen eine Stimme:
"So wartet doch, edle Drachen, ich möchte euch begleiten!"
Es war der bärtige Mann von oben.
Kalessan rollte mit den Augen und drehte sich um: "Jetzt hör mal...ähm..."
"Oh, verzeiht, edle Drachen, ich vergaß, mich vorzustellen.",
er neigte sein Haupt, "Mein Name ist Karlmax."
"Nun gut...Karlmax...ich schlage dir vor, du haust jetzt besser ab, ansonsten
erleidest du garantiert dasselbe Schicksal wie dein Kollege da hinten - nur
wird es diesmal kein Zufall sein und durch echte Handarbeit geschehen."
Kalessan hielt ihm die Münze vor sein Gesicht.
"Er war nicht mein Kollege - ich konnte ihn eh nicht leiden!"
"Schön für dich - und jetzt: Verpiss dich!"
"Ähm, wa...was? Wie? Äh...wie soll ich mich verpissen, oh edler
Drache?"
"Ach, vergiss es...hau einfach ab, ja?"
"Einen Moment! Ihr wollt doch meinen Meister Saurudalf finden, nicht wahr?
Ich...kann euch vielleicht doch sagen, wo er sich aufhält!"
Eine
halbe Stunde später standen sie vor der Taverne.
"Oh, ich kann es noch immer nicht glauben, ich werde gleich die mächtigsten
Geschöpfe dieser Welt treffen!", rief Karlmax freudig aus.
"Die hast du schon getroffen, Menschlein. Gleich siehst du nur den Rest
von ihnen.", erwiderte Kalessan.
"Setzt du dich jetzt also schon auf eine Stufe mit Smahug?", fragte
Morkulebus.
"Nein - ich stelle mich über ihn. Ohne seine Magie ist er schließlich
nur ein desillusioniertes Häufchen Elend, du hast ihn doch gesehen. Er
hat sich die ganze Zeit immer an seine Magie geklammert, seine gesamte Macht,
sein Eigen, sein Schatzzz. Smahug benutzte die Magie, um sich sein gesamtes
Leben zu vereinfachen. Ich würde mal gerne wissen, ob er ohne seine Magie
überhaupt noch Jagen gehen und überleben könnte. Und dann sein
ständiger Kontakt zu den Menschen!", schnaubte Kalessan verächtlich,
"Er hat es schon immer gebraucht, seinen ach so reichen Wissensfundus diesen
Wichten mitzuteilen und so seine ach so überlegene' Intelligenz zum
Ausdruck zu bringen. Ich sage dir, der ständige Kontakt zu den Menschen
hat ihn verweichlicht, ihn von dem abgewandt, was ein Drache eigentlich sein
sollte...hörst du mir eigentlich zu, Morki?"
"Nein."
"Dann lass uns rein gehen!"
Als die beiden Drachen sich in dem Raum umsahen, konnten sie nur Adorelon entdecken,
der am Tresen auf sie wartete - von den anderen war keine Spur zu sehen. Der
Schankraum war anscheinend noch ziemlich leer, er würde sich jedoch aufgrund
der fortgeschrittenen Tageszeit wahrscheinlich schon bald mit Besuchern füllen.
"Wo sind die anderen?", fragte Kalessan.
"Nachdem sie ein paar Minuten lang mit sich alleine waren, haben sie allesamt
einen extremen Stimmungseinbruch bekommen und hocken nun auf ihren Zimmern herum.
Smahug ist da noch am schlimmsten - mit dem kann man kaum mehr reden! Ich sehe
die Sache nicht so wild, dass wird schon alles werden...", antwortete Adorelon.
"Entschuldigt!", meldete sich Karlmax zu Wort, "Seid ihr auch
ein Drache?"
Adorelon sah ihn schief an.
"Wo habt ihr denn den aufgetrieben? Im Gefängnis? Bei dem Bart hat
der doch sicher 50 Jahre gesessen!"
"Bart?", erkundigte sich Morkulebus.
"Das haarige Ding da im Gesicht."
"Oh! Nein, der arbeitet für Saurudalf und sagte er könne uns
zu dessen Versteck führen. Ich hoffe für dich, dass das auch stimmt,
Kleiner! Wie dem auch sei, würdest du bitte so freundlich sein und die
anderen holen, damit wir weitermachen können, Adorelon?", sagte Kalessan.
"Nein, ich denke wir sollten diese Nacht noch hier verbringen - die Dunkelheit
bricht gerade herein, da wären wir auf der Straße zu auffällig.
Außerdem sind mir die anderen noch nicht bereit dazu, wir sollten sie
eine Nacht lang ausruhen lassen, dann geht es ihnen bestimmt besser.",
erwiderte Adorelon.
"Weißt du was? Es ist mir egal, was du denkst - ich möchte aus
diesem Körper heraus!"
"Smahug ist nicht in der Verfassung dazu, Befehle zu erteilen, deswegen
muss jemand anders diesen Posten übernehmen."
Kalessan starrte ihn hasserfüllt an.
"Und du bist natürlich geradezu prädestiniert dafür, nicht
wahr? Was nimmst du dir eigentlich das Recht heraus, hier den großen Anführer
spielen zu dürfen?"
"Ich bin nach Smahug immerhin der Älteste vor dir, Kalessan!"
"Oh ja, um gigantische 134 Jahre Unterschied, oh Ältester und damit
natürlich auch Weisester unserer Rasse!", giftete ihn Kalessan an.
"So verlangt es die Tradition - wenn es dir nicht passt, kannst du nachher
gerne bei Smahug Beschwerde einreichen!"
Kalessan starre ihn weiterhin wütend an, drehte sich nach einigen Sekunden
um und wollte die Treppe hochstürmen, prallte dabei jedoch mit Karlmax
zusammen, der immer noch hinter ihm stand.
"Verzeiht, oh Drache, aber ich hätte da noch einige Fragen an euch...",
sagte dieser, wurde aber gleich von Kalessan unterbrochen: "Und du, Kleiner,
du hörst mir jetzt mal genau zu! Ich kann Menschen generell schon nicht
ausstehen. Menschen, die mich nerven, sind noch viel schlimmer dran - weißt
du, was ich mit allen Menschen, die mich jemals nervten, gemacht habe?"
"Ähm...nein?"
"Die meisten habe ich bei lebendigem Leibe verschlungen, den Rest auf andere
Art und Weise getötet. Doch ich kann dir versichern: Es war immer qualvoll
und langsam. Was ich dir damit sagen will, ist folgendes: Wenn du mir noch einmal,
nur noch ein einziges Mal auf die Nerven gehst, wird dein Schicksal nicht sehr
anders aussehen. Und es ist mir egal, was andere ach so autoritäre Drachen
sagen - verstanden?"
Ohne ein weiteres Wort stürmte Kalessan die Treppe hoch und auf das für
ihn gemietete Zimmer.
Karlmax sah ihm nur verwirrt nach. Dann sagte er: "Er kann Menschen nicht
besonders gut leiden oder?"
Adorelon antwortete ihm: "Stimmt, um nicht zu sagen: Er verachtet euch
alle aus tiefstem Herzen. Und er ist in dieser Beziehung sehr konsequent."
"Aber warum?"
"Warum? Nun, vielleicht weil ihr euch wie eine Seuche über die gesamte
Welt ausbreitet, die Wälder abholzt, mit Dingen rumspielt, die ihr nicht
versteht, nichts anderes zu tun habt, als Kriege zu führen und liebend
gerne Drachen tötet!?"
"Oh..."
"Vielleicht kann er euch aber auch deswegen nicht leiden, weil es nicht
besonders günstig ist, wenn man die Angewohnheit hat, sich andauernd mit
seinem Hauptnahrungsmittel anzufreunden!?"
"Oh..."
"Hm, vielleicht aber auch deswegen, weil Menschen einst seine gesamte Familie
und fast auch ihn selbst umbrachten?"
"Oh...bitte, was?"
"Da war er schon im heranwachsenden Alter und hatte seine große Liebe
gefunden...ich weiß jetzt nicht mehr, wie sie hieß. Auf jeden Fall
kamen die Drachentöter in die Höhle, als Kalessan gerade weg war und
seine Angebetete schlief. Die Menschen brachten sie um und zerstörten danach
die Eier. Kalessan fand sie gerade, als sie sich an seinem Hort gütlich
taten. Er ist vollkommen ausgerastet. Hat sie alle an Bäume gefesselt und
dann jeden Einzelnen vor den Augen der anderen fünf Tage lang gefoltert...so
erzählt man sich. Damals nannte man ihn auch noch Stormblazer - frag mich
bitte nicht, warum!"
"Oh...das tut mir leid für ihn!"
"Sag es ihm doch, er interpretiert das wahrscheinlich nur als 'nerven'
und macht seine Drohung wahr...wie gesagt, er ist sehr konsequent."
Zwei
Stunden später hielt sich nahezu die halbe Stadt im Schankraum des "Rumstehenden
Esels" auf. Die anderen Drachen waren nun auch alle aus ihren Zimmern gekrochen,
mischten sich unter die Menschen und versuchten, sich die Zeit zu vertreiben.
Karlmax saß zusammen mit dem immer noch traurig dreinblickenden Smahug
am Tresen und trank ein alkoholhaltiges Getränk nach dem anderen, wobei
er dem Drachen einige seiner äußerst interessanten Theorien erläuterte:
"Also, passu auf! Da isch die Bu...die Bur...die Burschwasie oder so, dassin
die Leute, die die ganze Knede ham. Un dann isch da dasch Pro...dasch Prole...Proledingschbumsch
un...undie ham alle keine Knede. Verstehschtu? Und irjenwann, wenn die Pro...die
Prole...diese armen Schweinsens die Schnause voll ham, dann kommendie so an
un machen die jesamde Burschwodingsch feddisch...verschtehst?"
Er hatte in Smahug einen geduldigen, jedoch teilnahmslosen Zuhörer...
In zwei verschiedenen Ecken des Schankraumes saßen Adorelon und Kalessan,
jeder zusammen mit je einer menschlichen Frau. Während Adorelon seine Schwäche
für menschliche Frauen zeigte und eher offen mit seinem Mädchen plauderte
und auch ein wenig flirtete, sagte Kalessan zu seiner Frau nur Dinge wie "Oh
wie gerne würde ich jetzt mit dir in eine dunkle Gasse gehen und dich vernaschen!",
worauf diese nur dämlich kichern konnte, unwissend darüber, dass ihr
Gegenüber das Gesagte vollkommen wörtlich meinte.
Neidhöcker saß an einem Tisch, an dem gerade ein Wettkampf im Armdrücken
lief und wo er durch seine außergewöhnlichen Kräfte schon bald
als Champion des Abends galt und die Wetten für ihn mit einer Gewinnspanne
von 1:1.0001 liefen.
Droca sah sich schon bald von einer großen Horde Menschen umzingelt, die
alle wollten, dass er ihnen seinen Namen auf ihre mitgebrachten Papierfetzen,
Bilder, Taschen oder Körper schrieb.
Ganz anderen Problemen gegenüber sahen sich die "Frauen" des
Rates. Während Tjamat zwar immer wieder von menschlichen Männern aufgrund
ihrer Schönheit angesprochen wurde, war nach dem ersten Wortwechsel sofort
Schluss mit dem Flirten - die meisten Männer liefen würgend und mit
der Hand vorm Mund hinaus.
Schneeweißchen wurde jedoch penetranterweise von einem Menschen traktiert,
der andauernd versuchte, mit ihr ein Gespräch anzufangen. Nun sei erwähnt,
dass Schneeweißchen zwar die menschliche Sprache beherrschte, sie aber
nie anwendete. In den kalten Nordlanden, aus denen sie kam, war es fast nie
nötig, Menschlich zu sprechen. Die Menschen die sie dort traf, waren entweder
tiefgefroren oder wollten sie töten - beides keine gute Grundlage, um eine
gepflegte Konversation zu betreiben... Mal ganz davon abgesehen, dass Schneeweißchen
viel zu stolz war, diese "niedere" Sprache zu sprechen.
Irgendwann setzte sich dieser Mensch jedenfalls neben sie und begann, sie damit
zuzusülzen, wie "bezaubernd" sie doch sei, wie "atemberaubend"
ihre Schönheit und wie "grazil" ihre Gesichtszüge, dass
er noch nie so eine "elfengleiche, perfekte" Frau gesehen habe und
wie gerne er sie doch kennen lernen würde. Ihr Schweigen interpretierte
er als angeborene Stummheit und ihre Geduld als offenes Interesse für ihn.
Nach einiger Zeit riss jedoch selbst Schneeweißchens draconischer Geduldsfaden.
Sie nahm Hans und schleuderte ihn ohne große Anstrengung durch die halbe
Taverne an die gegenüberliegende Wand. Seine Reaktion darauf war nur: "Eine
wunderschöne Frau, die auch noch stark wie ein Bär ist...genau mein
Fall!"
Keine solchen Probleme hatte Glaureng. Sein Gestank manifestierte sich bereits
als grünliche Wolke, die über seinem Tisch schwebte und jeden, der
nicht selbstmordgefährdet war, auf großem Abstand hielt.
Bleiben noch Morkulebus und Vasdendas. Die beiden befanden sich gerade in einer
Konversation. Morkulebus sagte: "Ich kenne dich jetzt schon seit 1348 Jahren
und verstehe immer noch nicht, warum du dir als Drache eine pazifistisch-vegetarische
Grundhaltung zugelegt hast. Ich könnte mich keine zwei Tage nur von Pflanzen
und Wurzeln ernähren!"
"Weißt du was? Ich verstehe euch alle nicht, wie ihr
all diese Geschöpfe der Natur so sinnlos und brutal abschlachten könnt,
um dann ihre Eingeweide raus zu reißen und diese dann noch zu essen!
Das ist doch widerlich, abartig!"
"Ich find's eher...lecker! Komm schon, du hast es doch noch nie ausprobiert!"
"Werde ich auch nie. Stell dir nur mal vor: Du bist ein Mensch, der sagen
wir 30 Jahre lang glücklich und zufrieden vor sich hin lebt, was für
ihn ja schon eine recht lange Zeit ist. Eines Tages geht er dann vielleicht
nichts Böses wollend in den Wald, um Blümchen zu pflücken oder
sich an Mutter Natur zu erfreuen und auf einmal kommt dann so ein daher geflogener
schwarzer Drache an und beendet sein Leben mit einem Handstreich. Wie würdest
du es finden, wenn dir jetzt jemand einfach so dein Lebenslicht ausblasen würde
und du nichts dagegen tun könntest?"
"So ist der Lauf der Dinge! Doch lassen wir das, hier kommen wir eh zu
keinem Ergebnis...was mich viel mehr interessiert, ist, wie du bis zum heutigen
Tag überleben konntest, ohne irgendeinem Lebewesen Schaden zuzufügen.
Die Drachentöter werden dich kaum verschont haben, nur weil alle wissen,
wie friedlich und unbeschwert du vor dich hin lebst..."
"Ich habe mich magisch schon sehr früh selbst ausbilden lassen. Ich
habe es sogar geschafft, meine Höhle so zu tarnen, dass nur ein Minimum
an Drachentötern sie je gefunden hat und eindringen konnte!"
"Und was hast du mit denen gemacht?", fragte Morkulebus.
"Nun, zuerst habe ich sie immer freundlich zum Essen eingeladen..."
"Hat es denn geklappt?"
"Nun...nein, sie haben meine Einladung immer missverstanden."
"Und was hast du stattdessen gemacht?"
"Dann bin ich immer schnell geflohen und habe mir eine neue Höhle
gesucht...", antwortete Vasdendas mit gesenktem Haupt.
Morkulebus schüttelte nur noch den Kopf.
Diese Diskussion und die anderen Aktivitäten der Drachen zogen sich jedenfalls
noch den gesamten Abend hin, bis der Rat nach und nach beschloss, zu Bett zu
gehen.
Als
Kalessan am nächsten Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er
sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem
Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen flachen und mit
weicher, fleischfarbener Haut bedeckten Bauch, auf dem die Bettdecke unordentlich
ausgebreitet war. Seine wenigen, im Vergleich zu seinem eigentlichen Körper
kläglich dünnen Beine und Arme flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
Kalessan schrie.
Er war jedoch ein wenig enttäuscht, als sich seiner Kehle nur lächerliche
60 Dezibel entrangen.
Wenige Sekunden später kamen die anderen Ratsmitglieder in den Raum hinein
gestürmt, Smahug an der Spitze.
Er rief: "Was? Was ist los? Was ist passiert?"
Die anderen schauten nur hinter Smahugs Rücken hervor und Kalessan neugierig
an.
"Ich..ähm...ach nichts, ich dachte beim Aufwachen, ich hätte
alles nur geträumt - aber wie du siehst, hat sich relativ wenig verändert...
Wenigstens scheinst du wieder bei Verstand zu sein!"
Smahug runzelte: "War ich das etwa irgendwann nicht?"
"Vor wenigen Stunden das letzte Mal."
"Oh...daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern...", antwortete
er mit auf einmal seltsam verträumter Stimme.
"Sag mal, Smahug, geht es dir irgendwie...nicht gut? Hat dich der Schock
vielleicht doch schwerer getroffen?"
Wieder mit verträumter Stimme und abwesendem Blick, antwortete er: "Welcher
Schock?"
"Deine Magie - deine verlorene Magie. Du hast gestern den ganzen Abend
über den Verlust deiner ach so kostbaren draconischen Magie getrauert!"
Smahug schien irgendwie müde. Mit entsprechender Stimme antwortete er:
"Magie...? Draconisch...? Was meinst du mit draconisch'?"
Kalessan runzelte die Stirn.
Dann fragte er: "Welcher Spezies gehörst du an, Smahug?"
"Ich...ich weiß nicht. Ich meine zu wissen, ein Mensch zu sein...doch...doch
war da nicht noch was anderes?"
"Na toll, jetzt ist er völlig durchgeknallt!", spie Kalessan
aus, "Na, was sagst du dazu, Adorelon, oh der du unser neuer Anführer
bist?"
Dieser sah jedoch keine Spur besser aus als Smahug. Mit gleicher, abwesender
Stimme antwortete er: "Ja, Mama!"
Als Kalessan sich die anderen Drachen betrachtete, sah er überall den langsam
völlig verträumt werdenden Gesichtsausdruck - von der Neugierde, die
vor ein paar Sekunden noch in die Gesichter seiner Kollegen geschrieben stand,
war nun nichts mehr zu erkennen. Jetzt hatten sie eine Mimik, die man eigentlich
nur bekommt, wenn man sehr viel verbotenes Zeug geraucht hat.
"SEID IHR DENN JETZT ALLE WAHNSINNIG GEWORDEN?", schrie Kalessan,
sprang aus dem Bett, nahm Smahug und presste ihn gegen die Wand.
"Was bist du?"
"Ich...bin ein Mensch, genau wie d..."
Kalessan schüttelte ihn.
"Falsche Antwort!"
Da kam ihm eine Idee. Er zog ein Goldstück aus Smahugs Robe.
"Erinnerst du dich an das hier? Du hattest mal Tonnen davon, so viel, dass
du darin baden konntest! Du hättest diese ganze verdammte Stadt kaufen
können und wärest noch immer der Reichste von uns gewesen!"
Dazu bewegte er das Goldstück vor Smahugs Nase hin und her. Dessen Blick
klärte sich langsam auf. Schließlich sagte Smahug "Ich...erinnere...mich..."
und lächelte ihn an. Dann wurde er sich seiner Situation schlagartig wieder
bewusst. Er vergrub seine Hände im Gesicht und heulte: "Und ich kann
nie mehr zurück zu meinem schönen Schatz! Und...UND ZU MEINER MAGIE!"
"Oh nein...jetzt fang bitte nicht wieder damit an!", sagte
Kalessan - ohne Erfolg.
Die anderen Drachen standen nur im Raum herum und starrten sie verständnislos-verträumt
an.
"Was glotzt ihr alle so? Jetzt bringt dieses Weichei hier raus und lasst
mich alleine...ich muss nachdenken!"
Wenigstens konnten sie noch seine Befehle ausführen - und taten es sogar.
Doch was brachte es, wenn man eine Horde von Idioten als Untertanen hatte? Als
die Drachen aus dem Raum verschwunden waren, erschien Karlmax in der Tür.
Kalessan sagte finster: "Was zur Hölle ist hier eigentlich los?"
Der Magier antwortete: "Nun, es fing an, kurz nachdem ihr auf euer Zimmer
gegangen seid. Die anderen blieben noch ein bisschen unten, doch als ich mich
mit ihnen unterhielt, wurden sie immer abwesender. Sie vergessen, wer sie sind...oder
besse - was sie sind. Und es wird immer schlimmer."
"Aber warum? Einige von ihnen sind früher schon tagelang in ihrer
menschlichen Form gewesen...Adorelon sogar ein paar Jahre, als er die Beziehung
zu dieser Bauerntochter hatte..."
"Nun, ich habe mir in der Nacht Gedanken darüber gemacht und bin zu
dem Schluss gekommen, dass das physische Erscheinungsbild in dem sie sich momentan
befinden, sich ihres Geistes bemächtigt und...ach verdammt, ich hatte doch
so einen Merksatz dafür. Ah, genau, passt auf, ich habe ihn: Das
Schwein bestimmt das Bewusstsein...' Moment...nein...nein, das war es nicht..."
Er sah auf.
Kalessans Blick, mit dem dieser zurück starrte, sagte: "Du wirst das
jetzt noch einmal so wiederholen, dass ich es auch verstehe, ansonsten passiert
etwas sehr, sehr schlimmes!"
"Nun, ähm...ihr müsst verstehen: Eure Magie ist eure Essenz.
Die Magie ist das, was euch als Drachen kennzeichnet, wenn ihr euch in euren
menschlichen Körpern befindet. Jetzt, wo euch eure Magie fehlt, unterscheidet
ihr euch nicht von anderen Menschen. Deswegen beginnt ihr, welche zu werden...",
er stockte und begann nachzugrübeln, "Hm...oder war es Das Bein
bestimmt das Bewusstsein'?"
"Wenn die anderen langsam zu Menschen werden - was ist dann mit mir? Ich
weiß, dass ich ein Drache war...bin."
"Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke es liegt daran, dass ihr meine
Spezies noch nie...so gut leiden konntet. Deswegen weigert sich euer Verstand
hartnäckig, den Glauben anzunehmen, ihr wäret der von euch selbst
erwählte größte Feind...(hmmm, Die Pein...'?)...ähm...aber
ich bin auch fest davon überzeugt, dass ihr euch der Verwandlung nicht
sehr viel länger entziehen könnt...(Der Leim...'?)"
"Und wieviel Zeit habe ich noch?"
"Ich weiß es nicht. Vielleicht noch ein paar Stunden...(Der
Hain...'?)"
"Oh verdammt! Also gut, du weißt wo Saurudalfs Versteck ist. Wie
schnell kannst du uns dort hinführen?"
Karlmax' antwortete abwesend: "Jaja...(Herr Klein...'?)"
Kalessan nahm ihn an der Kehle und hob ihn auf eine Höhe mit seinen Augen.
"Hör mal zu: Du wirst jetzt aufhören über diesen dämlichen
Merksatz nachzudenken. Du wirst mich und meine Kollegen jetzt zu Saurudalfs
Versteck führen. Du hast eine Stunde Zeit. Ansonsten wird die letzte Handlung
meiner draconischen Existenz noch einmal meine Lieblingsbeschäftigung sein
- das Ausblasen von menschlichen Lebenslichtern auf extrem brutale und unangenehme
Art und Weise."
Karlmax wand sich in Kalessans stählernem Griff und röchelte.
Kalessan ließ ihn fallen, beugte sich über ihn und fragte fröhlich:
"Na, kann's losgehen?"
Karlmax
führte den Rat zum Eingang der Kanalisation von Neudorf.
Es hatte sich als nötige Maßnahme erwiesen, die neun abwesenden Drachen
mit dem Menschen zusammen zu ketten, weil sie ansonsten von alleine keinen Schritt
mehr getan hätten - ihr Bewusstsein schaltete doch schneller ab, als erwartet...
"Meine Freunde hier werden aufpassen, dass du mir nicht einfach wegrennst!",
hatte Kalessan zu Karlmax gesagt.
Der gesamte Rat bildete also jetzt eine kleine Kolonne aus vor sich hin träumenden
Menschen in farbigen Gewändern, die von einem grimmigen Hünen in roter
Robe begleitet und von einem kleinen, bärtigen Mann geführt wurde.
"Woher weißt du eigentlich von Saurudalfs geheimen Versteck? So geheim
scheint es ja nicht zu sein, wenn du davon weißt..."
Karlmax ignorierte den sarkastischen Unterton Kalessans: "Ich habe einmal
heimlich in Saurudalfs Aufzeichnungen gestöbert. Da bin ich auf eine Wegbeschreibung
zu seinem Versteck in der Kanalisation gestoßen."
"Das ist ja schön für dich!", antwortete Kalessan, "Mit
jedem Satz, den du sagst, verschwendest du weitere wertvolle Zeit deines kurzen
Lebens. Wenn ich dir also einen gut gemeinten Vorschlag machen darf: Geh weiter!"
"Ich gehe doch weiter!"
"Willst du mich nerven?"
Karlmax hob die Hände in einer abwehrenden Geste und wollte gerade die
Kanalisation betreten, als er mit einem jungen Mann zusammen prallte, der diese
gerade verließ. Der Mann schaute die seltsame Gruppe verwirrt an und sagte:
"Also Sally hat schon zugemacht. An eurer Stelle würde ich es heute
Abend noch einmal versuchen. Oder wollt ihr woanders hin? Achso, zum Sklavenhändler?"
Karlmax antwortete: "Ähm, nein, wir wollen nicht zu Sally - und auch
nicht zum Sklavenhändler, wir haben...ähm, woanders einen Termin."
Der Mann zuckte nur mit den Schultern und ging weiter seines Weges.
Kalessan fragte Karlmax auf ihrem Weg in die Kanalisation: "Wer ist Sally?
Und was zur Hölle hat sie in der Kanalisation zu suchen?"
"Nun...Sally ist Inhaberin eines...Geschäftes..."
"Ein Geschäft in der Kanalisation? Was verkauft sie denn da unten?
Scheiße?"
"Nein, sie verkauft...gewisse Dienstleistungen..."
Kalessan zog nur die Augenbraue hoch.
"Man kann zu ihr gehen...und gegen ein gewisses Entgelt kann man mit einer
Frau...zusammen sein..."
"Und das geht nur in der Kanalisation?"
"Naja, Sallys Aktivitäten werden nicht von allen als...völlig
legal betrachtet..."
Zu Karlmax' Erleichterung hakte Kalessan nicht weiter nach, sondern schüttelte
nur den Kopf.
Auf ihrem Weg durch die Kanalisation bemerkte der Drache, dass überall
an den Wänden Fackeln hingen. Wozu sollte jemand in einer Kanalisation
Fackeln aufhängen lassen? Und warum kamen ihnen immer wieder Menschen auf
dem Weg in die Kanalisation entgegen?
Karlmax sagte: "So, jetzt kommen wir in den Haupttunnel!"
Sie bogen um eine Ecke - und fanden sich auf einer Art Straße wieder.
Erneut hingen hier überall Fackeln an den Wänden. Mehrere Menschen
liefen auf den breiten Randsteinen neben dem stinkendem Hauptstrom der Kanalisation
entlang und bogen ab und zu in finstere Seitengassen ein. Als Kalessan einen
Blick in einen der Seitentunnel warf, sah er am Ende eine Tür, über
der ein hölzernes Schild hing, auf dem ein großes Messer abgebildet
war. In einem anderen Tunnel war eine Tür mit einem Schild, auf dem ein
brennendes Pentagramm aufgemalt war. Wieder in einem anderen Tunnel hing ein
Schild auf dem eine vermummte Gestalt zu sehen war.
Nachdem sie diesen Tunnel passiert hatten, kam ihnen genau eine solche Person
entgegen. Als Kalessan sie passierte, rempelte diese ihn kurz an, entschuldigte
sich und ging hastig weiter. Kalessan befühlte seine Taschen und war eher
weniger überrascht, als er sie leer vorfand.
Er drehte sich um und sah die vermummte Gestalt noch schnell in den dazu passenden
Seitentunnel einbiegen. Kalessan rannte dem Menschen in den Tunnel hinterher
und kam vor der Holztür mit dem "Vermummter Mann"-Schild zu stehen.
Er klopfte an, worauf sich der obligatorische Schlitz, durch den zwei finstere
Augenpaare starrten, öffnete.
"Ja?", hieß es barsch.
"Einer von euren kleinen, dreckigen Dieben hat mich eben beraubt. Er wird
eine Menge Leben retten, wenn er mir jetzt gibt, was mir zusteht."
Die finsteren Augen wurden noch finsterer. Dann ging der Schlitz zu. Von innen
hörte man die Stimme des Pförtners rufen: "Jimmy, hast du eben
einen zwei Meter großen Typen, mit 'ner komischen roten Robe ausgeraubt?...Du
hast da mal wieder was vergessen!"
Der Schlitz öffnete sich wieder: "Es tut uns leid, er ist noch jung
und relativ unerfahren. Hier, bitte!"
Eine Karte wurde durch den Schlitz gesteckt. Kalessan nahm sie entgegen. Der
Schlitz ging zu. Auf der Karte stand: "Ihr wurdet von Jimmy dem Fuß
ausgeraubt, offizielles Mitglied der Diebesgilde, Neudorf, HbmG. Wir danken
für eure Kooperation und wünschen euch noch einen angenehmen weiteren
Aufenthalt in der Neudorfer Kanalisation!"
Kalessan zerknüllte die Karte wütend mit einer Hand.
"So, das reicht...jetzt gibt es Tote!"
Er ballte seine Hand zur Faust und schlug mit aller Kraft gegen die Holztür.
Der erwartete Effekt explodierenden Holzes blieb jedoch aus. Stattdessen explodierte
der Schmerz in seiner Hand.
Kalessan wimmerte.
Hinter der Tür ertönte die Stimme des Pförtners: "Wir haben
jetzt geschlossen, kommt morgen wieder!"
Kalessan betrachtete ungläubig seine schmerzende Hand - es hatte also begonnen.
Er rannte los.
Am anderen Ende des Tunnels stand Karlmax mit den träumenden Drachen.
"Was...was ist denn los mit euch?"
"Halt die Klappe und führe mich zu Saurudalfs Versteck. Keine Umwege,
kein Verlaufen, keine Abkürzungen', verstanden?".
Karlmax sah ihn an - direkt in seine Augen. Und was er entdeckte, gefiel ihm
überhaupt nicht - er sah Panik.
Obwohl
Karlmax nicht der Schnellste war und die neun Drachen hinter ihm die Fortbewegung
enorm erschwerten, schafften sie es binnen weniger Minuten durch einige Seitenkanäle
in einen kleinen Tunnel, der an einer Gargoyle-Statue endete.
"Und jetzt? Ich tippe auf das alte Schalter finden und drücken'-Spiel.",
sagte Kalessan ungeduldig, aber mit einer gehörigen Portion Galgenhumor.
"Nicht ganz...laut Saurudalfs Aufzeichnungen müsste uns jetzt ein
Rätsel gestellt werden. Leider weiß ich nicht genau, wie es lautet."
"Ein Rätsel? Warum wird nicht nach irgendeinem Passwort oder so gefragt?
Das wäre doch viel sicherer!"
"Nunja, Saurudalf ist recht vergesslich, besonders was Passwörter
betrifft. Aber er ist gut im Rätseln. Deswegen hat er diesen Gargoyle verzaubert,
ein Rätsel aufzugeben. So hat er zumindest eine Eselsbrücke für
sein Passwort..."
Kalessan zog eine Augenbraue hoch, zuckte dann aber nur mit den Schultern und
ging auf die Statue zu. Die Augen des Gargoyles begannen auf klassische Art
und Weise rot zu glühen. Dann sprach er:
"Halt, wer hier vorbei möchte, muss erst das schwierigste Rätsel
lösen, welches da je erfunden worden ist, ansonsten..."
"Ansonsten was?", fragte Kalessan herausfordernd.
"Ansonsten wird er ein schreckliches Schicksal erleiden!"
"Das da wäre..."
"Er muss eine Stunde warten, bis er noch einen Versuch bekommt!"
"Bitte...was? Keine tödlichen Strafen? Keine alles zu Asche verbrennenden
Feuerbälle? Keine rasiermesserscharfen, plötzlich aus der Wand schießenden
Klingen? Keine sich langsam zusammen bewegenden Wände, die ihre Opfer langsam
und qualvoll zerquetschen?"
"Nein! Mein Meister würde sich doch nicht absichtlich in Gefahr bringen.
Außerdem wäre es doch ziemlich lästig, die Sauerei hinterher
hier immer aufräumen zu müssen, nicht wahr?", antwortete der
Gargoyle fröhlich.
"Oh...wie langweilig!", entgegnete Kalessan offensichtlich enttäuscht,
"Nun gut, dann stell dein ach so schweres Rätsel!"
"Nun gut. Aber seid vorbereitet auf das schwierigste und gewiefteste Rätsel
aller Zeiten, eine Kopfnuss, die nur die Allerwenigsten der Allerwenigsten knacken
konnten, eine Aufgabe, die nur die Schlauesten der Schlauesten der..."
Der Gargoyle bemerkte nun Kalessans patentierten Todesblick, welcher anscheinend
auch bei ihm hervorragend funktionierte...
"Ähm, ja...Verzeihung. Hier nun das Rätsel: Am Morgen geht es
auf vier Bei..."
"Der Mensch!", sagte Kalessan.
"Hey, das ist gemein. Ihr kanntet das Rätsel schon!"
"Oh, ich bitte dich - das ist das älteste, dümmste und vor allem
populärste Rätsel der Geschichte."
"Aber bis jetzt hat es noch keiner gelöst!"
"Nun...wie viele waren vor uns denn schon hier außer deinem Meister?"
Der Gargoyle sah sie nachdenklich an, zuckte dann mit steinernen Schultern und
schob sich mitsamt der Wand, in der er befestigt war, beiseite und gab den Weg
frei.
Karlmax sagte: "Ich kannte das Rätsel noch nicht!"
"Du bist ja auch kein Drache. Weiter!"
Kalessan, Karlmax und die neun halbnarkotisierten Drachen gingen durch die Tür
hindurch. Dahinter befand sich ein Raum, der eher spärlich ausgestattet
war: Je zwei Holzbänke standen an den beiden Seitenwänden und in der
Mitte des Raumes war ein Tisch, auf dem einige Schriftrollen lagen.
Karlmax sagte: "Das hier muss der Empfangsraum sein!"
"Wozu braucht ein machtgieriger Magier in seinem geheimen Labor unter der
Erde einen Empfangsraum?"
"Hoher Besuch, Freunde, Sponsoren..."
Kalessan nahm sich eine der Schriftrollen. Sie war mit dem Schriftzug "Mord
ist Sport, Ausgabe 4/01" betitelt.
Die Tür hinter ihnen ging wieder zu. Aus der gleichen Richtung ertönte
eine Stimme: "Guten Tag!"
Die beiden drehten sich ruckartig um. Hinter ihnen stand ein ihnen sehr bekannter
Mann, der einmal mehr zwei Armbrüste auf sie richtete.
"Ivel!?", riefen sie gleichzeitig (Kalessan und Karlmax, nicht die
Armbrüste).
"Nein, ich bin Esöb, der Zwillingsbruder von Ivel, den ihr so hinterhältig
ermordet habt. Dafür werdet ihr mir bezahlen!"
"Wir haben gar kein Geld dabei, das wurde uns gestohlen!", antwortete
Karlmax schnell, "Außerdem haben wir ihn nicht umgebracht!"
"Du hörst besser auf, mich für dumm zu verkaufen!"
"Er hat Recht, wir haben ihn nicht umgebracht. Nicht direkt zumindest.",
warf Kalessan ein.
"Wenn ihr es nicht wart, wer dann?"
"Ich könnte euch jetzt die Wahrheit erzählen und sagen, dass
Ivel von einer Münze getötet wurde, die mehrere hundert Meter weit
fiel, eine irrsinnige Geschwindigkeit entwickelte und seinen Kopf durchbohrte.
Würdet ihr mir glauben?"
"Das geschah vor der Magierakademie?"
"Ja."
"Oh diese verdammten Studenten! Eines Tages verpasse ich denen für
ihre dummen Streiche eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat! Wie dem
auch sei, ich danke euch für eure Hilfe. Jetzt muss ich euch aber leider
bitten, mit mir mitzukommen - wir haben euch bereits erwartet."
Er deutete höflich auf die Tür am anderen Ende des Raumes.
Angesichts der Armbrüste blieb den beiden wohl keine Wahl. Sie setzten
sich in Bewegung, öffneten die Tür und liefen den dahinter liegenden
Gang hinunter. Esöb ging direkt hinter ihnen, stieß aber immer wieder
mit dem geistlosen Smahug zusammen, der noch hinter Karlmax hing - und das brachte
ihn langsam aus der Fassung: "Müssen diese neun Zombies denn unbedingt
hinter dir herlaufen? Öffne die Tür!"
Karlmax tat wie ihm geheißen und öffnete die Tür neben ihm.
Dahinter lag ein leerer, kleiner Raum.
"Binde sie ab und führe sie da hinein!"
Nachdem Karlmax auch das ausgeführt hatte, erkundigte sich Esöb: "Und
sie können sich nicht aus freiem Willen weiterbewegen?"
"Anscheinend nicht, nein."
"Gut. Weiter!"
Einmal mehr markierte eine dieser langweiligen Holztüren das Ende des Ganges.
"Da durch!"
Hinter dieser letzten Tür wartete eine echte Überraschung auf Kalessan
und Karlmax: Es handelte sich hierbei nicht um einen weiteren, kleinen, leeren
Raum, sondern um eine Halle von relativ beachtlichen Ausmaßen. Überall
standen Tische herum, auf denen, wie es sich für ein ordentliches Magierlabor
gehört, verschiedenste Gerätschaften und vor allem Dutzende Reagenzgläser
standen, die mit allerlei Flüssigkeiten gefüllt waren, deren Farbspektrum
es einmal mehr schon fast mit dem der Drachen aufnehmen konnte.
An einem der Tische und neben einem großen Eisenkäfig stand mit dem
Rücken zu ihnen Saurudalf. Vor ihm war das Prettschett positioniert. Saurudalf
fluchte: "Verdammt!"
Kalessan antwortete: "Ihr wisst nicht, wie man es bedient, hm? Lasst mich
raten: Es liegt an diesen komplizierten ausländischen Anleitungen, die
kein Normalsterblicher verstehen kann, nicht wahr? Achso, ihr habt es ja selbst
gebaut...ich vergaß..."
Saurudalf drehte sich um.
"IHR! Ich...äh...ich habe euch schon erwartet! Besonders...MEIN SEKRETÄR?
Was zur Hölle willst du hier, Karlmax? Und wo ist der Rest von dem Drachengesocks?"
"Die habt ihr mit euren Mätzchen in den Wahnsinn getrieben, sodass
sie jetzt glauben, sie wären Menschen. So etwas finde ich sehr unschön
von euch... Ich dachte, ihr wolltet aus dieser Stadt einen lebenswerten Ort
machen!", antwortete Karlmax - seine Naivität war doch wirklich zu
niedlich.
"Die anderen habe ich in eine unserer Zellen gesperrt - wie er sagt, sie
waren völlig geistlos...", sagte Esöb.
"Hm...interessant! Sagt mir, um noch einmal auf den Beginn unseres Gespräches
zurück zu kommen, Drache, was meintet ihr damit, dass ich nicht wüsste,
wie man das Prettschett bedient?"
"Wir haben euch doch gesagt, dass sich unsere Magie von der euren unterscheidet.
Das Ding da hat keinerlei Nutzen für euch, solange ihr die Funktionsweise
unserer Magie nicht versteht."
Saurudalf kniff die Augen zusammen und schenkte Kalessan den bösen Blick,
was diesen natürlich wenig beeindruckte.
"Nun, ich lerne schnell. Ihr seid nicht zufällig bereit, es mir zu
erzählen?"
Kalessan lächelte den Magier an.
"Nun gut, dann werde ich mich woanders erkundigen gehen."
"Da bin ich ja mal gespannt, wie ihr das anstellen wollt. Wenn nicht gerade
Smahug wieder ein loses Mundwerk gehabt hat, dürfte dieses Geheimnis kaum
in einer eurer billigen Schriften niedergeschrieben sein. Und bei dieser Angelegenheit
bin ich mir ziemlich sicher, dass sogar er die Klappe halten kann." antwortete
Kalessan.
Saurudalf lächelte den Drachen an.
"Er hat geredet, nicht wahr?", sagte Kalessan
"Ganz in der Nähe von Neudorf gibt es einen alten Tempel mit einer
großen Bibliothek. Und rein zufällig gibt es meines Wissens nach
in dieser Bibliothek auch ein Buch über "Die Geheimnisse der Drachenmagie"
- verfasst mit Hilfe von Smahug, dem Weisen..."
Kalessan spitzte die Lippen und ging dann mit seinem Gesicht in eine wütend-enttäuschte
Grimasse über. Er sah ungefähr so aus, als hätte ihm jemand eine
Stunde lang ohne Unterbrechung ins Gesicht geschlagen.
"Ähm, Meister?", fragte Esöb.
"Ja?"
"Meint ihr den Tempel, der im Dunklen Sumpf im Norden liegt?"
"Ja!"
"Ich halte es für gefährlich, dort hinzureisen. Der Tempel ist
im letzten Monat wieder einige Meter gesunken, habe ich gehört. Viele der
örtlichen Mönche haben ihn schon verlassen, weil er jetzt jederzeit
untergehen könnte..."
"Ach, Quatsch! So lange wird er ja wohl noch halten. Ich brauche höchstens
zwei Tage bis dahin. Und für meine Studien benötige ich auch nicht
viel Zeit. Doch bevor ich abreise, habe ich noch etwas zu erledigen...",
sagte Saurudalf mit einem bösen Blick auf Kalessan und Karlmax.
An seinen Sekretär gewandt sagte er dann: "Zunächst einmal: Du
bist gefeuert! Und dann habe ich mir für euch beide schon ein wundervolles
Schicksal ausgedacht. Ich werde an euch beiden meine neueste und bösartigste
Errungenschaft einweihen und euch in einen großen Bottich stecken, der
bis zum Rand gefüllt ist mit kochender, brodelnder, alles auflösender...",
er machte eine dramatische Pause, "ASCORBINSÄURE!"
"Ähm...Meister?"
"Ja, was ist?"
"Ähm, das mit dem Kochen und Brodeln und dem Alles-auflösen stimmt
nicht so ganz..."
"Bitte...was?"
"Nun...es handelt sich nicht um eine aggressive Flüssigkeit, wie ihr
vielleicht annehmt, sondern eher um...um...um...ein Pulver..."
"Ein Pulver..."
"Ein Pulver."
"Ich hatte dir doch aufgetragen, Säure für meine Folterkammer
zu beschaffen!"
"Ja - und ihr hattet mir auch aufgetragen, möglichst die billigste
Säure zu besorgen, die ich finden könnte. Und das war nunmal Ascorbinsäure."
"Kann man das Pulver vielleicht in Wasser lösen und so eine kochende,
brodelnde und alles auflösende Säure schaffen?"
"Nein, das habe ich schon versucht."
Saurudalf schloss die Augen, presste die Zeigefinger an die Stirn, massierte
sich die Schläfen und atmete ruhig ein und aus. Dann sagte er: "Nun
gut...vielleicht ist es ja besser so.", er wandte sich an Kalessan, "Jetzt
kann ich euch noch damit quälen, wie ich eure eigene Magie benutze, um
euch langsam zu Tode zu foltern... Esöb, du wirst diese beiden hier in
den Eisenkäfig sperren und sie so lange bewachen, bis ich wieder da bin
- verstanden?"
"Ja, Herr."
"Diese Aufgabe ist auch wirklich nicht zu schwer für dich?"
"Nein, Herr."
"Du wirst dich auf diesen Stuhl setzen und diese beiden nicht aus den Augen
lassen?"
"Ja, Herr. Nein, Herr."
"Gut."
Saurudalf drehte sich ohne ein weiteres Wort um und stürmte aus der Halle
hinaus.
"Es
war irgendwas mit ...ein' hinten dran...", sagte sich Karlmax.
Er saß nun schon seit ungefähr zwei Stunden zusammen mit Kalessan
in dem Eisenkäfig und nutzte die Zeit, um sich über das Problem Gedanken
zu machen, welches ihn schon seit einiger Zeit beschäftigte.
Kalessan saß ebenfalls in Gedanken versunken neben ihm.
"Wisst ihr vielleicht noch ein Wort mit ...ein' hinten dran?",
wandte Karlmax sich an den verwandelten Drachen. Dieser saß jedoch nur
da und starrte ins Leere.
"Ähm...Kalessan?", fragte Karlmax und streckte die Hand aus.
Er zögerte kurz, in dem Bewusstsein, dass sein Vorhaben einem Selbstmord
gleichkommen könnte - dann rüttelte er den Drachen an der Schulter.
Nichts geschah.
"Kalessan? Hallo! Aufwachen! Oh, verdammt..."
Das war ein schlechtes Zeichen. Kalessan war unübersehbar geistig abwesend.
Karlmax suchte nun nach der Lösung von einem ganz anderen Problem. Er tastete
seine Taschen nach Geld ab, doch seine Unterbezahlung machte sich in gefundenem
finanziellem Nichts recht deutlich bemerkbar.
Er fragte den in der Nähe auf einem Stuhl sitzenden Esöb, der gerade
in einer Schriftrolle las, die mit "Das Sally-Magazin" betitelt war:
"Ähm habt ihr vielleicht kurz eine Münze oder ein Goldstück
für mich? Ihr bekommt es auch gleich wieder."
Esöb sah kurz auf: "Ich soll dich wohl noch dafür bezahlen, dass
du da drinnen sitzt? Vergiss es!"
Dann wandte er sich wieder seiner Schriftrolle zu. Auf einmal wurden seine Augen
groß. Er drehte die Schriftrolle um 90 Grad. Seine Augen wurden noch größer.
Esöb schaute wieder auf Karlmax und machte den Mund hastig auf und zu:
"Ent...ent...oh...oooh....entschuldige mich, ich habe...oohhoohh...kurz
was zu erledigen!"
Dann stand er schnell auf, rannte mit der Schriftrolle vor den Augen zunächst
gegen eine geschlossene Tür, öffnete sie dann, ging hindurch und schloss
sie wieder. Dann waren nur laute Oh..oohh...ohhohhhhoooohhhhs aus dem Raum dahinter
zu hören.
Karlmax dachte weiter nach, wie er Kalessan aus seiner Lethargie reißen
könnte. Da kam ihm eine weitere Idee.
Er ging zu Kalessan und öffnete dessen Mund und legte ein paar seiner Finger
hinein.
"Na, schmeckt euch das?"
Keine Reaktion.
Zur Standardausstattung eines Bürgers, der in einer Stadt wie Neudorf wohnt,
gehört immer ein Messer. Das ist so selbstverständlich, dass es nicht
einmal von den örtlichen Bösewichten und Schurken bei Durchsuchungen
abgenommen wird. Es gibt sogar ein Gesetz, das alle Bürger von Neudorf
verpflichtet, immer ein Messer dabei zu haben. Wenn man jemandem sein persönliches
Messer entwendet, droht dem Dieb darauf die Todesstrafe. Das reduzierte die
Gerichtsverfahren wegen vorsätzlichem Mord ganz erheblich, da nun jeder
Mörder auf "Verteidigung aus Notwehr" plädieren konnte.
Jedenfalls holte Karlmax sein ganz persönliches Messer aus dem Ärmel,
zögerte kurz, biss dann die Zähne zusammen und schnitt sich in den
Arm.
Dann ließ er das Blut in Kalessans geöffneten Mund laufen.
Zunächst gab es wieder keine Reaktion. Dann schloss sich Kalessans Mund
plötzlich um die Wunde und begann zu saugen.
"AUA!", rief Karlmax, zog den Arm schnell weg und legte sich dann
erschrocken die Hand auf den Mund, in der Annahme, Esöb könnte etwas
gehört haben.
Kalessan starrte ihn zunächst an, als ob er ein saftiges Stück Fleisch
wäre. Dann schaute er ihn völlig verwirrt an und schließlich
betrachtete er ihn so, wie er ansonsten immer nur...Karlmax anstarrte. Sein
Blick fiel auf dessen Schnittwunde.
Er runzelte die Stirn und schien erneut ins Leere zu starren. Als Karlmax schon
dachte, seine schmerzhafte Aktion hätte doch keinen Erfolg gehabt, sagte
Kalessan:
"Warum tust du das? Du hast mich vorher noch nie getroffen. Du weißt
nicht mal mehr, ob ich die Wahrheit sage und wirklich ein Drache bin... Außerdem
war ich nicht gerade nett zu dir - und dennoch machst du das alles hier mit,
um mir zu helfen. Warum?"
Karlmax zuckte mit den Schultern: "Nun, sogar Saurudalf sagt, dass ihr
ein Drache seid - warum sollte er sonst so etwas behaupten? Vielleicht helfe
ich euch aber auch nur deswegen, weil ich schon immer einem Drachen begegnen
wollte - weil ich schon immer mal auf einem Drachen reiten und die Welt von
oben sehen wollte...ich bin wahrscheinlich nur wieder zu naiv..."
"Allerdings! Schon Pläne, wie wir hier herauskommen?"
"Nun...nein! Ich dachte vielleicht, dass ihr..."
"Kalessan! Karlmax!", rief eine Stimme von der Tür her, durch
die sie den Raum betreten hatten. In ihr stand Smahug.
"Was macht ihr denn da drinnen?"
Kalessan antwortete: "Smahug! Geht es dir wieder besser?"
Der Drache kam näher an den Käfig heran: "Ging es mir denn je
schlecht? Daran kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern..."
Kalessan seufzte: "Nicht schon wieder...Smahug, sag mir: Was bist du?"
"Wie...was bin ich?"
"Welcher Spezies gehörst du an?"
"Ich bin natürlich ein Mensch! Was ist denn das für eine seltsame
Frage?", antwortete Smahug fröhlich.
Kalessan senkte resigniert den Kopf und seufzte erneut - diesmal war sich Smahug
anscheinend sicher. Dann schreckte er auf: "Karlmax, wo ist dieser Esöb
hin?"
"Oh, der ist wahrscheinlich gerade auf der Toilette und schaut sich schmutzige
Schriftrollen an...", antwortete dieser.
"Warum muss er dazu auf die Toilette? Warum geht er nicht in die Eingangshalle
und nimmt eine der sauberen Schriftrollen?"
"Vergesst es! Smahug, könntet ihr bitte das Schlüsselbund dort
nehmen und die Tür dort drüben abschließen? Das würde uns
ein paar Probleme ersparen...", Karlmax zeigte auf die Schlüssel und
die Tür.
"Was ist denn hinter..."
"Halt den Mund und tu es einfach! Wir wissen nicht, wann er wieder zurück
kommt!", sagte Kalessan.
Smahug hob abwehrend die Hände: "Nein! Nicht in diesem Tonfall! Ich
möchte zuerst das Zauberwörtchen hören!"
"Abrakadabra!"
"Du weißt, welches Wort ich meine!"
"Er hat es doch eben gerade gesagt!", stöhnte Kalessan und deutete
auf Karlmax.
"Ich möchte es aber von dir hören!"
Kalessan seufzte: "Würdest du BITTE zu diesem Tisch dort gehen, BITTE
das Schlüsselbund welches dort liegt aufnehmen, dich BITTE zu dieser Tür
dort drüben bewegen und sie dann BITTE abschließen, WEIL UNSER VERDAMMTES
LEBEN DAVON ABHÄNGT!"
"Aber natürlich, mein Freund!", antwortete Smahug fröhlich
und setzte sich in Bewegung.
"Oh...das ist so erniedrigend!", stöhnte Kalessan.
Smahug probierte einige der Schlüssel aus und fand schließlich den
richtigen. Kurz nachdem er ihn umgedreht hatte, wurde die Klinke von der anderen
Seite heruntergedrückt.
Smahug rief: "Hahaahaaa, wir haben dich eingeschlossen, du Bösewicht!"
Esöb antwortete: "Och Mist...dann geh ich halt noch mal auf die Toilette..."
Kalessan
und Karlmax befanden sich wieder auf dem Weg zur Oberfläche.
Hinter ihnen liefen die neun nun mehr als aufgeweckten Mitglieder des Rates.
Sie benahmen sich wie Kinder, die gerade durch das größte Spielwarengeschäft
der Welt liefen - und dabei war es nur eine stinkende Kanalisation...
"Was war eigentlich der Grund für ihren langen Aussetzer vorhin?",
erkundigte sich Kalessan.
"Ich vermute, dass sie sich in einem inneren Konflikt befanden, in dem
ihre alten Erinnerungen und ihr neues, menschliches Ich gegeneinander ankämpften.
Eine Vergangenheit als Drache und eine Zukunft als Mensch lässt sich nunmal
nicht unter einen Hut bringen. Nun, das Ergebnis dieses Konfliktes liegt hier
gut sichtbar vor uns. Sie scheinen nun hyperaktiv zu sein und all die neuen
Eindrücke in sich aufzunehmen, als müssten sie ihr verlorenes Gedächtnis
mit Erinnerungen aller Art füllen..."
"Aber du bist dir sicher, dass sie ihre Erinnerungen von vor der Verwandlung
alle wieder zurück erhalten?", fragte Kalessan.
"Ich bin mir in gar nichts sicher - ich bin mir nicht einmal mehr sicher,
ob man sie überhaupt zurückverwandeln kann!", kam Karlmax' Antwort.
"Du wirst ja richtig aggressiv, Kleiner - so gefällst du mir!",
erwiderte Kalessan mit einem Grinsen.
"Und warum geht es euch auf einmal wieder so gut? Ihr hört euch nicht
so an, als wäret ihr noch vor einigen Minuten kurz davor gewesen, eure
Existenz aufzugeben...", fragte Karlmax.
"Du hast Blutgruppe 0 negativ?"
"Woher..."
"Meine Lieblingsblutgruppe - lass es mich so sagen: Dafür lohnt es
sich wirklich, weiter als Drache zu existieren!", antwortete Kalessan weiterhin
grinsend. Dann wurde er schlagartig ernst, blieb stehen und sah Karlmax lange
und seltsamerweise völlig ohne Aggressivität im Blick in die Augen.
"Danke!", sagte er dann - und ging weiter.
Karlmax sah ihm nach.
An
der Oberfläche angekommen machten sie sich auf die Suche nach dem erstbesten
Stall, der Pferde verleihen konnte. Auf dem Weg zu "Rudy's Rappen"
in der Stinkegasse, dem einzigen Pferdestall der auch richtige Pferde anbot,
kamen sie einmal mehr an dem großen Platz vor der Magierakademie vorbei.
Auf dem Platz stand eine derartig große Menschenmasse, dass es unmöglich
war, den Platz zu überqueren, wenn man nicht gerade ein Bulldozer war.
Die Menge bestand nahezu ausschließlich aus menschlichen Männern
im jungen bis mittleren Alter, die alle in voller Rüstung und bewaffnet
waren. Sie standen halbkreisförmig um den Eingang der Magierakademie. Alle
schauten einen kleinen Holzpodest vor dem Eingang an, auf dem ein Redner stand
- es war Saurudalf.
Mit lauter Stimme verkündete er etwas: "...und deswegen benötige
ich mindestens ein Viertel von euch, damit wir uns zusammen einen Weg durch
die Armee schlagen können. Diejenigen unter euch, die diese Aktion überleben,
werden reich belohnt werden!"
Karlmax fragte einen in der Nähe stehenden Soldaten: "Was ist denn
los? Was für eine Armee meint er?"
"Neudorf wird von der Armee des Schräckelichen Haramasch belagert.
Seine Truppen haben bereits die gesamte Stadt umzingelt und man kann nun weder
in sie hinein noch aus ihr heraus...deswegen möchte der Bürgermeister
jetzt losziehen, um Hilfe zu holen. Doch dazu braucht er halt ein paar Männer,
um sich eine Schneise zu schlagen."
"Aber wie kann so eine Armee unbemerkt bleiben? Warum wurden wir nicht
vorgewarnt?"
"Keine Ahnung...wahrscheinlich haben all die Händler, Kundschafter
und Reisenden nur wieder vergessen, uns davon zu erzählen - das hatten
wir schon einmal.", der Soldat zuckte mit den Schultern.
"Wie groß ist denn Haramaschs Armee?"
"So an die 1.000 Mann..."
"Hm, das geht ja noch.", erwiderte Karlmax erleichtert.
"Ja, wenn man die restlichen 99.000 Amazonenkämpferinnen seiner Armee
nicht mitzählt - die sind alle anscheinend völlig begeistert von Haramasch..."
Karlmax klappte die Kinnlade herunter.
Kalessan sagte: "Diese Armee ist kein Problem für uns, sobald wir
unsere Magie wieder haben. Komm mit!"
Er packte Karlmax am Ärmel und zog ihn mit sich durch die Menge - die anderen
Drachen folgten brav. Wenigstens gab es diesmal wirklich was zum Glotzen...
Nach einigen Minuten voller Schubsen und Drängeln gelangte Kalessan mit
seinem Anhang dem Holzpodest schon sehr nahe. Leider fielen die Drachen mit
ihren farbigen Roben in der Menge so stark auf, wie ein Pottwal im häuslichen
Wohnzimmer. Ihre Ankunft blieb bei Saurudalf also nicht unbemerkt.
"Ihr da! Bringt mir diese komischen Vögel in ihren bunten Roben hier
her und haltet sie hier fest!"
Wenige Sekunden später sahen sich die Drachen mit Saurudalf konfrontiert
und von einer Horde feindlicher Soldaten umzingelt.
"Ich weiß nicht, wie ihr euch befreien konntet...aber ich werde euren
Tod nicht weiter hinauszögern! Soldaten! Bringt sie um! Hier und jetzt,
vor meinen Augen!", rief Saurudalf.
"Aber Herr, warum sollen wir sie umbringen? Sie haben euch doch gar nichts
getan!", erwiderte einer der Soldaten. Die anderen nickten zustimmend.
"Doch, haben sie - was wagt ihr eigentlich, meine Autorität in Frage
zu stellen!?"
"Wir möchten ja nur wissen, was sie euch getan haben."
"Siiieee...sind bei mir eingebrochen und...und haben versucht mich zu bestehlen.",
Saurudalf war sichtlich stolz darauf, dass er seinem Publikum zumindest eine
Halbwahrheit präsentiert hatte.
"Wir wollten uns aber nur das zurückholen, was uns gehört!",
schrie Kalessan den Magier an.
Einer der Soldaten sah den Drachen an und wieder zu Saurudalf zurück: "Stimmt
das, was er sagt?"
Saurudalf lief rot an: "DAS IST DOCH WOHL VÖLLIG EGAL, JETZT BRINGT
DIESE MISTKERLE ENDLICH UM!"
"Oh nein, so kommen wir erst gar nicht ins Gespräch.", antwortete
der Soldat und wandte sich wieder an Kalessan, "Was hat euch Saurudalf
denn abgenommen?"
"Wenn ich dir erzählen würde, dass ich und meine neun farbigen
Kollegen hier Drachen sind, deren Magie von Saurudalf gestohlen wurde, wodurch
sie jetzt in diesen Menschenkörpern feststecken - würdest du mir dann
glauben?"
Der Soldat schrak zurück: "Das ist ja ein unglaubliches Vergehen!
Werter Bürgermeister, bevor wir euch in eurem Vorhaben unterstützen
können, muss ich euch eindringlich darum bitten, diesen Herren hier ihre
Magie zurück zu geben!"
Saurudalf sah so aus, als würde er gleichzeitig kurz vor dem größten
Heulkrampf und dem schwersten Wutausbruch in der Geschichte der Menschheit stehen.
So ist es äußerst bewundernswert, dass er es schaffte, sich zusammenzureißen.
Jedenfalls schrie er nicht groß herum und brachte alles um, was ihm im
Wege stand.
Vielmehr hob er beide Hände. Sie begannen zu leuchten.
"Vielleicht kann ich euch Drachen mit Magie nicht verletzten - aber eurem
Freund und dem Großteil der anderen Menschen hier würden ein paar
ordentliche Stromschläge sicherlich...schlecht tun. Deswegen tut ihr alle
gut daran, mich jetzt durch zu lassen - und wehe euch, ihr versucht, mich anzugreifen
oder ihr verfolgt mich...ihr möchtet nicht wissen, was dann passiert!",
sagte er.
Kalessan schnaubte verächtlich. Sollte er jetzt der Beschützer dieser
Menschen sein? Das wurde wirklich immer und immer besser... Er tröstete
sich jedoch damit, dass seine eigene magische Immunität nun wahrscheinlich
auch verschwunden sein würde und trat beiseite.
Eine kleine Gasse bildete sich in der Menge. Saurudalf bewegte sich zügig
durch die Masse, die Hände leuchtend im Anschlag gehalten. Am Rande des
Platzes angekommen, rannte er los.
"VERDAMMT!", schrie Kalessan und stampfte mit dem Fuß auf.
Karlmax versuchte, ihn zu beruhigen: "Ruhig Blut, Kalessan! Er kann ohne
Hilfe nicht aus der Stadt raus, er ist uns hier ausgeliefert."
"Du vergisst den netten Herrn Haramasch und seine Feministentruppe, Kleiner.
Allzu viel Zeit haben wir in dieser Hinsicht sicherlich nicht mehr."
Die Menge auf dem Platz begann sich langsam aufzulösen - die Soldaten waren
anscheinend auf dem Weg, um die Stadtmauern zu bemannen und der aufkommenden
Belagerung zu trotzen.
Karlmax sagte: "Das mit dem Krieg lasst mal meine Sorge sein!"
Er stieg auf den Podest und richtete sich lauthals an die Menge: "Ähm...Hallo?
Könnte mir mal bitte jemand zuhören?"
Jemand in der Menge schien ihn tatsächlich bemerkt zu haben: "Hey
Leute, schaut mal, da steht noch jemand auf dem Podest!"
Zustimmende Rufe ertönten aus anderen Teilen der Masse: "Ja, stimmt!",
"Der hat sicher was zu sagen!", "Komm, sprich zu uns!",
"Ja, genau, sprich zu uns!"
Der Platz füllte sich wieder genauso schnell mit Soldaten, wie er sich
geleert hatte - anscheinend war jede Möglichkeit, die unangenehme Arbeit
auf der Mauer noch ein wenig hinauszuzögern, äußerst willkommen.
"Ähm...hört mich an, oh Soldaten von Neudorf!", rief Karlmax
in übertriebener Betonung.
Ein Blick in die Menge verriet ihm, dass diese Art der Rede nicht sehr gut ankam.
Also machte er normal weiter: "Passt auf, ich weiß, wie ihr die Invasion
auf unsere Stadt verhindern könnt!"
"Hört hört!", kam die Antwort aus dem Publikum.
"Diese letzten 24 Stunden hat mir eines klar gemacht: Die physische Projektion
des eigenen Ich ist rückkoppelnd auf die Gedanken des betroffenen Individuums!"
Stille.
Kurze Ansätze eines halbherzigen "Hört..." waren zu vernehmen.
"Ähm...was ich sagen möchte, ist: Das, was man glaubt zu sein,
das ist man auch. Das, was man weiß, das kann auch nicht falsch sein.
Wenn wir jetzt einfach annehmen...nein, wenn wir wissen, dass diese Armee
gar nicht da draußen steht - dann wird sie auch nicht mehr da sein, wenn
wir nachsehen. Jetzt wissen wir noch, dass Haramasch mit seinen Horden da draußen
wartet. Wenn wir jetzt anfangen zu wissen, dass alles seinen gewohnten
Gang geht, dann kann doch gar keine Barbarenhorde existieren. Denn wir wissen,
dass sie nicht existiert!", Karlmax' Versuch den Soldaten seine Gedankengänge
zu erklären war ähnlich hilflos wie der eines Hochschullehrers, der
Quantenphysik in einer Vorschulklasse unterrichten soll.
Dennoch sprangen die Soldaten auf seinen Vortrag an - wenn auch nicht so, wie
sich Karlmax das vorgestellt hatte: "Hey, der Typ da scheint intelligent
zu sein, das stimmt sicher, was der sagt!", "Ja, genau!", "Hey,
ich weiß gar nichts von eine Barbarenhorde, die vor unserer Stadt campt
und uns zu überrennen droht!", "Was für eine Barbarenhorde?"
Die Menge begann sich auf unter fröhlichem Gelächter aufzulösen.
Kalessan stellte sich neben Karlmax. Aus der absoluten Leere seines Gesichtsausdruck
konnte man nur ansatzweise das herauslesen, was er über das eben Gesehene
dachte.
Er sagte zu Karlmax: "Eine Frage...eine einzige Frage, dich mich Zeit meines
Lebens beschäftigt hat: Ihr existiert erst seit wenigen Jahrtausenden.
Ihr vermehrt euch schneller als die Karnickel. Ihr nehmt mit euren Städten
und Burgen drei Viertel der gesamten Landmasse des Planeten ein. Ihr seid die
erfolgreichste Spezies, die diese Welt je hervorgebracht hat...
Warum?"
Karlmax sah ihn an und lächelte - es war, als ob die Rollen getauscht wurden
- und sagte: "Wir wissen halt sehr viel..."
Und dann stand Esöb vor ihnen. Er hatte eine riesige Armbrust in der Hand.
Wie man unschwer erkennen konnte, war sie jedoch ein wenig modifiziert: Die
Waffe war mit lauter Zahnrädern versehen und hatte statt einem Abzug eine
große Kurbel, sowie ein langes, ledernes Band, welches an der Seite des
Geschützes herunter hing und in dem viele weitere großkalibrige Armbrustbolzen
steckten.
Er trieb die Drachen auf dem Podest zusammen und begann, böse zu grinsen.
"So...ich denke mal, ich habe jetzt die Erlaubnis von Saurudalf bekommen,
euch mit meinem kleinen Baby hier umzulegen. Noch ein paar obligatorische letzte
Worte?"
Kalessan bemerkte ein vertrautes altes Aufblitzen über sich und sah nach
oben. Dann rief er: "Ja: ALLE IN DIE AKADEMIE!"
Esöb sah ebenfalls nach oben - diesmal war das Blitzen nicht einfach, sondern
gleich dutzendfach. Und während sich die Drachen in die Akademie zurückzogen,
fluchte er seine eigenen letzten Worte: "Oh, diese verdammten Studenten!"
Und dann war da wieder dieses wundervolle Geräusch:
Wupwupwupwupwupwupflatschpling
wupwupflatschpling
wupflatschpflatschplingpling
wupwupwupflatschpling
Es sah aus wie eine realistische Version des Märchens vom
Sterntaler.
Die Drachen beobachteten das Schauspiel teils angewidert, teils belustigt.
Kalessan sagte: "Diese Studenten gefallen mir...sie haben genau das richtige
Timing!"
Zur
gleichen Zeit, außerhalb der Stadt:
Die gigantischen Horden des schräckelichen Barbaren Haramasch bereiteten
sich auf ihren Sturm auf Neudorf vor.
Junge Männer machten sich bereit, für ihren Führer in den gegnerischen
Pfeilhagel zu laufen und schoben den riesigen Rammbock in Richtung des großen
Holztores der Stadt. Hinter ihnen folgten die ersten Wellen von Kriegerinnen
und Bogenschützinnen.
Über Steine und Äste rollte der gigantische Baumstamm, auf welchem
vorne ein Eisenkopf in Form eines riesigen Geschlechtsteiles aufgesteckt war
- das Zeichen des Schräckelichen Haramasch. Es hatte schon seine Gründe,
warum ihm die Frauen wortwörtlich in Scharen hinterher liefen.
Die Männer hatten das Stadttor erreicht. Auf Kommando holten sie mit dem
schweren Baumstamm aus und ließen ihn gegen das Tor krachen. Die Erschütterung
und der Lärm mussten durch die gesamte Stadt zu hören sein.
Ein weiteres Mal schmetterte der eiserne Wille Haramaschs gegen die schutzlosen
Tore Neudorfs. Da rief einer der Männer, die das Gerät bedienten:
"STOP! STOP! Ist euch eigentlich nichts aufgefallen?"
"Hey, an dem Rammbock da vorne steckt ja ein..."
"Nein, das meine ich nicht, Idiot! Wir müssten doch jetzt eigentlich
von siedendem Öl übergossen und von Pfeilen überschüttet
werden, oder?"
Zustimmende Rufe ertönten von den anderen Männern. Der Redner ging
ein paar Schritte zurück, hob die Hände trichterförmig vor den
Mund und rief lauthals: "HAAALLOOO! IHR DA! GEHT ES LANGSAM MAL LOS HIER?"
Keine Antwort.
"IST ÜBERHAUPT JEMAND ZU HAUSE?"
Keine Antwort.
Der Mann stapfte wieder zurück zu seinen Kollegen.
"Na toll, keiner da. Da gibt es endlich mal eine Sache, für die man
ordentlich sterben kann und dann..."
"Ja, genau! Ich hatte mich schon so gefreut, heldenhaft für die Eroberung
dieser Stadt draufzugehen."
"Und meine Familie braucht das Geld von meiner Lebensversicherung!"
"Von deiner was?"
"Ähm...das ist, wenn...wenn...wenn du...nein...ähm, pass auf,
das funktioniert so: Wenn du...ähm...stirbst und du...und du so eine Versicherung...ähm...äh...ach,
vergiss es!"
"Was ist hier eigentlich los, ihr maskulinen Faulpelze?", brüllte
eine heran marschierende Kommandantin.
"Die Neudorfer wollen nicht kämpfen!"
"Was?"
"Die reagieren einfach nicht auf unsere Attacken!"
"Ist doch wunderbar, da bleibt ihr noch ein bisschen länger am Leben."
"So macht es aber keinen Spaß!", sagte einer der Soldaten enttäuscht.
"Hm...da hast du auch wieder Recht.", stimmte die Kommandantin zu.
"Und was machen wir jetzt?"
"Tja, ich würde sagen, diese Party ist gelaufen...kommt, wir suchen
uns eine andere Stadt - ich sage noch schnell Haramasch Bescheid!"
"In Ordnung!", "Bis nachher!", "Tschau!", "Ssih
Juh!", "Wir sehn uns!", "Bai bai!"
Es war eine fröhliche Soldatentruppe.
Kalessan
schaute vorsichtig über die Mauer.
"Ich glaube es einfach nicht - die ziehen tatsächlich ab! Woher zur
Hölle wusstest du, dass das passieren würde?"
Karlmax zuckte mit den Schultern: "Einen Versuch war es doch wert, meint
ihr nicht auch?"
Jemand zupfte ihn am Gewand: "Ähm...Entschuldigung?
"Was ist...Neidhöcker?"
"Mooooment! Woher willst du wissen, dass das da Neidhöcker ist und
nicht Droca?", unterbrach ihn Kalessan.
"Aber ich bin Neidhöcker!"
Karlmax schaute Kalessan verwirrt an: "Das ist doch eindeutig. Er hat eine
viel größere Nase als Droca, außerdem ist seine Stirn leicht
gewölbt und er hat ein gut sichtbares Grübchen im Kinn. Mal ganz davon
abgesehen, dass seine Haare blond und Drocas Haare eher dunkelblond sind...
Das Einzige, was die beiden verbindet, ist die Farbe ihres Gewandes. Obwohl...Neidhöckers
Robe ist eher bronze- und Drocas kupferfarben..."
"Ist dir gerade klar geworden, dass du das erste Wesen bist, das die beiden
mit 100%iger Genauigkeit voneinander unterscheiden konnte?"
"Ähm...hallo?", sagte Neidhöcker, "Darf ich auch noch
was sagen?"
"Jaja, nur zu...", antwortete Kalessan.
"Wir suchen doch nach diesem Saurudalf...wie wollen wir ihn jetzt finden?"
"Ich denke, wir sollten uns auf den Weg zu Rudys Rappen' machen und
versuchen, Saurudalf dort abzufangen."
Wenige Minuten später kamen sie an besagtem Ort an.
Es handelte sich...um einen Stall.
Ein ganz normaler Stall.
Er war im fackwerklichen Stil erbaut und hatte eine große, klassische
Holztür als Eingang.
Keine architektonischen Verrücktheiten.
Keine durchgedrehten Menschen, die vor dem Stall herumliefen, noch durchgedrehtere
Sachen machten und gar unaussprechliche Dinge taten.
Ein ganz normaler Stall.
Kalessan mochte den Stall.
An der Tür hing ein Schild:
Rudys Rappen
Inhaber: Rudy Maphrodit
Kalessan, Karlmax und der Rest betraten das Gebäude.
Es roch nach Pferd. Und auch ein wenig nach Eseln, Schweinen und zu groß
geratenen Hunden. Sie alle standen in ihren Boxen rechts und links neben dem
Hauptgang, welcher an einer Art Theke endete.
Dahinter stand ein muskulöser, ungewaschener und unrasierter Mann.
Der Stall war schon fast zu klassisch.
Karlmax sagte: "Hallo...ich nehme an, ihr seid Rudy?"
"Nennt mich Maphrodit!", kam die barsche Antwort.
"In Ordnung, Herr Maphrodit. Wir wollten nur fragen, ob hier vor kurzem
ein junger, recht unauffällig gekleideter Mann vorbei gekommen ist."
"Geht's vielleicht 'n bisschen präziser, Freundchen? Junge Männer,
die unauffällig gekleidet sind, kommen hier nicht gerade selten vorbei."
"Ähm...wisst ihr zufällig, wie der Bürgermeister aussieht?"
"War vor 'ner Viertelstunde hier, der gute alte Saurudalf. Wollte mein
schnellstes Pferd hab'n. Hab ihm hundert Goldstücke dafür abgeknöpft.
Dabei sind se doch alle gleich schnell!", Herr Maphrodit lachte.
"Dann gebt uns euer zweitschnellstes Pferd!"
"Das kostet euch 90 Goldstücke!"
"20 Goldstücke!", warf Kalessan ein und setzte sofort seinen
Lieblingsblick auf.
Herr Maphrodit zeigte sich allerdings als äußerst widerstandsfähig...
"Lass nich mit mir fälschen!"
Das verwirrte selbst Kalessan. Doch zum Glück kam ihm Tjamat zu Hilfe.
"Ooohhh, schaut mal, das süße Hündchen da!", sagte
sie...er zu einem riesigen, bellenden Dobermann, der angestrengt an seiner Kette
riss und versuchte, ihm die Kehle rauszureißen.
Der Fakt, dass da gerade eine Frau mit der tiefsten Bassstimme sprach, die Herr
Maphrodit je gehört hatte, ließ dessen Unterkiefer runterklappen
und brach seine psychische Widerstandskraft gegenüber Kalessans "Tu
was ich die befehle!"-Blick. Diese taktische Schwäche wurde sofort
ausgenutzt.
"10 Goldstücke!"
Herr Maphrodit nickte wortlos und murmelte: "Box 4..."
Kalessan sagte zu Smahug: "Du regelst das mit der Bezahlung. Zur Not bleibst
du einfach so lange hier, bis ich wieder zurückkomme, ja?"
"In Ordnung, mein Freund!", antwortete dieser fröhlich.
Kalessan verzog säuerlich das Gesicht, drehte sich dann um und ging zur
besagten Box. Karlmax folgte ihm.
"Was ist?", fragte Kalessan.
"Darf ich nicht mitkommen?"
"Zu zweit sind wir viel zu langsam - ich reite alleine."
"Aber ihr kennt nicht die geheime Abkürzung durch den Wald, so wie
ich...", antwortete Kalessan mit einem Grinsen.
"Sag mal, woher kennst du eigentlich immer die beste Abkürzung, den
exakten Weg zum Ziel und die richtige Erklärung für alles?"
"Wenn man nicht der Stärkste oder Schnellste ist oder enorme magische
Fähigkeiten, sowie einen eisernen Willen oder wirtschaftliches Geschick
hat, dann hat man in dieser Stadt keine Chance zu überleben. Also schafft
man sich so viel Wissen an wie möglich, um den Großen und Starken
nützlich zu sein."
Kalessan seufzte: "Wenn doch nur alle Menschen eine solche Einstellung
hätten... Steig auf!"
Ihm
gefiel diese Abkürzung nicht. Äste peitschten gegen sein Gesicht und
Zweige rissen seine Kleidung auf. Warum musste er eigentlich reiten? Ach ja,
weil Karlmax nicht reiten konnte - selbst er als Drache konnte das! Ein Transportmittel,
das man fressen konnte, hielt er für eine praktische Erfindung.
Nach einer Ewigkeit, wie es Kalessan schien, kamen sie aus dieser Hölle
von einem Wald heraus und auf offenes Gelände.
"Wohin jetzt?", rief Kalessan.
Doch sein Reitpartner antwortete nicht.
Der Drache drehte sich um, blieb jedoch bei der Hälfte der Drehung stecken.
Genau parallel zu ihnen, vielleicht 50 Meter entfernt, ritt Saurudalf und starrte
sie genauso dämlich an wie sie ihn. Dennoch reagierte er früher und
gab seinem Pferd die Sporen.
Die Verfolgungsjagd ging nun über das offene Feld.
Saurudalf hatte sein Pferd anscheinend bereits ziemlich verausgabt, denn obwohl
Kalessan und Karlmax zu zweit auf einem Ross saßen, gelang es ihnen, immer
weiter und weiter aufzuholen.
Sie kamen näher und näher, bis auf eine Entfernung von 5 Metern, da
schlug Saurudalf einen Haken und vergrößerte den Abstand wieder.
So ging das Spiel eine Zeit lang weiter. Immer wieder holten Kalessan und Karlmax
auf. Ab und zu kamen sie sogar so nah heran, dass Karlmax nach Saurudalf greifen
konnte. Doch dieser schlug immer wieder plötzliche Haken, was einmal sogar
zur Folge hatte, dass Karlmax fast aus dem Sattel fiel.
Schließlich kamen Verfolger und Verfolgter an einen Fluss, der über
eine Furt durchquert werden konnte. Saurudalf ritt vor und drehte am anderen
Ufer um. Er hob etwas in die Luft - es war das Prettschett.
Er rief: "Wenn ihr ihn haben wollt - dann kommt und verlangt nach ihm!"
Karlmax rief zurück: "Heißt es nicht das Prettschett?"
Kalessan sagte zu ihm: "Können wir solche Debatten jetzt wohl mal
bitte außen vor lassen?"
Dann ritt er los, durch die Furt. Auf halbem Wege hob Saurudalf auf einmal den
anderen Arm und begann, einen seltsamen Singsang aufzusagen. Gleich darauf war
ein lautes Rauschen zu vernehmen.
Kalessan ritt weiter, doch das Rauschen wurde schnell immer lauter und lauter.
Mit letzter Kraft schob sich sein Pferd aus dem Fluss hinaus. Der Drache stürzte
sich sogleich auf seinen Widersacher.
Die beiden Pferde gingen zu Boden.
Nach ein paar Sekunden legte sich der Staub.
Kalessan hatte Saurudalf am Boden festgenagelt. Dieser schaute ihn völlig
verwirrt an: "Das...das ist aber nicht richtig! Ihr solltet voller
Erstaunen in dem Fluss warten und dann hilflos von der gigantischen Flutwelle
weggespült werden..."
Kalessan drehte sich um. Das Rauschen, das er gehört hatte, war nur der
Wind gewesen. Doch da war auch eine Flutwelle. Sie war knapp einen Meter hoch.
"Ich bin beeindruckt...", sagte er. Dann holte er aus und schlug Saurudalf
mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser sofort bewusstlos wurde.
"Ähm...hallo? Könnt ihr mir mal helfen?", fragte Karlmax,
der bäuchlings unter dem Pferd begraben lag.
Kalessan hörte nicht auf ihn. Er nahm das immer noch blau leuchtende Prettschett
in die Hand und betrachtete es kurz.
Karlmax sah, wie er es zu Boden schmetterte und wie es zerplatzte. Das blaue
Leuchten, das vorher immer so intensiv gewesen war ging in die Luft über
und wurde sofort von Kalessans Körper aufgesogen. Die Bedienung des Prettschetts
war doch einfacher, als er gedacht hatte...
Wie ein gigantischer Wirbelsturm rotierte die blau gefärbte Luft um den
Drachen, ohne jedoch einen Ton hervorzubringen. Es war, als betrachtete man
einen spektakulären Effektfilm, den man vorher auf "Stumm" geschaltet
hat. Schon bald war nichts mehr von dem blauen Licht in der Luft um Kalessan
vorhanden.
Und dann verschwand die Sonne.
Nein, sie verschwand nicht - sie war einfach weg.
An ihrer statt erhob sich eine riesige gelbe Mauer vor Karlmax' Augen. Es war
Kalessans Unterbauch.
Der Drache hatte seine Flügel weit ausgebreitet und das Sonnenlicht schien
durch die relativ dünnen Membranen.
Seine Arme hielt er so, als ob er die Welt umarmen wolle.
Die Augen waren geschlossen.
Es war die Pose, die Menschen einnahmen, wenn sie nach einem sehr langen und
sehr unfreiwilligem Aufenthalt unter der Erde endlich mal wieder an die Erdoberfläche
kamen und die Sonne sehen konnten.
Dann ertönte die Stimme des Drachen. Wie eine mächtige Orkanböe
drückten die erzeugten Schallwellen Karlmax zu Boden.
"JAAAAA - DAS IST MACHT!"
Kalessan schlug die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf Karlmax. Mit einer
Handbewegung schleuderte er das erschöpfte Pferd von seinem Körper
herunter.
Der kleine Mensch rappelte sich auf und betrachtete den Drachen mit offenem
Mund von oben bis unten.
"Ihr...ihr seid wunderschön...", hauchte er.
"Schön für dich, Wurm!", antwortete das gigantische Wesen
in leiserem Tonfall, was allerdings auch schon ausreichte, Karlmax wieder zu
Boden zu schmettern.
Der Drache machte nicht einmal eine Bewegung mit der Klaue, als er den Menschen
in die Luft hob, welcher sich nun, von unsichtbaren Händen getragen, in
einer Höhe mit Kalessans gigantischem Gesicht befand.
Das Gesicht grinste - Karlmax lächelte zurück.
"Du denkst also wirklich, ich hätte mich geändert...", sagte
der Drache, diesmal in einem Tonfall, der in Karlmax' Ohren keine bleibenden
Schäden hinterließ.
Das Lächeln auf dessen Gesicht erstarb sofort und wich einem verwirrten
Blick.
"Was...was meint ihr damit?"
"Oh, komm schon - ich hatte dich für intelligenter gehalten. Denkst
du wirklich, du kannst einen 3000 Jahre währenden Persönlichkeitszug
von mir einfach umpolen? Ich dachte eigentlich immer, deine Naivität wäre
nur oberflächlich. Jetzt hat sie dich in den Tod getrieben..."
"Ihr...ihr wollt mich jetzt umbringen? Einfach so umbringen? Ich habe euch
das Leben gerettet! Ich habe euch eure Existenz bewahrt! Ohne mich wäret
ihr gar nicht in der Gestalt, in der ihr euch momentan befindet!"
Kalessan lachte: "Oh, aber Selbstbewusstsein hast du dazu gewonnen - bravo!
Weißt du...ich bin dir sehr dankbar, dass du mir mein Leben gerettet hast.
Ich bin dir aber noch dankbarer für die erste richtige Mahlzeit seit langem,
die du mir abgeben wirst. Und natürlich für dieses wunderbare Geschenk...diese
unbändige Kraft, die nun durch meinen Körper fließt..."
"Ihr werdet den anderen Drachen ihre Magie doch zurückgeben...oder?"
"Ha, deine Naivität kennt wirklich keine Grenzen! Schau dir diese
Trottel doch an! Einer ist unfähiger als der andere, kaum sind sie von
dieser Kraft getrennt. Sie vergraben sich in sich selbst und akzeptieren ihr
Schicksal - sie kämpfen nicht für ihre Existenz. Ich bin der Einzige,
der würdig ist für diese Macht!"
"Aber...aber...", stammelte Karlmax, "Aber es ist nicht richtig!
Es kann nicht einer alleine die gesamte Verantwortung übernehmen. Es kann
nicht nur eine Meinung vertreten sein, eine Herrschaft oder ein überautoritäres
Wesen."
"Deine kleinen Theorien können mir absolut egal sein, Wurm. Du warst
zwar ein ganz schlaues Kerlchen, aber es kann mir egal sein, was die Welt über
mich denkt. Was wollen sie denn alle gegen mich unternehmen? Endlich habe ich
die Freiheit, zu tun und lassen, was ich will, unabhängig von den Entscheidungen
irgendeines Rates und ohne die Möglichkeit, dass mir jemand in meine Angelegenheiten
pfuscht!"
"Nun gut, dann fresst mich! Doch ich prophezeie euch eins: Wenn ihr nicht
im Sinne eurer Untergebenen handelt, wovon ich stark ausgehe, dann werden sie
sich eines Tages gegen euch aufheben - allesamt! Alle intelligenten Völker
und Wesen dieses Planeten werden sich gegen euch auflehnen. Und dann habt ihr
nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie finden einen Weg, euch umzubringen.
Oder ihr schafft es, sie alle zu vernichten. Doch sagt mir: Lohnt es sich, alleine
auf der Welt zu sein? Was nützt es, über die gesamte Welt zu herrschen,
wenn es nichts mehr gibt, worüber man herrschen könnte? Eines Tages
werdet ihr das einsamste Wesen auf diesem Planeten sein und dann werdet ihr
wünschen, mich nicht gefressen und den Rat gerettet zu haben. Ich weiß,
dass auch ihr von anderen Wesen abhängig seid. Ihr habt doch immer jemanden
gebraucht, mit dem ihr euch auseinandersetzen konntet. Ich weiß, dass
ihr die Konversationen und Streitigkeiten mit euren Kollegen im Grunde immer
gemocht habt. Ohne sie wird es euch schnell langweilig werden."
Kalessan schnaubte: "Und woher willst du das wissen, Würmchen?"
"Ich weiß es einfach. So etwas habe ich im Gefühl! Und jetzt:
Bringt es hinter euch!"
Karlmax Stimme zitterte kein bisschen - das tat schon sein Körper. Und
sein Blick sah eisern in die gelb glühenden Abgründe seines Gegenübers,
so wie es vor ihm noch niemand getan hatte.
Kalessan war beeindruckt.
"Ich bin beeindruckt!", sagte er, "Du versuchst nicht weiter,
mich irgendwie umzustimmen. Du flehst nicht um dein Leben. Du bettelst nicht
um Gnade oder um einen schnellen Tod, weil du weißt, dass es keinen Sinn
hat. Ich bin nicht dumm, musst du wissen...und ich weiß, dass alles, was
du gerade gesagt hast, vollkommen richtig ist."
"Also...was werdet ihr jetzt tun?", fragte Karlmax.
Kalessan lächelte.
"Sagt, werter Herr, was ist das da für ein Ding, was ihr in den Händen
haltet?", fragte Tjamat den Herrn Maphrodit höflich.
"Dassis 'ne Armbrust, du Ausjeburt der Hölle! Noch ein Wort von dir
und ich drück' ab!", antwortete dieser nicht ganz so höflich.
"Und was passiert dann?", erkundigte sich Smahug, der sich genähert
hatte, um das interessante Gerät zu betrachten.
Herr Maphrodit wich sofort zurück an seine Theke.
"Und ihr andern bleibt mir auch fern, oder 's setzt für euch auch
was, ihr Diebe!"
"Was ist ein Dieb?", fragte einer der restlichen Drachen mit kindlicher
Neugier.
"Seid's ihr vollkommen bescheuert oder was? Ihr wisst jenau, dass ihr mir
noch Geld schuldet...150 Goldstücke!"
"Geld?"
"Schon mal g'sehn?", fragte Herr Maphrodit sarkastisch, als er eine
golden glänzende Münze aus der Tasche zog.
Die Drachen schraken sofort auf, wichen vor dem kleinen Geldstück zurück
und betrachteten es furchtvoll.
"Nehmt dieses schreckliche Mordinstrument sofort weg von uns! Wollt ihr
uns etwa Schaden zufügen?", rief Smahug ängstlich aus.
"Wat?"
"Wir haben vorhin gesehen, wie ein Mensch damit umgebracht wurde - bitte...tut
uns nichts!"
Das löste bei Herrn Maphrodit einen Geistesblitz aus, wie er nur äußerst
gerissenen und geldgierigen Geschäftsleuten kommen kann. Zur Probe hielt
die Münze noch ein wenig weiter von sich, was sofort zur Folge hatte, dass
die Drachen noch ein wenig weiter zurückwichen. Er legte die Armbrust auf
seine Theke und bewegte sich langsam auf die Gruppe der neun verschüchterten
Drachen zu, die Münze stetig von sich gerichtet.
"Ihr werdet mir jetzt all euer Ge...alle eure Waffen geben, ansonsten werde...ich
meine hier benutzen!", rief er aus.
"Oh, bitte...wir sind unbewaffnet!"
"Wat, ihr habt kein Geld dabei?"
"Wir...wir sind friedliebende Leute, wir tragen keine Waffen bei uns!",
stammelte Smahug.
"Nicht ma' mehr euer Messer?"
"Was auch immer das ist - nein!"
Und wie es der Zufall so will erspähte Herr Maphrodit just in diesem Moment
durch die immer noch geöffnete Eingangspforte seines Stalles zwei Männer
der Stadtwache vor seinem Laden. Schnell bewegte er sich auf die beiden zu und
rief: "Hey, Wachen! Ich hab' hier neun Frevler, die ohne Messer herumlaufen
und mir noch Geld schulden. Nehmt se sofort fest!"
Die beiden Männer reagierten nicht.
Sie schauten nach oben.
Genauso die vielen Menschen rechts und links neben ihnen.
"Hallo? Könnt's ihr noch hören?"
Vielleicht lag es ja an der Münze in Herrn Maphrodits Hand...auf jeden
Fall stürmte die kleine Menschenmasse, die sich vor seinem Laden angesammelt
hatte, auf einmal laut schreiend auseinander.
Die Tiere im Stall begannen zu scheuen und zu schreien.
Die Erde erzitterte und ein lautes Krachen war von draußen zu hören.
"Wat zur...", setzte Herr Maphrodit an. Der Rest seines Satzes ging
jedoch in einem ohrenbetäubenden Knirschen und Bersten unter.
Bretter und Holzsplitter fielen auf ihn, seine Tiere und seine neun Kunden herunter.
Alle Anwesenden in dem Gebäude warfen sich zu Boden, bis der Holzregen
aufgehört hatte.
Herr Maphrodit sah nach oben.
Das Dach des Hauses war nicht mehr vorhanden. Stattdessen türmte sich der
Schatten eines gigantischen Drachen über das Gebäude, der sich anscheinend
direkt in das Haus nebenan gesetzt hatte und den Inhalt des von ihm aufgebrochenen
Stalls fies grinsend betrachtete.
"Da seid ihr ja alle, schön zusammengepfercht auf einen Haufen - wie
praktisch!", donnerte seine Stimme über die Stadt und zerstörte
noch ein wenig mehr von Herrn Maphrodits Stall.
Und während dieser noch überlegte, ob er von dem Drachen einen Schadenersatz
fordern solle, wurde der Kunde, der eine goldene Robe trug, wie von Geisterhand
in die Luft erhoben.
Herr Maphrodit beobachtete sprachlos, wie der Mensch immer weiter anstieg, auf
den gigantischen Kopf und das riesige Maul des Drachen zu.
Saurudalf
erwachte.
Er war anscheinend nicht tot.
Das war ja zumindest schonmal etwas...
Er richtete sich auf.
Anscheinend lag er immer noch neben der Furt, die über den Fluss führte.
Mein Prettschett!, dachte er panisch und betastete hektisch seinen gesamten
Körper, sah sich um - und fand ein paar Meter neben ihm die übrig
gebliebenen Scherben seiner Kreation.
Er kniete sich hin, nahm einige der Scherben mit beiden Händen auf und
ließ sie durch seine Finger auf den Boden rieseln.
"Mein schönes, schönes Prettschett...wie konnte das nur passieren?
Was habe ich falsch gemacht? Warum ich? Warum muss immer mir so etwas passieren?
WARUM ICH?", schrie er letztendlich laut aus.
"Psst, nicht so laut! Ihr wollt doch nicht wilde Tiere anlocken oder?",
ertönte eine Stimme.
"Oh, richtig...Verzeihung! Moment mal...", Saurudalf drehte sich um,
"DU?"
"Warum duzt mich eigentlich jeder in dieser dämlichen Geschichte,
während alle anderen geihrzt werden?", antwortete sein Sekretär.
"Bitte...was?"
"Ach, vergesst es!"
"Wo ist dieser unsägliche Drache hin? Ich möchte meine Magie
wiederhaben!", rief Saurudalf wütend aus.
"Keine Ahnung, er hat mich einfach hier gelassen und ist weggeflogen. Ich
bin nur noch hier, um euch einem Gericht zu verantworten, das eine angemessene
Strafe über eure Taten verhängen wird."
"Ich habe keine Zeit für solche Spielchen!", knurrte Saurudalf
entnervt und machte eine Handbewegung durch die Luft, die zur Folge hatte, dass
Karlmax' Beine wortwörtlich unter seinem Körper weggefegt wurden.
Er gab einen kurzen Schmerzenslaut von sich und fragte Saurudalf dann erstaunt
am Boden liegend: "Hey, wie habt ihr das gemacht?"
"Die Macht ist mit mir...ich bin Magier, du Vollidiot!"
Er machte weitere Handbewegungen. Karlmax drehte sich schnell, ein wenig über
dem Boden schwebend, immer im Kreis.
"Du sagst mir jetzt, wo dieser Drache hin ist, ansonsten mache ich hiermit
solange weiter, bis das gesamte Blut deines Körpers im Kopf und in den
Füßen ist!"
Karlmax' Antwort war: "Hui! Juchuu! Das macht Spaß!"
Saurudalf zog ihn mit einer Handbewegung an sich heran und starrte ihn mit wütenden
Blicken an.
"Du hältst das Ganze wohl für besonders komisch, nicht wahr?
Nun, ich nicht. Also, wo ist der Drache?"
"Ich weiß es nicht!"
"Nun gut...dann brauche ich dich nicht mehr..."
Saurudalf schleuderte seinen Sekretär mit einer starken magischen Handbewegung
mehrere Meter weit von sich weg und gegen einen Baum, wo dieser an einem spitzen
Ast hängen blieb.
Der Magier lächelte, drehte sich um - und hörte wieder auf zu lächeln.
Die Erde bebte kurz, als der gigantische rote Drache rund zehn Meter vor ihm
aufsetzte.
Sie erbebte erneut. Direkt hinter ihm hatte sich ein weiterer Drache, diesmal
mit goldenen Schuppen niedergelassen.
Dann bebte die Erde wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Und immer wieder, als die anderen acht Drachen des Rates sich kreisförmig
um ihn postierten und eine riesige, undurchdringliche Mauer aus schuppigen Leibern
bildeten.
Der goldene Drache begann zu sprechen: "Seid ihr Saurudalf Roklem, Bürgermeister
der Menschenstadt Neudorf und lehrender Magier an der dortigen Magierakademie?"
Aufgrund der für ihn eher ungewohnten Lautstärke wälzte sich
der Mensch auf dem Boden hin und her, hielt sich die Ohren zu und schrie in
einem hilflosen Versuch, gegen die geballte Dezibelkraft anzukommen, laut "AAAAAAAAAAAHHHH!".
"Was hat er gesagt?", fragte Smahug.
"Ich glaube, er sagte Jaaaaaaaaaaaaa!'", antwortete Vasdendas.
"Müssen denn diese Formalitäten sein? Können wir ihn nicht
einfach endlich umbringen?", seufzte Kalessan.
Smahug sagte: "Du hast ja Recht...also, Freunde - auf mein Zeichen! Eins,
Zwei..."
Während Smahug diesen Satz sagte, rappelte sich Saurudalf wieder auf.
Ah, so ist es besser!, dachte er sich.
Blut strömte aus seinen Ohren.
Doch warum macht dieser Drache sein Maul auf und zu, ohne etwas zu sagen?
So sehr Saurudalf Rätsel mochte, dieses sollte ihm für den Rest seines
Lebens zu schaffen machen und ungelöst bleiben. Unnötig zu sagen,
dass dieser Rest nicht mehr sehr groß war.
Denn plötzlich öffneten alle zehn Drachen ihre Mäuler und hauchten
ihn an. Ein tödlicher Regenbogen aus Drachenodems ging auf ihn nieder.
Fortan hätte man den Magier Saurudalf in ein Buch der Rekorde eintragen
können, hätte es etwas derartiges schon gegeben. Er war der erste
Mensch der Welt, der auf sechs verschiedene Weisen gleichzeitig starb.
Er wurde durch die Odems der Drachen gleichzeitig verbrannt, eingefroren, von
Säure zerfressen, von einer Giftwolke erstickt, von einem Blitz gebrutzelt
und in einer Wolke aus Wasserdampf gekocht.
Das hatte natürlich zur Folge, dass von ihm und einem großen Stück
Land rings um ihn herum relativ wenig übrig blieb.
Smahug ergriff erneut das Wort: "So, gute Arbeit Freunde, das wäre
erl...Vas? Vasdendas? Geht es dir gut?"
Der messingfarbene Drache saß bebend vor dem verkohlten Stück Land,
das einmal Saurudalf gewesen war.
"Ich...ich habe gerade ein lebendes Wesen umgebracht..."
"Tut mir ja sehr leid, dass du so gegen deine Prinzipien ver..."
Vasdendas unterbrach ihn gleich wieder: "Es war...befriedigend...es...es
hat mir etwas gegeben, diesen...diesen MISTKERL zu pulverisieren. Na? Gefällt
dir das, du...du blöder Mensch du? Na? Willst du mehr davon?"
Und erneut spie er seinen korrosiven Atem auf das ohnehin schon gequälte
Stück Land.
"Na? Jetzt bist du nicht mehr so stark, ohne dein Prettschett, hm?"
Er nahm die verbrannte Erde in seine Klauen, warf sie in die Luft und lachte
dazu irre.
Während einige der anderen Drachen des Rates versuchten, ihn zu beruhigen,
fiel Kalessan etwas ein: "Wo ist denn eigentlich Karlmax?"
"Der hängt da hinten an diesem kleinen Baum.", antwortete Smahug.
"Smahug?"
"Ja?"
"Du hast Recht, er hängt da an dem Baum. An einem spitzen Ast hängt
er.", sagte Kalessan.
"Ja, und?"
"Der Ast ist durch seinen Brustkorb getrieben worden."
"Oh...ist er tot?"
Das
Paradies war schön.
Karlmax hatte zwar nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt, doch hier war es.
Eine wundervolle, paradiesische Landschaft mit immergrünen Bäumen,
wundervoll duftenden Blumen in den schönsten Farben, großartigem
Wetter und idyllischen Seen.
Doch das war noch nicht alles. Als er das Paradies durchstreifte, noch immer
in den Sachen, die er bei seinem Tod getragen hatte, traf er auf all die Personen,
die ihm in seinem Leben wichtig gewesen waren.
Seine verstorbenen Eltern, seine Geschwister, seine gesamte Familie war dar.
Und es bedurfte keiner Worte mehr, um zu kommunizieren - es herrschte einfach
ein tiefes, wortloses Verständnis. Lächelnd und lachend zeigten ihm
seine Verwandten die schönsten Ecken des Paradieses, führten ihn durch
die idyllische Landschaft und durch heimelige Dörfer, in denen die Menschen
in ewigem Glück leben konnten.
Und die ganz Zeit dachte dich Karlmax nur eines: Warum bin ich eigentlich
nicht schon früher gestorben?
Irgendwann versammelten sich all seine Verwandten rings um ihn herum und lächelten
ihn an. Doch etwas Trauriges schwang in diesem Lächeln mit.
Was...was ist?, wollte Karlmax fragen, doch auf einmal gab der Boden
unter ihm nach und er fiel. Er konnte noch von unten die Gesichter seiner Liebsten
sehen, wie sie ihm nachsahen.
Dann verschwammen ihre Köpfe.
Stattdessen starrten ihn zehn riesige Drachen an.
Und sie alle hatten schrecklichen Mundgeruch.
Außerdem lag er auf einem verkohlten Stück Land. Neben ihm standen
ein paar verbrannte, verkrüppelte Bäume.
"Er kommt zu sich!", sagte einer von den Drachen.
"Was...wo...wo sind meine Eltern? Meine Verwandten? Die schöne Landschaft?
Bin ich in der Hölle?", stammelte Karlmax.
"Du bist wieder in der Welt der Lebenden.", antwortete der Drache
mit dem goldenen Kopf, "Du hast unser Leben gerettet, also retteten wir
deines - ist doch ein faires Geschäft, nicht wahr?"
"Ja...", sagte der Mensch resigniert.
"Und so dankt er es uns. Hallo! Wir haben uns alle gerade angestrengt,
um dich aus dem Reich der Toten zu holen!", sprach der grüne Drache...Glaureng
war sein Name gewesen, richtig.
"Denen geht es irgendwie immer so mies, wenn man sie wieder zum Leben erweckt.
Bis jetzt haben sich nur die wenigsten gefreut. Die waren aber genauso wenig
dankbar...", erwiderte Adorelon, der Silberne.
So langsam kamen die Erinnerungen Karlmax' wieder zurück. Er wandte sich
an Kalessan: "So seid ihr meinem Rat also gefolgt!?"
"Andernfalls wärest du bereits seit einigen Stunden verdaut."
"Und..." - Karlmax warf einen Blick auf die anderen Drachen - "Und
die anderen hier haben wieder alle ihr Gedächtnis zurück? Sie sind
wieder genauso wie vorher?"
"Ich denke schon.", antwortete Kalessan, "Sie haben jetzt nur
erstmal keine große Lust, wieder in die Nähe von menschlichen Städten
zu kommen...kann ich ihnen nicht verdenken."
"Und jetzt? Was passiert jetzt?"
"Wir werden jetzt alle nach Hause fliegen. Ich erkläre diese Sitzung
als beendet! Wir sehen uns in ein paar Jahrzehnten zur Jahrhundertsabrechnung
wieder, ja?", sagte Smahug.
Die meisten der Drachen riefen eine Zustimmung, verabschiedeten sich voneinander
und schwangen sich in die Lüfte.
"Und das war's? Mehr nicht? Keine große Abschlussfeier? Sie haben
mir nicht einmal mehr gedankt!", rief Karlmax enttäuscht.
"Sie haben ihre Schuld an dich bezahlt. Du bist schließlich auch
nur ein Mensch von vielen. In ein paar Jahren bist du eh tot.", erwiderte
Kalessan, der noch dageblieben war, "Aber du kannst gerne mit zu mir kommen,
dann zeige ich dir mal meine Höhle, wenn es dich froh macht."
Ein glückliches Aufblitzen in Karlmax' Augen verriet ihm, dass dies der
Fall war. Kalessan senkte seinen Kopf.
"Also gut - steig auf!"
Karlmax ließ nicht lange auf sich warten.
"Nun gut, oh großer Anführer...man sieht sich!", sagte
Kalessan zu Smahug.
"Kalessan, ich wollte dir noch sagen, ähm...danke! Du hast die richtige
Entscheidung getroffen!", antwortete dieser.
"Dieses Urteil überlasse lieber mir, Smahug!"
Er stieß sich vom Boden ab und flog weg.
Smahug sah ihm nach und dachte sich: Irgendetwas bin ich auch ihm schuldig...vielleicht
sollte ich demnächst damit aufhören, so offen über unsere Rasse
zu plaudern...
Und während ihrem Flug nach Hause dachten auch die anderen über sich
und die zurückliegenden Ereignisse nach.
Droca dachte darüber nach, ob er bei dem aufkommenden Theaterstück
"Kerker und Drachen" eine Rolle übernehmen sollte.
Neidhöcker dachte: Ich habe jetzt mal wieder richtig Lust, an einer
saftigen Wurzel zu knabbern!
Adorelon dachte: Der zeitliche Ablauf der letzten paar Seiten ist irgendwie
vollkommen unlogisch, wenn man mal darüber nachdenkt...
Vasdendas dachte: Ich muss jetzt irgend etwas töten...jetzt sofort!
Glaureng dachte: War ich wirklich so böse, dass man mich so hässlich
erschaffen musste? Das ist gemein!
Tjamat dachte ernsthaft darüber nach, demnächst bei sich zu Hause
ein Ei auszubrüten.
Morkulebus dachte ernsthaft darüber nach, professioneller Krallenmasseur
zu werden.
Schneeweißchen dachte: HED DSUEB SAHEZA KEIW JASHD AKEJES MEUNASJ KAOSLEJB!
Karlmax erfreute sich an der absoluten Freiheit des Fliegens, genoss den Wind,
der durch seinen Bart rauschte und dachte: Vielleicht ist das Leben ja doch
nicht so schlimm!?
Und Kaleesan? Der dachte nur: Oh, hab ich einen Hunger! Irgendwo muss doch
hier etwas zum Essen sein! Ein Dorf, eine kleine Stadt...irgendwas!
Tja...das Sein verdirbt das Bewusstsein.
Written by Der
Doktor
Und hier noch ein Portrait von Kalessan, gemalt von Psydrache - besser hätte sie ihn wohl nicht treffen können! :-)

© Sonja Ramseyer
Ein Exklusiv-Interview mit dem Doktor zum "Prettschett"