Von Julius K.
Obwohl die Geschichte "Das Babysitter" noch nicht sehr alt ist, steht bereits jetzt fest, dass ihr Autor, der unter dem Peudonym "Der Doktor" schreibt, einen modernen Klassiker geschaffen hat, der brisante Probleme und Missstände der modernen Gesellschaft mittels bemerkenswerter Metaphorik auf amüsante Weise karikiert und so gnadenlos bloßstellt.
Um
hinter die komplexen gesellschaftlichen Strukturen der Geschichte - die oberflächlich
lediglich ein humorvoller Fantasy-Kurzroman zu sein scheint - zu kommen, benötigt
es folgender
Grundthese, durch die das gesamte Werk entschlüsselt werden kann:
Der sozialistische Theoretiker Karlmax und der rote Drache Kalessan sind ein
und dieselbe Person!
Es geht dabei in der Geschichte nicht wirklich um Schizophrenie, es handelt
sich vielmehr um ein tragisches Vater-Sohn-Drama mit Schwerpunkt auf der Figur
des Vaters Karlmax/Kalessan. Dass es sich bei diesen beiden so grundverschiedenen
Wesen um ein und dieselbe Person handelt, wird bereits an der Ähnlichkeit
der beiden Namen klar, die jeweils mit "Ka" beginnen. Durch diesen
genialen Kunstgriff kommt es vom Leser her schon in der Geschichte selbst
zu Verwechslungen zwischen den beiden, wodurch die Charaktere sowohl formal
als auch inhaltlich miteinander verschmelzen.
Überträgt
man diese grundlegende These nun auf das Story-Grundgerüst, so verlässt
nicht Karlmax zusammen mit seiner Frau für ein paar Wochen seinen Sohn,
sondern Rita geht alleine weg und lässt ihren hilflosen Mann alleine
mit Ninnel zurück.
Dass Karlmax nicht sehr gut mit ihm umgehen kann, wird bereits in der ersten
Szene der beiden deutlich. Auf symbolischer Ebene stellt nun der Drache Kalessan
die ahnungslose, verwirrte, einsame und mitunter auch düstere, dominante
und brutale Seite des Vaters dar, dessen freundliche, wenn auch leicht schusselige
und dominierte Seite durch den Menschen Karlmax repräsentiert wird. Durch
Ritas Abreise kommt also die dunkle Seite von Ninnels Vater plötzlich
zum Vorschein. Da nun der durch Rita gestellte Mittelpunkt von Vater und Sohn
auf einmal verschwunden ist, wissen die beiden nichts miteinander anzufangen
- die Entfremdung zwischen ihnen wird nur allzu deutlich.
Hier deutet "Der Doktor" bereits erste, sozialkritische Züge
an: Die Missstände zwischen Kindern und Erwachsenen fangen bereits in
der eigenen Familie an! Das Bild von einer Familie, welches er zeichnet, ist,
gelinde gesagt, katastrophal: Vater und Sohn wollen nichts voneinander wissen,
es herrscht keine Autorität seitens des Vaters, die Mutter verlässt
ihre Familie für mehrere Wochen (= emanzipatorisches Verhalten der Frau
heutzutage) und der Junge ist unerzogen, ungebildet und versteht es nicht,
sich Autoritäten unterzuorden - dies alles vor dem Hintergrund einer
gut funktionierenden, glücklichen Familie.
Man streitet sich noch darüber, ob dieser Teil der Geschichte autobiographische
Züge hat.
Der Vater wird jedenfalls mit seinem Sohn alleine zurück gelassen, und
sofort kommen seine negativen Seiten in der allegorischen Form des Drachen
Kalessan zum Vorschein. Der Vater versucht zunächst mit Gewalt, seinen
Sohn zur Vernunft zu bringen, hat damit aber nur mäßigen Erfolg.
Als viel größeres Problem für dieses ungleiche Paar stellt
sich jedoch die Nahrungsbeschaffung dar. Auf kongeniale Weise karikiert der
Autor in Kalessans Problemen die Unfähigkeit des modernen Durschnittsmannes,
bei Abwesenheit seiner Frau für sich selbst einkaufen oder kochen zu
können.
Der
zentrale Punkt der gesamten Story ist natürlich die Geschichte, die der
Vater seinem Sohn erzählt, in Fachkreisen schon jetzt als die "Parabel
vom kleinen, roten Drachen" bekannt.
Was als harmlose Gute-Nacht-Geschichte beginnt, weitet sich rasch zu einem
brutalen Massaker aus. Einerseits wird dadurch der Charakter des Vaters noch
weiter ausgebaut. Durch ein in seiner Jugend erlebtes Trauma wird sein exzentrisches
und brutales Verhalten erklärt, wenn auch nicht gerechtfertigt. Auf der
anderen Seite sind hier auch deutliche Parallelen zum Vietnamkrieg zu erkennen,
der die Jugend vieler heutiger Erwachsener zerstörte und sogar bis in
die Jetztzeit Nachwirkungen hat.
Durch
dieses Reflektieren seines Traumas gelingt es dem Vater jedoch, eine engere
und bessere Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen, die sich fortan merklich
verbessert. Dies geht sogar so weit, dass der Vater es schafft, zum Schutze
seines Sohnes seine negativen Angewohnheiten kurzfristig aufzugeben - in der
Geschichte spiegelt sich das darin wieder, dass Kalessan seine zahlreichen
Bittsteller einfach auszahlt und gehen lässt, anstatt sie umzubringen.
Diese kurzfristige Verbesserung der Vater-Sohn-Beziehung wird jedoch sogleich
wieder zunichte gemacht, woran jedoch beide Seiten gleichermaßen Schuld
haben. In Ninnels Drängen, Kalessan solle die Jungfrau in jener Szene
umbringen, fällt das Kind erneut in die alte Missachtung der Autorität
seines Vaters zurück. Kalessan als der Vater dagegen bestraft seinen
Sohn sehr hart, was in der Geschichte als Tod Ninnels sehr überzogen,
aber nichtsdestotrotz eindeutig dargestellt wird. Fortan ist die Beziehung
zwischen den beiden nur noch auf Abwegen und der eigentliche, tragische Teil
der Geschichte beginnt.
Der Vater ist fortan aufgrund seines schlechten Gewissens wegen der Bestrafung
unfähig, seine Autorität weiter auszubauen, und sein Sohn nutzt
dies schamlos aus.
Diese
Situation führt letztendlich zur Katastrophe für die Familie, da
Kalessan die ominöse Drachin Syrop kennen lernt, eine Außenseiterin,
eine Fremde, die absichtlich erst sehr spät in die Geschichte eingeführt
wird. Syrop steht symbolisch für die Versuchung des Vaters, sich nach
einer anderen Frau umzusehen und so Abstand zu seiner jetzigen Familie zu
gewinnen. Der Kampf mit der Drachin ist somit sinnbildlich für den inneren
Kampf des Vaters zwischen seinem Gewissen und dem Verlangen nach jener Frau
in Abwesenheit seiner Gattin. Im Geschlechtsakt, einer Art One-Night-Stand
mit der Drachin, kehrt der Vater seiner Familie endgültig den Rücken
zu, die Familie hat verloren, der männliche Trieb hat gewonnen. Zum Schluss
verabschiedet die neugeborene, dunkle Seite des Vaters, Kalessan, sich von
seiner ehemaligen Familie mit dem Befehl, nie wieder zurück zu kommen,
um seine Beziehung zu der fremden Frau ungestört ausleben zu können.
Er verlässt die Liebe seiner Frau für eine auf Sex basierende Beziehung
mit einer Fremden.
Die Geschichte selbst mag vielleicht zum Lachen sein, doch die Thematik dahinter
ist es, wie hier zweifelsfrei dargestellt wurde, bei weitem nicht!
Der Familienaspekt ist der Hauptteil der Geschichte, doch auch viele andere kleine Anspielungen auf die heutige Welt finden sich in dem komplexen Werk von "Der Doktor" wieder. Beispielsweise der Part mit dem Reisenden aus einer fremden Dimension, der Hochmütigkeit, sogar auf Kosten seiner Gefährten (ich werde die Welt retten!) mit einem tiefen Fall bezahlen muss (die Botschaft Kalessans an Morkulebus). Der Rat der Drachen auf der anderen Seite ist eine Parodie allererster Güte auf Politiker und Machthabende auf der ganzen Welt. Es findet sich noch vieles mehr, doch alles ist immer verschlüsselt und mit einem leichten Augenzwinkern präsentiert und nicht immer sofort offensichtlich.
Man sollte jedoch vorsichtig mit der Geschichte "Das Babysitter" sein! Denn so komplex und vielschichtig das Werk auch ist - es kann leicht geschehen, dass man die Geschehnisse dort überinterpretiert.